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„Ich bin hier der Lokalheld“

Reinhard Zabka hat am Sonnabend den Radebeuler Kunstpreis bekommen. Höchste Zeit, so scheint es.

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© Norbert Millauer

Beate Erler

Radebeul. Das ist er also. Der berühmte Lügentee. Auch wer noch nie im Lügenmuseum war, vom Tee hat fast jeder schon gehört. Der erste Schritt nach dem Kauf des Tickets führt zu ihm. Museumsherr Reinhard Zabka schüttet ihn in kleine Schälchen und geht sofort in die Offensive: „Einen Lügentee?“ Eigentlich ist es mehr eine Aufforderung als eine Frage. Denn der Tee, Dorota hinter der Kasse und die schläfrige Katze – sie alle gehören zum Szenario des Museums dazu.

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Ein Szenario, auf das man sich einlassen muss. Die Tür geht auf und man ist plötzlich ganz woanders. Nur wo, das vermag man nicht zu sagen. Auch nicht nach dem zweistündigen Besuch am Freitag in den Räumen, die einmal der Gasthof Serkowitz waren.

Hier sitzt Reinhard Zabka inmitten seiner bewusstseinserweiternden Haushaltsgeräte und lässt sich fotografieren. Die langen grauen Haare lässig zusammengebunden, mit Joggingjacke und später auch mit altem Strohhut des Karl May. Die Apparate um ihn herum führen ihr eigenes Leben: sie bewegen sich, klimpern, leuchten rosa, grün und blau. „Soll ich was Schickes anziehen?“, fragt er plötzlich und springt auf. Nein, das passt schon. Aber morgen, weiß er schon, was er da trägt?

Am Sonnabend hat der Objekt- und Installationskünstler auf Schloss Wackerbarth den Radebeuler Kunstpreis erhalten. Aber eigentlich mag er solche offiziellen Veranstaltungen nicht. Was er an diesem Abend anziehen soll, weiß er noch nicht. Auch nicht, wo sein Preis, eine Bronzeplastik, künftig stehen soll. Über die Auszeichnung freut er sich trotzdem: „Ich habe aus dem Gasthof etwas Funktionierendes gemacht. So etwas gab es in Radebeul noch nicht“, sagt er und nennt sich dann selbst den „local hero“. So, als hätte er nur auf den Preis gewartet.

Zahlreiche Radebeul Besucher würden die Gelegenheit nutzen, sich mit der „Kunst der Lüge“ auseinanderzusetzen. Außerdem bereichere Zabka mit Kunstaktionen und Ausstellungen zu verschiedenen Themen das Radebeuler Kulturleben, sagt Alexander Lange, Amtsleiter für Kultur und Tourismus. Ein großer Erfolg war beispielsweise die Ausstellung „unverbesserlich“ zum 25. Jahrestag der friedlichen Revolution. Seit 1999 ist zudem sein jedes Jahr unter dem Namen Richard von Gigantikow überraschend anders gestaltetes Labyrinth ein Besuchermagnet des Herbst- und Weinfestes in Kötzschenbroda.

1950 in Erfurt geboren ging Zabka als junger Mann nach Berlin in die Untergrundszene. Heute, sagt er, gäbe es da nichts mehr zu holen. „Die Stadt ist übervoll, da hast du als Künstler keine Chance mehr.“ Er sitzt in dem großen, mit Objekten zugestellten Raum, ihm gegenüber Dorota an der Kasse, seine Frau, wie er erst viel später erzählt. Sie spricht mit polnischem Akzent und sagt: „Warum kleine Orte? Weil du Garten liebst.“

Nachdem Zabka sein Lügenmuseum in Kyritz in Brandenburg verlassen musste, kam er nach Radebeul, wo er es 2012 wieder eröffnete. „In Dresden gibt es ein kulturbeflissenes Publikum“, sagt er über diese Entscheidung. Ergänzt aber zugleich: „Auch wenn es hier ziemlich konservativ zugeht.“ Denn einfach war es weder in Kyritz noch in Radebeul. Dort wäre er von den Einwohnern nie akzeptiert worden. Hier bezeichnete die Kulturstiftung des Freistaates sein Museum als „skurril anmutende Ansammlung von Flohmarkt-Exponaten“.

Skurril sind sie. Das mussten sie auch sein, damit die DDR-Zensoren sie nicht verstanden. Als die Kinder einer Besucherfamilie immer wieder über einen Teppich mit Aktionsmalerei laufen, ruft er verärgert: „Kinder, hört auf damit. Das ist ein Kunstwerk!“ Zabka hat seine Arbeit zum Museum erklärt, auch wenn es nicht den Forderungen an ein nichtstaatliches Museum genügt. Ein Künstler produziert und produziert und produziert. Irgendwo muss das alles ja hin, sagt er.

Der alte Lederkoffer, der auf einem DDR-Radio steht und von selbst auf und zugeht. Die Motorhaube eines alten BMW, die aus einem Bild an der Wand herausstößt. Die geknickten Zahnbürsten, die auf einer Schallplatte Karussell fahren. Wenn Rein-hard Zabka durch seine Ausstellung läuft, funkeln seine Augen hinter den Brillengläsern: „Ich möchte Menschen in einen spielerischen Zustand bringen“, sagt er dann. In seiner magischen Welt ist das möglich. Man muss sich nur darauf einlassen.