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Wenn nicht Hoyerswerda, dann Weißwasser

Ex-Oberbürgermeister-Kandidatin Dorit Baumeister wird in der Nachbarstadt Leiterin des Bau-Referates.

Hier im WK I startete Dorit Baumeister gern ihre architektonisch-historischen Neustadt-Führungen, für die man etwas Zeit mitbringen musste.
Hier im WK I startete Dorit Baumeister gern ihre architektonisch-historischen Neustadt-Führungen, für die man etwas Zeit mitbringen musste. © Foto: privat

Hoyerswerda/Weißwasser. Auf der Heckscheibe von Dorit Baumeisters Auto klebt noch der Slogan aus Hoyerswerdas Oberbürgermeisterwahlkampf 2020: „#StadtimAufbruch“. Das gilt aus ihrer Sicht jetzt wohl für Weißwasser. Am Montag hat die 57-Jährige im Rathaus der Nachbarstadt den Vertrag als Leiterin des Baureferates unterschrieben. „Ich brauchte gut drei Wochen, um den Schritt zu gehen, mich zu bewerben“, sagt sie. Es sei ihr nicht leicht gefallen, nach so vielen Jahren des Engagements für Hoyerswerda den Fokus auf eine andere Stadt zu lenken. Und das will sie nun mit vollstem Einsatz tun. Sie trete in Weißwasser nicht nur einen Acht-Stunden-Job an.

Als die Architektin nach Jahren in Berlin und Regensburg 1992 an den Ort ihrer Kindheit und Jugend zurückkehrte, um hier gemeinsam mit ihrem Vater ein Büro zu eröffnen, stellte sie zwei Dinge fest. Der Niedergang der einstigen Avantgarde-Stadt hatte besonders in der Neustadt zu Schmerz und Trauer geführt. Andererseits, sagt sie, habe sie eine gewisse Scham gespürt: Kaum jemand wollte darüber reden. „Ich wollte den Leuten klarmachen: Ihr seid keine Loser, Ihr könnt stolz sein.“ Das Resultat war 2003 das von ihr initiierte Projekt „Superumbau“. Der Abriss eines Hauses in der Merzdorfer Straße im WK VIII wurde künstlerisch begleitet. Starre und Lethargie sollten ein Ventil finden, so eine Art kollektive Therapie sollte beginnen.

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In Hoyerswerdas Altstadt entsteht eine Wohnung für Mieter, die viel Raum mögen – und die von den zukünftigen Bewohnern sogar mitgestaltet werden kann.

Langzeit-Aufgabe Bürgerzentrum

Es folgten unter Baumeisters Leitung beziehungsweise Mitwirkung eine ganze Reihe von künstlerisch-architektonischen Interventionen, häufig in Verbindung mit der KulturFabrik, deren Mitglied und oft auch Ideengeberin sie geworden war: „Hier bin ich geborn ...“ 2005, „Die dritte Stadt“ 2007 oder „Auszeit – Nachdenken über H.“ in einem Abrissblock im WK X 2012. Parallel versuchte sie ihre Überzeugung, Hoyerswerda könne nur mit höchster Qualität auf allen Ebenen punkten, beruflich zu verwirklichen. Nicht jeder von ihrem Büro betreute Bau gefiel jedem. Aber das war auch nicht das Ziel. Die Form sollte der Funktion entsprechen und bestenfalls Diskussionen zur Stadtgestaltung anregen.

Ausdruck dessen sind das Foucault-Gymnasium oder die Wohnanlage „Kiefernhaag“ im WK III ebenso wie die Arztpraxis und der bisherige Fahrradladen am Pforzheimer Platz. Das Bürgerzentrum wurde von 1997 bis 2015 Langzeit-Aufgabe. Dorit Baumeisters zeitweise Verzweiflung, die im Film „Wenn wir erst tanzen“ ihres Bruders Dirk Lienig (in der ARD-Mediathek abrufbar) sichtbar wird, hatte auch damit zu tun, dass sie der Dauer-Bau physisch und beruflich erschöpft hat. Obendrein kam ihre mitunter für andere recht anstrengende Art, nicht nur von sich selbst mindestens 120 Prozent zu erwarten, über die Jahre nicht bei jeder Person mit offizieller Verantwortung gut an. Dieses Gemisch sowie die Erfahrungen im Amt der Altstadtmanagerin mit förmlicher Gestaltungs-Gewalt und dem Erfolg des „Boulevard Altstadt“ führten zur OB-Kandidatur.

„Ich habe immer geglaubt, man braucht kein öffentliches Amt, um sich einzubringen. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch so, aber ab einer bestimmten Stelle scheitert es.“ Daraus resultierten die Bewerbung um das Oberbürgermeister-Amt und das Wahlprogramm, das man auch als Manifest lesen kann: „#StadtimAufbruch“.Linke, Bündnis 90/Grüne und Aktives Hoyerswerda unterstützten Dorit Baumeister, sie wurde aber nur Zweite. Ihre anfängliche, aber vorübergehende Enttäuschung war mit Händen zu greifen. Es gab im Herbst noch ein einstündiges Gespräch mit Wahlsieger Torsten Ruban-Zeh (SPD) zur Frage, wie sie künftig offiziell mitwirken könnte. Vorsichtig gesagt fand man nicht zusammen. „Schade“, sagt der nunmehrige Rathauschef dazu. Sie umschreibt das so: „In Weißwasser hat sich eine Tür geöffnet, die es hier nicht gab.“

Vergleichbare Erfahrungen

Konkret: eine Position mit Entscheidungsgewalt. Der Baureferats-Leiter der Nachbarstadt geht in den Ruhestand. Dorit Baumeister erfuhr von der schon vorher veröffentlichten Ausschreibung zur Nachfolgersuche nach dem zweiten Wahlgang. In den Wochen zuvor hatte sie unter anderem bei Weißwassers OB Torsten Pötzsch (Wählervereinigung Klartext) Tipps zur Führung einer Kommune eingeholt. Er unterstützte sie auch mit der Teilnahme an einer Wahlkampf-Gesprächsrunde im Saal der LebensRäume-Zentrale. „Mir gefällt seine engagierte und progressive Art“, sagt seine nunmehrige Mitarbeiterin über ihn. Grundsätzlich seien Weißwasser und Hoyerswerda nicht so verschieden: „Es gab in den letzten dreißig Jahren vergleichbare Erfahrungen, die Menschen haben Ähnliches erlebt.“ Und an Weißwassers Stadtoberhaupt schätzt sie noch etwas: Der sächsische Sprecher der kommunalen Lausitzrunde habe verstanden, dass sich die Zukunft nur regional sowie im Netzwerk der Städte und Gemeinden gestalten lasse.

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