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Wird die Tagebaufolgelandschaft zum Unesco-Welterbe?

Sachsen und Brandenburg streben den Titel gemeinsam an. Das Projekt wird derzeit in hiesigen Kommunen vorgestellt. Am Dienstag geschieht das im Gemeinderat Lohsa.

In Bad Muskau ist der Nutzen des Welterbe-Titels für den Tourismus für jedermann sichtbar.
In Bad Muskau ist der Nutzen des Welterbe-Titels für den Tourismus für jedermann sichtbar. © Archivfoto: Gernot Menzel

Region. Die Tagebaufolgelandschaften im Lausitzer Revier sind einzigartig. Warum nicht dafür einen Unesco-Welterbetitel beantragen? Was im ersten Moment ziemlich abwegig erscheint, ist es offenbar nicht, wie am Dienstag im Gemeinderat Schleife zu vernehmen war. Vorgestellt wurde dort das Projekt „Tagebaufolgelandschaften als Unesco-Welterbe“. Seit dem Sommer vorigen Jahres arbeitet das Institute for Heritage Management GmbH (IHM) in Cottbus intensiv daran. Mit im Boot sind der Lehrstuhl für Industriefolgelandschaften der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) sowie das Sorbische Institut in Bautzen.

Die Forscher betrachten die Lausitz als eine Modellregion für Landnutzungsstrategien. Zwar gebe es Tagebaue auch in Osteuropa, Amerika und in anderen Teilen der Welt, doch in der Lausitz werde seit 120 Jahren Kohle abgebaut und das sei weltweit der längste Zeitraum, so IHM-Projektleiterin Lea Brönner. In dieser Zeit hätten sich Generationen Gedanken über die Folgen für die Landschaft gemacht. „Wie keine zweite Region in der Welt widerspiegelt die Lausitz die Auseinandersetzung von Politik und Gesellschaft mit der Rekultivierung von Bergbaubrachen“, sagte sie. Dabei gehe es um Aufforstung und Naturschutz, die Wiedernutzbarmachung für die Agrarwirtschaft, die Erschließung von Naherholungsgebieten bis hin zum industriellen Erbe und den sorbischen Traditionen, die aber miteinander verflochten seien.

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Nicht das ganze Lausitzer Revier

Lea Brönner benannte Beispiele für Folgelandschaften. Sie verwies auf den seit 100 Jahren genutzten Jahnteich in Weißwasser, wo 1871 der Bergbau eingestellt worden war, es einst eine Dampfschifffahrt gab, der Teich durch die Feuerwehr genutzt wurde und zudem als öffentliches Bad der Naherholung diente. Der Bärwalder See sei neben seiner Funktion für Tourismus und Freizeit auch Speicherbecken für die Wasserversorgung und zur Regulierung der Spree. Wegen des Tagebaus sei der Fluss bei Uhyst in den Siebzigerjahren auf zehn Kilometern umverlegt worden. Ein Denkmal in Groß Partwitz erinnert an die Umsiedlung in den Sechzigerjahren. Ein Vierseithof in Proschim steht für die typische ländliche Bauweise am Tagebau Welzow-Süd. Und auch der Halbendorfer See sei Beispiel einer Tagebaufolgelandschaft. Es soll aber nicht das gesamte Lausitzer Revier zur Welterbe-Region werden, sondern nur „kompakte Bestandteile“, wie es Lea Brönner bezeichnete. In ihren Recherchen betrachteten die Forscher eine Fläche von 32.500 Hektar, die sich über fünf Landkreise und 30 Kommunen erstreckt. Eine strikte Abgrenzung gebe es im Entwurf (noch) nicht.

Schleife sei nicht als Ort, sondern die Verwaltungsgemeinschaft als Ganzes zusammen mit den Gemeinden Trebendorf und Groß Düben einbezogen – wegen des historisch gewachsenen Kirchspiels und der sorbischen Traditionen.

„Die sorbischen Aspekte in die Umsiedlung einzubeziehen, war zu DDR-Zeiten nicht relevant. Die Transformation einer ganzen Dorfgemeinschaft ist für uns umso interessanter“, so ein Vertreter der BTU. Die Forschungen sollen zeigen, wie der Verlust durch die Umsiedlungsprozesse aufgrund des Kohleabbaus anerkannt und zukunftsgerichtet aufgearbeitet werden kann, erläuterte Jenny Hagemann vom Sorbischen Institut die dortige Herangehensweise an das Projekt.

Nach einer Vorstudie 2018 fördert das Sächsische Staatsministerium für Regionalentwicklung seit 2019 das Projekt. Seit 2020 liegen erste Forschungsergebnisse vor. Unter Federführung von Brandenburg und auch mit Geld von dort läuft das Projekt. Beide Bundesländer wollen einen gemeinsamen Antrag zur Nominierung der Tagebaufolgelandschaften als Unesco-Welterbe stellen. „In einer Vergleichsstudie haben wir kein besseres Beispiel als die Lausitz für eine Braunkohle-Folgelandschaft finden können“, so Lea Brönner.

Um Chancen auf einen Welterbe-Titel zu haben, muss man auf einer nationalen Vorschlagsliste für zukünftige Nominierungen, der sogenannten Tentativliste, stehen. Diese öffne sich in Deutschland nur alle zehn Jahre. Bis Oktober 2021 dürfen die 16 Bundesländer jeweils zwei Kandidaten benennen. Bis 2024 räumt sich die Kultusministerkonferenz Zeit zur Evaluierung dieser Anträge ein. Würden die Tagebaufolgelandschaften tatsächlich als deutsche Bewerbung durchgehen und an die Unesco in Paris weitergereicht, würde dies weitere umfangreiche Arbeit bedeuten. Eine Entscheidung über den Welterbe-Status sei aber nicht vor 2030 zu erwarten.

Langfristig ein Standortfaktor

Unabhängig davon sehen die Beteiligten in dem Projekt viele Potenziale für die Lausitz – kurzfristig bis 2024 vor allem die Stärkung der regionalen Identität. „Die Tatsache, dass es sich um eine weltweit außergewöhnliche Landschaft handelt, ist vielen Menschen gar nicht so bewusst“, bekräftigte Lea Brönner. Mittelfristig bestünde der Nutzen in der Aufmerksamkeit auch internationaler Medien. Kommt man dann tatsächlich auf die Liste, bringe das einen weiteren Schub für die regionale Identität und stärkt die Attraktivität der Region. Langfristig sei ein solcher Unesco-Welterbetitel in jedem Fall ein Standortfaktor.

Der Schleifer Bürgermeister Jörg Funda (CDU) war sich bei der Online-Anfrage des IHM „nicht ganz sicher, ob es sich nicht um die versteckte Kamera handelt“. Er habe die aufgeführten Aspekte gar nicht so gesehen, räumte er in der Sitzung des Gemeinderates ein. Was den Halbendorfer See angeht, denke man über eine weitere Entwicklung zu Ganzjahresangeboten nach.

Mit offenen Karten spielen

Thomas Schwarz (CDU) gab zu bedenken, dass bei Schloss und Park in Bad Muskau der Nutzen des Welterbe-Titels für den Tourismus für jedermann sichtbar, aber zum Beispiel beim Muskauer Faltenbogen für die Menschen viel zu abstrakt sei. Das befürchte er auch im Falle der Tagebaufolgelandschaften. „Wir sind gerade bei der Erarbeitung des Dorfentwicklungskonzepts. Da könnten sich Interessen überlappen“, vermutet Max Lewa (WV SV Lok Schleife). Ob man dann jedes Mal die Unesco fragen müsse, wollte er wissen. „Umso wichtiger ist es, dass wir von vornherein mit offenen Karten spielen“, entgegnete Lea Brönner.

Derzeit werben die Projektpartner für ihre Welterbe-Idee. Nach der Vorstellung im Gemeinderat in Schleife und dem Kreisentwicklungsausschuss am Donnerstag, geht es am kommenden Dienstag, dem 14. September, im Gemeinderat in Lohsa weiter. Der tagt ab 18 Uhr im Rathaus.

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