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Wer als Erster das neue Appleprodukt kaufen will, dem ist kein Weg zu weit. Ein Besuch in der Warteschlange.

© Sven Ellger

Von Anna Hoben

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Romantik pur in unberührter Natur

Mitten im beruhigenden Grün Mecklenburgischer Wälder entspannt es sich am schönsten: das Hotel Jagdschloss Waldsee.

Dusan Dadko trägt eine ausgebeulte grüne Jogginghose und eine Pilotenbrille. Halb sitzt er, halb liegt er in einem Campingstuhl, die Füße auf einem Sechserpack Mineralwasser abgelegt. Er streckt sein Gesicht der Sonne entgegen. So sieht es an diesem Tag aus, wenn Dusan Dadko arbeitet. Der 27-Jährige wird von seinem Arbeitgeber dafür bezahlt – zu warten.

Ansturm auf das iPhone 6 in Dresden

Dadko stammt aus der Slowakei, er lebt in Wien, und worauf er wartet, das ist ein kleines weißes Gerät, mit dem man telefonieren und ins Internet gehen kann: das iPhone 6. Am Mittwoch hat er sich in Österreich ins Auto gesetzt, zusammen mit vier Kollegen und Freunden. Gegen elf Uhr abends kam die Gruppe in Dresden an.

Heute ist der erste Tag, an dem es das neue iPhone zu kaufen gibt. Dadko und seine Kollegen werden jeweils zwei Exemplare kaufen, mehr ist nicht erlaubt. In Wien wird seine Firma die iPhones weiterverkaufen. In der ersten Woche nach Erscheinen dürfte sich etwa das Doppelte des normalen Kaufpreises erzielen lassen. 700 Euro beträgt der, das neue iPhone 6 Plus gibt es für stolze 1.000 Euro. Aus der PR-Abteilung von Apple ist zu hören, dass die Vorbestellungen schon jetzt Rekorde gebrochen haben. Innerhalb von 24 Stunden sei die Vier-Millionen-Marke überschritten worden. Wer zu langsam ist, muss wegen Lieferengpässen möglicherweise bis Oktober warten. Wer das unmöglich in Kauf nehmen kann, der muss eben jetzt warten.

Vor der Altmarkt-Galerie ist ein Lager entstanden. Neben der Tür zum Altmarkt hin – sie öffnet morgens als Erste – sind Campingstühle an der Wand aufgereiht. Auf vielen liegen Schlafsäcke; wer seinen Platz in der Warteschlange behalten will, muss ihn natürlich nachts verteidigen. Auch Dusan Dadko hat hier übernachtet; geschlafen hat er nicht viel, „die Typen vorne in der Schlange waren ziemlich laut“. Immerhin muss Dadkos Arbeitgeber ihm für diese Dienstreise kein Hotelzimmer bezahlen. Der junge Mann, der dem Eingang am nächsten ist, hält ein Schild in der Hand, auf dem steht: „Ich bin der Erste für das iPhone 6!“ Dann kommt Dusan Dadkos Gruppe, dann eine Gruppe bärtiger Araber aus Berlin, die sich die Zeit mit Kartenspielen an einem Tisch vertreiben.

Die Schlange vor der Altmarkt-Galerie ist die Parallelwelt einer kleinen, eingeschworenen Gemeinschaft. Die Cafégäste auf dem Platz nebenan gucken und tuscheln. Was die hier wohl alle machen? Eine Kellnerin kommt, zündet sich eine Zigarette an und stellt sich zur Kartenspielergruppe. „Darf ich mal fragen, was das hier für eine Veranstaltung ist?“ Die Berliner klären sie auf. „Ach so, ich hatte gedacht, das ist eine Demonstration oder so.“ Die Berliner lachen. „Free Gaza!“, ruft einer.

Die Wartenden kommen aus Tschechien, Polen, Österreich, Belgien, Russland, Weißrussland und der Ukraine – Länder, in denen es keinen offiziellen Apple-Store gibt. In Deutschland gibt es 13, und Dresden ist lange nicht so überlaufen wie München oder Berlin; daher auch der Besuch der Berliner Araber. Wenn man etwas über die Statistik der Wartenden wissen will, muss man einen Mann namens Letse Akhmedovitch Edilov fragen. Der 52-Jährige kommt aus Belgien, er war schon 2013 in Dresden und 2012, als die damals neuen iPhones erschienen. Vor zwei Jahren haben sich die Leute um die Plätze in der Warteschlange gekloppt, sagt er.

Deshalb hat er die Sache in diesem Jahr in die Hand genommen und eine Liste angelegt. Edilov ist jetzt der Chef der Wartenden. Der kleine, schmächtige Mann klappt ein weißes Buch auf, darin stehen alle Namen der Anwesenden und die Anzahl ihrer Begleitpersonen. Wenn die Security sie kontrolliert, steht da alles schwarz auf weiß, ordentlich organisiert. Auch Edilovs Tochter Pema Edilova, 24, ist dabei. Warum sie das neueste iPhone sofort haben müsse? „Ich weiß auch nicht, es ist wie eine Sucht.“ Wer hier ein Samsung besitze, solle das besser nicht laut sagen, scherzt sie.

Dusan Dadko wartet auf seine Kollegen, die gerade unterwegs sind. Tagsüber wechseln sie sich ab mit Warten, zwei bleiben im Camp. Dadko will sich jetzt auch mal die Stadt anschauen. Ungeduldig guckt er auf sein Smartphone. Es ist ein Samsung.