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„Ich arbeite hier nicht für Geld“

Ein syrischer Flüchtling engagiert sich bei der Tafel in Leipzig. Er will anderen helfen und bekommt dafür viel zurück.

© Anja Jungnickel

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Seine drei kleinen Mädchen wären beinah untergegangen, als Ismail Saied mit seiner Frau aus Syrien nach Deutschland floh. Auf dem Seeweg von der Türkei nach Griechenland hatten sie Probleme mit dem Boot, in dem 40 Leute saßen. „Die Luft ging raus“, erzählt der 36-Jährige. Erst nach einer Stunde in der novemberkalten Ägäis wurden sie von einem Schiff gerettet. Von den Eltern gehalten, völlig entkräftet. Die Kinder gehen bis heute in kein Gewässer mehr.

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Mehr als zwei Jahre ist das her – zwei Jahre, in denen Ismail Saied viel Deutsch gelernt und ein neues Leben begonnen hat. Seit vorigem Sommer engagiert sich der syrische Flüchtling bei der Leipziger Tafel, die sozial schwache Familien mit Lebensmitteln versorgt. Für die Essener Tafel, die vorerst keine Flüchtlinge mehr aufnimmt, hat er keinerlei Verständnis: „Alle Menschen sind bei uns gleich“, sagt er. Und wenn Flüchtlinge kommen, hilft er ihnen beim Übersetzen, so gut er eben schon kann.

Jeden Morgen gegen neun Uhr treffen sie sich auf dem Hof der Leipziger Tafel in Leipzig-Lindenau. Dann klettern sie in die Kleintransporter und fahren zu diversen Supermärkten, die frische Lebensmittel vom Vortag abgeben: Stapelweise Kisten mit Obst und Gemüse, Wurst und Milchprodukten, die höchstens kleine Macken haben, stehen auf den Rampen bereit und müssen verladen werden. Von dort geht es zurück in die Umschlaghalle der Tafel. Hektisch werden Kisten umgeladen, dann folgt der Aufbruch zur Ausgabestelle, wie bei der Heilsarmee in Leipzig-Paunsdorf.

Sechs Stunden ist Saied jeden Tag für die Tafel auf Achse. Finanziell lohnt sich die Mühe überhaupt nicht. Mit gut einem Euro pro Stunde Entschädigung kommen kaum 200 Euro im Monat zusammen. Doch Saied hat dafür den deutschen Führerschein gemacht. Rund 1 200 Euro hat ihn das gekostet, obwohl er kein Geld hatte. Nun stottert er vom Honorar der Tafel die Führerscheinkosten ab, 400 Euro sind noch immer offen. „Ich arbeite hier nicht für Geld“, sagt er. „Ich mache den Job vor allem, weil ich besser Deutsch lernen will. Die Arbeit macht Spaß, und die Kollegen sind sehr freundlich.“ Ein Freund, der schon bei der Tafel arbeitete, hatte ihm von der Chance erzählt. Tafel-Chef Werner Wehmer und das Jobcenter stimmten schließlich zu, weil er engagiert ist. Solcherart Arbeit kannte Saied schon von zu Hause: In seiner syrischen Heimatstadt Latakia war er Taxifahrer und hat morgens in einem kleinen Shop Frühstücksangebote verkauft. Zurzeit lebt die Familie von den Regelleistungen des Jobcenters. Doch Saied will lieber heute als morgen sein Geld selbst verdienen. Er träumt davon, einen eigenen mobilen Imbiss zu haben. Vorher aber will und muss er noch weitere Sprachkurse absolvieren.

Seine Frau und seine drei Mädchen – heute neun, sechs und drei Jahre alt – fühlen sich inzwischen in Leipzig zu Hause, sagt er. Vor einem halben Jahr kam zudem sein Sohn auf die Welt. Auch seine Frau möchte wieder arbeiten gehen, als Köchin bei der Tafel. Doch sie warten noch auf einen freien Kindergartenplatz, solange muss sie zu Hause bleiben.

Ob die Familie irgendwann nach Syrien zurückkehrt, ist ungewiss: „Die Kinder entscheiden“, sagt ihr Vater. Er selbst möchte zurzeit allerdings nicht zurück. Er würde sofort zur syrischen Armee eingezogen. Wie sein Bruder, der schon seit 2012 zum Kriegsdienst gezwungen wird.

Aufnahmestopp ist kein Thema

Die Leipziger Tafel versorgt jede Woche bis zu 4 000 Menschen mit Lebensmitteln und anderen Hilfsangeboten. Fünf Festangestellte, etwa 25 geförderte Freiwillige und 65 Ehrenamtliche kümmern sich um die Organisation und um die Menschen, erzählt Tafel-Chef Wehmer. Seit der Flüchtlingswelle seien etwa 30 Prozent Kunden hinzugekommen. Wehmer findet die Debatte seines Essener Kollegen Jörg Sartor um einen Aufnahmestopp für Ausländer dennoch „instinktlos und unter der Gürtellinie“. Bisher habe die Leipziger Tafel alle Menschen gut versorgen können. Sie zahlen für die Lebensmittel, die sie erhalten, jeweils zwei Euro. Geld, das zum Beispiel für Sprit, Reparaturen und Räumlichkeiten draufgeht. „Wenn wir einen Aufnahmestopp verhängen müssten, dann für alle“, sagt Wehmer. „Unsere Kunden kommen alle mit der gleichen Berechtigung.“

Ismail Saied kauft indes nicht bei der Tafel ein. „Ich brauche zu viel für meine große Familie“, sagt er. Am Wochenende kaufe er zum Beispiel auf dem Flohmarkt Tomaten-Kisten für nur zwei Euro ein. Die müssen dann für eine Woche reichen.

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