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Wer baut das große Forschungszentrum?

Im Wettbewerb darum hat sich in Knappenrode ein Institut der Fraunhofer-Gesellschaft in Stellung gebracht.

Aus Forschung könnte auch Produktion werden in der Lausitz.
Aus Forschung könnte auch Produktion werden in der Lausitz. © Foto: Gernot Menzel

Professor Michael Stelter unterrichtet an der Universität Jena Technische Umweltchemie. 2019 bekam er einen Preis für die Entwicklung eines besonders umweltfreundlichen Energiespeichers auf Salzbasis. Stelter ist außerdem stellvertretender Leiter des Fraunhofer-Instituts für Keramische Technologien und Systeme (IKTS). Als solcher stand er am Dienstag im Kühlhaus IV des Bergbaumuseums Energiefabrik in Knappenrode. Zu Brikettfabrik-Zeiten wurde hier die Kohle nach dem Trocknen und vor dem Pressen abgekühlt. Später zog die Lehrwerkstatt ein. Heute dient das Ex-Kühlhaus als Ort für Ausstellungen und Konferenzen.

An diesem Ort der Energie-Historie also sprach Stelter unter anderem über die Energie-Zukunft. Das Fraunhofer-IKTS ist unter jenen Wissenschaftseinrichtungen, die sich um den Aufbau eines Großforschungszentrums in der sächsischen Lausitz beworben haben. Es soll helfen, die wirtschaftlichen Folgen des Kohleausstiegs abzufedern. Schon in den nächsten Tagen wird die zuständige Perspektivkommission im Wettbewerb von Bund und Land Sachsen entscheiden, welche drei Antragsteller bis zum kommenden Frühling ausgefeilte Konzepte erarbeiten dürfen.

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Bereits dafür gibt es jeweils einen üppigen Finanz-Zuschuss in sechsstelliger Höhe. „Wir wollen hier Fabriken bauen“, fasste der Professor vor Journalisten knapp das IKTS-Vorhaben zusammen. Es heißt „Zukunftsfabrik Lausitz“ und ist dezentral orientiert. Die drei großen Themen: Wasser, Energie, pflanzliche Nahrung. Es geht zum Beispiel um Wasserreinigung und -mehrfachnutzung, um Energieversorgung auf Wasserstoffbasis und Speichertechnologien oder um den Anbau von Lebensmitteln – etwa mit möglichst wenig Wasserverbrauch. Das Wasser ist also die verbindende Idee des Forschungs- und Transferzentrums für Wasser-, Energie- und Ernährungstechnologien, das technisch gesehen nicht im Labor, sondern im Großmaßstab arbeiten soll.

Passgenau auf die Region abgestimmt

Mehr oder weniger dreht sich das Vorhaben also um Versuchsanlagen. Sie sollen dabei nicht alle an einem Ort stehen, sondern in der Region verteilt werden. Michael Stelter hatte bei seinem Besuch in Knappenrode, wo in aktuell nicht genutzten Immobilien womöglich die Zentrale des Forschungszentrums angesiedelt werden könnte, zwei Botschaften: 1. Das Konzept ist passgenau auf die Region abgestimmt. 2. Es gibt jede Menge Partner. Und so lautet auch der erste Satz einer Erklärung, die das IKTS nach dem Termin verbreitete: „Über 40 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, Landräte, Wirtschaftsvertreter, Forscher sowie andere regionale Unterstützer haben sich dafür ausgesprochen, eine «Zukunftsfabrik Lausitz» für neue Wasser-, Energie- und Ernährungstechnologien in der Lausitz zu etablieren.“

Im Kühlhaus IV waren also nicht weniger als sechs Bürgermeister vertreten. Carina Dittrich (Freie Wähler) aus Reichenbach etwa warb: „Landwirtschaft ist seit Jahrhunderten die Aufgabe der Region. Dazu kommt , dass wir durch die Kohle geprägt sind. Und die Wasserthematik steht ohnehin.“ Manfred Heine (parteilos) aus Spreetal berichtet von Gesprächen über Flächen im Bereich der geplanten Süderweiterung des Industrieparks Schwarze Pumpe. Schließlich gibt es die Absicht der Forscher, mit dem in Pumpe vorgesehenen Wasserstoff-Referenzkraftwerk zu kooperieren, konkret ihm Wasserstoff abzunehmen.

Und Michael Stelter verweist auf die Jahre der Erfahrung mit der industriellen Kohleförderung und -veredlung: „Man hat hier keine Angst vor großen technologischen Strukturen.“ Auf der Liste der Unterstützer, die er in Knappenrode präsentierte, stehen die Hochschule Görlitz/Zittau und die Technische Universität Dresden ebenso wie der Bergbaubetreiber Leag, die in der Sanierung tätigen Bundes-Gesellschaften LMBV und Wismut, der Traktorenhersteller John Deere und sogar das Deutsche Elektronen-Synchrotron. Das Desy ist seinerseits eine Forschungseinrichtung, betrieben von der Helmholtz-Gemeinschaft. Unter deren Dach findet sich auch das Forschungszentrum Dresden-Rossendorf, das sich mit einem eigenen Antrag um das Großforschungszentrum bemüht.

Forschung bedeutet Zuzug

Erst vorige Woche waren Helmholtz-Forscher mit Partnern ihres Antrages in Hoyerswerda, um sich von Oberbürgermeister Torsten Ruban-Zeh (SPD) die Stadt zeigen zu lassen. Nach dem Termin in Knappenrode setzte Ruban-Zeh sich am Dienstag separat auch noch einmal mit Rektor Dr. Alexander Kratzsch von der Hochschule Görlitz/Zittau zusammen. Dieser hatte im Kühlhaus IV klar gemacht, was Forschung für Kommunen bedeutet: Zuzug. Dazu kommen noch Impulse für die regionale Wirtschaft. „Das Ziel ist meiner Meinung nach Industrialisierung“, sagt der Kamenzer Rathauschef Roland Dantz (parteilos).

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Laut Professor Michael Stelter hätte das Tätigwerden von 1.500 Wissenschaftlern, Ingenieuren und technischen Mitarbeitern wahrscheinlich zur Folge, dass sie ihre Familien mitbrächten: „Wir reden hier also von 4.000 bis 5.000 Menschen.“ Die Dimension des Vorhabens verdeutlichen auch zwei andere Angaben. So ist für das Großforschungszentrum Lausitz (im Mitteldeutschen Revier soll ein zweites entstehen) ein Jahresbudget in Höhe von 140 Millionen Euro im Gespräch. Und die IKTS-Leute planen mit einem Strom- und einem Wärmebedarf von jeweils 50 Megawatt. „Das ist so viel, wie die Stadt Erfurt braucht. Das ist also kein Spaß“, kommentiert Michael Stelter und fügt an: Die nachhaltige Versorgung der „Zukunftsfabrik Lausitz“ wäre an sich schon ein gutes Forschungsthema.

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