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Hundstage an der Elbe

In den 1920er Jahren war die Elbe ein großes Freibad. Das beschreibt Edgar Hahnewald.

© Sammlung Holger Naumann

Der Strom blitzt, mit Millionen hüpfender Spiegelscherben besät. Der Strand wimmelt von nackten Menschen im Wasser und am Strand, schwimmend in die Flut gewühlt, springend von Strudeln umspritzt, hingestreckt auf den nassen Laufdielen der Badeanstalten, am Strand lagernd, auf dem Rasen um hochfliegende Bälle springend, kribbelnd und wibbelnd. Licht, Luft, Wasser – frisches, kühles Wasser.

Das sind die Hundstage, in denen man sich mit bleiernen Gliedern durch die Dürre des Berufs schleppt. Und dann, kaum daß sich die Umklammerung der Pflichten lockert, fährt man an die Elbe, atmet tief und erlöst und schon wieder lebendig im Vorgefühl des Wassers, schmeißt die Kleider ins Gras und steigt in die Flut. Ein Weilchen steht man drin bis an die Knie. Jede Pore giert nach der Wohltat des Wassers. Aber man zögert noch ein Weilchen, schiebt einen Genuß noch um Augenblicke hinaus, nun, da er einem sicher ist, da er einem nicht mehr entwischen kann. Dann…nein, dann auch noch nicht…aber dann…dann wirft man sich hinein, wühlt sich ins Wasser, läßt es über sich zusammenstrudeln. Für Augenblicke ist die Haut erstes, einziges, absolutes Sinnesorgan. Sie, die Haut, fühlt, schmeckt, riecht das Elbwasser, sie empfindet das stille Gleiten der schweren, schwarzen Kohlenzillen, das Klirren der Schlepperketten, das Rauschen der Dampfschaufelräder, das weiße Blühen eines Segels, das Freudengekläff eines Hundes, der einen Spazierstock aus dem Wasser holen darf.

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Dann steigt man einmal heraus und steht am Strand, auf dem Rasen, im Sand, auf nassen Kieseln. Das Wasser rinnt kühl herab. Die Luft flattert um den Körper, weich und sanft wie ein Tuch. Und die heiße Strahlung der Sonne, die vorhin eine Qual war, ist jetzt eine Zärtlichkeit.

Dampfschiffe rauschen stromauf und stromab. Kommen sie in Sicht, so gehen die Schwimmer ins Wasser, kreuzen auf sie zu und lassen sich von den Wellenbergen schaukeln, die am herrlichsten sind, wenn der Dampfer stromauf anlegt. Dann wogen sie lang und glatt und blank in dunklen, lichtblau changierenden Seidenbahnen. Die Nichtschwimmer vergehen vor Neid um diesen Genuß.

Andere lieben es, aus dem Wasser auf die schweren Zillen zu klettern, die schwarzen Riesensärgen gleich vorübergleiten. Manchmal stehen und hängen die Nackten in dicken Trauben auf dem schrägen Deckdach und wie überreife Früchte plumpsen sie nacheinander in die spritzende Flut.

Und andere bevölkern die flachgleitenden Flöße, halten einen Schwatz mit den stakenden Männern und verschwinden wieder wie nackte Flußgötter, denen es Vergnügen machte, einmal unter Menschen zu weilen. Es gibt Schwimmer, die mühelos im Wasser zu wandern scheinen. Ihre Kleider haben sie irgendwo in einer Badekabine verstaut. Nun schwimmen sie mitten im Flusse eine halbe Stunde stromab. Und dabei unterhalten sie sich über irgendeine Sache. Man kann sich vorstellen, daß sie es fertig brächten, schwimmend einen Skat zu kloppen, die Kartenblätter trumpfend auf den Wasserspiegel zu hauen. Und der vierte könnte tauchend einmal von unten her nachsehen, was im Skat schwimmt. Das sind die richtigen Wasserratten. Andere begnügen sich mit einem Sonnenbad. Sie kommen, stürzen eiligst aus den Kleidern und dann faulenzen sie stundenlang am Strand. Sie denken nicht daran, ins Wasser zu gehen.

Die Geschichte finden Sie hier: www.sz-link.de/Hundstage.