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Hygiene-Museum zeigt Wachskabinett

Vor rund 100 Jahren wurden menschliche Organe, Krankheitsbilder und Abnormitäten zur Anschauung aus Wachs modelliert. Das Hygiene-Museum kombiniert seltene Stücke nun mit neuer Kunst.

© dpa

Dresden. Schwertschlucker und McQueen-Film: Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden macht das 2009 erworbene anatomische Wachskabinett zum Kernstück einer Sonderschau. „Es ist als Teil unserer Geschichte von erheblicher Bedeutung“, sagte Museumsdirektor Klaus Vogel am Mittwoch. Die seltene und größtenteils in Dresden gefertigte Kollektion werde im Kontext künstlerischer Positionen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart gezeigt. „Wir haben uns bei der Präsentation gegen eine historische Rekonstruktion entschieden.“

Darunter ist auch dieser Messerschlucker. Die um 1900 in Dresden entstandenen Werke dienten einst der Gesundheitsaufklärung und wurden aus Sensationslust und Voyeurismus auf Jahrmärkten gezeigt.
Darunter ist auch dieser Messerschlucker. Die um 1900 in Dresden entstandenen Werke dienten einst der Gesundheitsaufklärung und wurden aus Sensationslust und Voyeurismus auf Jahrmärkten gezeigt. © dpa
Abnormitäten wie dieses Gesicht eines entstellten Kindes gehören genauso zu der Sammlung ...
Abnormitäten wie dieses Gesicht eines entstellten Kindes gehören genauso zu der Sammlung ... © dpa
... wie solche aus Wachs nachgebildeten menschlichen Gliedmaßen.
... wie solche aus Wachs nachgebildeten menschlichen Gliedmaßen. © dpa

„Blicke!Körper!Sensationen“ (11. Oktober 2014 bis 19. April 2015) mit einem Ausschnitt des Wachskabinetts als Ausgangspunkt soll die kulturhistorische Bedeutung der Wachskabinette nachzeichnen, die einst zur Gesundheitsaufklärung sowie aus Sensationslust und Voyeurismus auf Jahrmärkten gezeigt wurden. Sie werde die Sammlung in die Geschichte der Anatomie einordnen und dokumentieren, wie sich vor allem Künstler des Surrealismus mit den schockierend realen und teils bizarren Darstellungen der Wachskabinette auseinandersetzten.

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Ende für Voyerismus und Gruseleffekte

„Anatomische Wachskabinette markieren einen wichtigen Teilaspekt der Geschichte unseres Hauses“, betonte Vogel. In der Gründungsphase habe das Museum sich der Manufakturen bedient, die populäre anatomische Schauen belieferten. Verwissenschaftlichung und Institutionalisierung bei der Vermittlung von Körperwissen bedeuteten dann das Ende der medizinischen Lehrschau „als voyeristisches Volksvergnügen mit kalkuliertem Gruseleffekt“.

Hintergrund: Das Dresdner Wachskabinett

Das Dresdner Wachskabinett gehört zu den wenigen in dieser Bandbreite erhaltenen Exemplaren seiner Art. Das anatomische Panoptikum umfasst im Kern 84 Schaukästen mit insgesamt 200 Modellen des menschlichen Körpers, die größtenteils zwischen 1875 und 1950 in der Elbestadt entstanden.

Darunter sind spektakuläre Objekte wie eine lebensgroße Schwangere im 9. Monat mit offenem Bauch und „Der Schwertschlucker“ mit geöffnetem Oberkörper, aber auch eine auf dem Seziertisch liegende Figur mit zerlegbarem Unterleib, Hand und Arm eines Kutschers mit Pferdebiss oder der Magen eines Säufers.

Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden kaufte das Kabinett 2009 für eine sechsstellige Summe finnischen Zirkusartisten ab. Die Objekte zeigen Operationen, Geschlechtskrankheiten, eine Gebärmutter mit Drillingen und - einmalig - die Geburt eines Kindes. Die meisten Exponate wurden von den Dresdner Modelleuren Rudolph Pohl (1852-1926) und Gustav Zeiller (1826-1902) geschaffen.

Die anatomische Wachsbildnerei entwickelte sich Ende des 17. Jahrhunderts, um den Bau des menschlichen Körpers darzustellen. Waren die Modelle erst akademischen Kreisen und fürstlichen Kunst- und Wunderkammern vorbehalten, wurden sie später auch auf Jahrmärkten präsentiert - zur Befriedigung von Sensations- und Schaulust. (dpa)

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Das aus Privatbesitz angekaufte Dresdner Wachskabinett wird derzeit noch erforscht, sagte Vogel. Das Ausstellungskonzept sieht vor, dass Werke zeitgenössischer Künstler zum menschlichen Körper auf den Anblick der historischen Stücke vorbereiten. In einem White Cube sollen dafür Arbeiten unter anderem von Marcel Duchamp, Damien Hirst, Max Ernst, Cindy Sherman oder Luc Tuymans versammelt und am Ende der Schau die Filmarbeit „Charlotte“ von Steve McQueen gezeigt werden. Die aktuelle Kunst lasse Motive anklingen, die auch beim Betrachten des alten Wachskabinetts gelten: Neugier und Schaulust, Ekel und Mitleid oder Wissen und Fantasie. (dpa)