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Hürden für Flüchtlinge

Zurzeit besteht große Offenheit bei Firmen, Ausbildungsplätze und Stellen mit Asylbewerbern zu besetzen. Das Problem ist die Bürokratie.

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© Arvid Müller

Von Ulrike Keller

Moritzburg/Radebeul. Wie steht es zwischen Radeburg und Weinböhla um die Integration der Flüchtlinge in Ausbildung und Arbeit? Die Zahlen des Ausländeramts der Landkreisverwaltung sagen: Eine Lehre machen zurzeit in Radebeul und Coswig jeweils zwei Personen, in Radeburg ist es einer. Einer Erwerbsarbeit, also Tätigkeit ab einem Minijob, gehen wiederum aktuell zwei in Moritzburg wohnende Flüchtlinge nach sowie in Radebeul drei, in Coswig neun und in Weinböhla 13 Ausländer mit Aufenthaltstitel.

„Viele Asylsuchende wollen arbeiten, stehen jedoch großen Hürden gegenüber“, erklärt Diakonie-Migrationsberaterin Lydia Roßner. Neben den Sprachbarrieren handelt es sich vor allem um fehlende Nachweise zu Abschlüssen und auch fehlende Ausbildungen. Erschwert würde eine Arbeitsaufnahme in etlichen Fällen auch durch die häufig lange Bearbeitungsdauer bei der Beantragung der Arbeitserlaubnis, so die Sozialarbeiterin.

Dabei registriert sie gegenwärtig eine große Offenheit bei Arbeitgebern, Asylbewerbern und anerkannten Flüchtlingen eine Chance zu geben. Doch angesichts starrer gesetzlicher Vorschriften sind den Unternehmen oft die Hände gebunden. Sie nennt ein Beispiel: Trotz zwölf Jahren Schulbesuchs im Heimatland, die mit Zeugnissen allerdings nicht belegt werden können, trotz schneller Fortschritte in der deutschen Sprache und trotz eines hervorragenden Praktikums könne eine Lehre nicht begonnen werden, für die im Berufsbildungsgesetz ein Hauptschulabschluss vorgeschrieben ist.

Lydia Roßners Fazit: „Es fehlen Brücken in unser Ausbildungssystem und in den Arbeitsmarkt, die an den Voraussetzungen ansetzen, die Geflüchtete mitbringen.“ Die Anerkennung von Berufsabschlüssen sei solch ein Schritt sowie etwa ein Intensivkurs zur Vorbereitung auf eine Schulfremdenprüfung.

Die aktuelle Situation beschreibt sie als Dilemma: „Viele Geflüchtete bringen Voraussetzungen mit, die in Deutschland so nicht vorgesehen sind, wie zu wenige Jahre Schulbesuch.“ Damit kämen weiterführende Bildungsangebote für sie nicht infrage. „Und zum Teil sehr junge Menschen werden über einen Helferjob nicht hinauskommen“, so die Migrationsberaterin der Diakonie.

Einzelne Asylbewerber in der Region nehmen auch Arbeitsgelegenheiten wahr, kurz AGHs. Für diese Ein-Euro-Jobs für Flüchtlinge gibt es eine Aufwandsentschädigung. Diese wurde mit Inkrafttreten des Integrationsgesetzes zum 1. September von 1,05 Euro auf 80 Cent pro Stunde heruntergesetzt. Maximal 20 Wochenstunden sind erlaubt.

Nach Angaben des Ausländeramts der Landkreisverwaltung wird diese Möglichkeit zurzeit in Radeburg von einer Person genutzt, in Coswig von drei Flüchtlingen sowie in Radebeul und Moritzburg von je vier. Fünf davon helfen in Bereichen der Produktionsschule Moritzburg mit, gehen dem Hausmeister im Seniorenzentrum zur Hand, unterstützen bei der Grünflächenpflege im Gemeindegebiet oder helfen im Sozialkaufhaus „Allerhand“ in Radebeul. „Es ist eine freiwillige Geschichte, die einige nutzen, damit ihnen die Decke nicht auf den Kopf fällt“, sagt Geschäftsführer David Meis. Für sie sei die Arbeitsgelegenheit wichtig zur Tagesstrukturierung.

Zudem hält der Chef der Produktionsschule die AGHs für sehr hilfreich, um die deutsche Sprache schneller zu erlernen. „Viele können sich schon nach einem halben Jahr gut im Alltag verständigen“, weiß er. Aber der Weg bis zum Niveau der Sprachprüfung sei lang. Nach seiner Schätzung wird es etwa drei Jahre brauchen, bis die Flüchtlinge für den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt qualifiziert sind. Bürokratische Hürden verzögern dabei einiges, stellt auch er fest.

Den Arbeitsgelegenheiten misst David Meis mehr Bedeutung zu, als nur Maßnahmen zur zeitlichen Überbrückung zu sein. Er kann sich gut vorstellen, dass sich der eine oder andere Flüchtling durch die Hilfsarbeiten in einem Bereich profilieren kann und die AGH für ihn so später zum Sprungbrett in eine qualifiziertere Tätigkeit wird. „Es funktioniert gut mit unseren fünfen“, lobt er. Sie seien bemüht, fleißig und zuverlässig. „Wir müssen mal gucken, wie es danach weitergehen kann.“