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Auf dem Neujahrsgipfel

Für ihre Jahreserstbesteigung hatten sich die Kletterer den Hirschquellenturm im Schmilkaer Gebiet auserkoren.

Jahreserstbesteigung auf dem Hirschquellenturm im Schmilkaer Gebiet nahe dem Lehnsteig. Grischa Hahn und Iris Bombach aus Dresden haben den Sprung gewagt. © Mike Jäger

Es ist ein Brauch sächsischer Kletterer, nach einer Jahreserstbesteigung  das neue Jahr auf einem Gipfel zu begrüßen. Die Kletterer haben am Silvester-Abend lange überlegt, um ein geeignetes Ziel für die Besteigung eines Neujahrsgipfels zu finden. Wegen der nassen Wetterverhältnisse war an normales Klettern nicht zu denken. Der Sandstein ist bei Feuchtigkeit brüchiger als sonst, Griffe und Tritte können abbrechen. 

Deshalb sind die Felskletterer über eine Kluft direkt auf den Hirschquellenturm gesprungen. Was im Sommer kein Problem ist, ist jetzt bei nassen, stürmischen Verhältnissen schon eine Herausforderung. Der Alter Weg, der Weg der Erstbegeher, hat die Sprungschwierigkeit 2.

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Eine Gepflogenheit beim Gipfelbucheintrag zum Neujahr ist es, einen Sinnspruch zu verfassen. Die Kletterer trugen diesmal im Gipfelbuch des Hirschquellenturms ein:

BERG HEILe Welt wie sie dem SBB gefällt —

Bewegt die olle Tradition mit Ufos und Johanniswacht

natürlich nur ganz sacht!

BERG HEILe Welt wie sie dem SBB gefällt —

Im Plastiktempel ist die Sicherheit,

draußen zum Nachdenken niemand mehr bereit.

BERG HEILe Welt wie sie dem SBB gefällt —

Und der Herr BergverWalter macht munter weiter,

schon bald führt auf jeden Gipfel eine Feuerleiter.

BERG HEILe Welt wie sie uns gefällt —

Gemeinsam empor und stolz sich die Bergsteigerhand zu reichen,

mit Respekt auf Bräuche und Gepflogenheiten.

Mit dem Gedicht wollen die Kletterer Kritik üben am Sächsischen Bergsteigerbund (SBB), der mit seiner momentanen Philosophie das Klettern in der Sächsischen Schweiz moderner und zeitgemäßer gestalten will.

Kletterer Grischa Hahn betont: „Der Tradition widerspricht die Einführung der neuen, klemmkeilartigen Sicherungsmittel, genannt Ufo.“ Im Elbsandstein wird seit über 100 Jahren herkömmlich mit Seilschlingen gesichert und nur wenige Sicherungsringe stecken im Fels. Deshalb sei das Umgestalten von Kletterwegen an der Johanniswacht auch nicht im Sinne der Tradition. In dem Klettergebiet im Bielatal ist der SBB dabei, nahezu 60 neue Ringhaken zur verbesserten Absicherung in die Felsen zu bohren. Dieses sogenannte Pilotprojekt droht, die sächsische Kletterzunft zu spalten.

Die Kritik richtet sich auch gegen den Geschäftsführer des SBB Christian Walter, der unlängst auf einer Vereins-Strategietagung meinte, an jedem Klettergipfel müsse heutzutage eine Möglichkeit bestehen, gefahrlos hinaufzukommen. Der Kletterer Herbert Richter, der in den 60er-Jahren zu den Besten im Elbsandstein gehörte, erwiderte darauf ironisch-prägnant: „Dann installieren wir doch gleich Feuerleitern an den Gipfeln.“ Aus der bewussten und freiwilligen Beschränkung im Gebrauch künstlicher Sicherungsmittel resultiere die auf der Welt einmaligen Art und Weise der Elbsandsteinkletterei.

Die traditionell eingestellten Kletterer denken, dass das SBB-Vereinszentrum mit seiner neuen Kletterhalle, wo die Kletterer mit guter Absicherung an Kunststoffgriffen üben, zwar dem Verein viele neue Mitglieder (momentan 15.000) beschert, aber werden die vielen Kletterer, die dann auch im Elbsandstein unterwegs sein werden, die Tradition, die Natur und die spezielle Kletterkultur achten?