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„Ich bin kein Missionar“

Trainer Jens Härtel ist Christ. Der Glaube ist ihm wichtig. Jemanden belehren muss er aber nicht.

© dpa

Normalerweise steht Jens Härtel am Wochenende auf dem Fußballplatz oder ist in einem Zweitliga-Stadion zu Gast. Der Trainer des 1. FC Magdeburg macht seine Arbeit gern, würde aber sonntags auch in die Kirche gehen. Die Gemeinschaft einer Gemeinde ist dem Christen besonders wichtig. Im SZ-Interview zitiert der 49-Jährige aus der Bibel, erzählt, wie er zum Glauben kam, warum er niemanden missionieren will und verrät, wo christliche Werte auch im Fußball eine Rolle spielen.

Herr Härtel, Sie haben mal gesagt, dass Sie als Christ viele Dinge im Fußball relativieren können. Was genau meinen Sie damit?

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Fußball ist nicht das wahre Leben. Es ist ein sehr emotionales Spiel, das viele Leute beschäftigt. Aber am Ende des Tages ist es dennoch nur ein Spiel. Auch wenn es für mich als Fußballtrainer wichtig ist, weil daran mein Arbeitsplatz hängt.

Was bedeutet Ihnen der Glaube?

Das ist die Basis für mein Leben. Das ist die Grundlage, wie ich mit meiner Familie und meinen Mitmenschen lebe. Ich war Christ, bevor ich Trainer wurde. Und ich werde es auch noch sein, wenn ich nicht mehr Trainer bin.

Wie wurden Sie Christ?

Das ist schon eine Weile her und eigentlich eine längere Geschichte. Meine Eltern waren zu DDR-Zeiten schon in der Kirche. Da hatte ich erste Berührungspunkte. Später, als ich 17 oder 18 Jahre alt war, bin ich zu einer Jugendveranstaltung, bei der über den Glauben gesprochen wurde, gegangen. Das hat mich interessiert. Ich war dann regelmäßig bei einer christlichen Jugendgruppe und wollte meinen Glauben auch festmachen. Es gibt bei mir nicht den einen Zeitpunkt, es war mehr ein Prozess.

Glaube und Kirche sind zwei verschiedene Dinge. Gehen Sie denn regelmäßig in die Kirche?

Ich habe eine Gemeinde und versuche, regelmäßig hinzugehen. Ich muss aber häufig am Wochenende arbeiten, sodass das eher selten vorkommt. Aber wenn der Sonntag frei ist, dann gehe ich auch in den Gottesdienst.

Was vermissen Sie am meisten, wenn Sie nicht in die Kirche gehen können?

Die Gemeinschaft einer Gemeinde – im Alltag ist man als Christ oft ein Exot. In einer Gemeinde ist man dann untereinander und kann sich gegenseitig Kraft geben. Außerdem nehme ich meistens etwas aus der Predigt für meine Woche mit oder denke über verschiedene Sachen noch einmal nach. In der Gemeinschaft ist man gestärkter und geht die Aufgaben, die einem das Leben stellt, anders an.

Wie anders?

In der Gemeinschaft kann man sich unterstützen, sich bestärken im Glauben. Wenn man alleine ist, hat man das nicht.

Wie hilft Ihnen der Glaube, mit dem Druck eines Trainers umzugehen?

Er hilft mir enorm und relativiert vieles. Man weiß ja, wie die Mechanismen im Profifußball laufen. Das ändert aber nichts daran, dass ich geliebt und angenommen bin von Gott. Mein Wert als Mensch wird davon nicht infrage gestellt. Die Ergebnisse haben zwar Auswirkungen auf meine momentane Stimmung, aber nicht auf meine grundsätzliche Lebenseinstellung.

Wie schaffen Sie es, Ihren Spielern zu vermitteln, dass sie als Mensch wertvoll sind, auch wenn sie nicht spielen?

Ich muss die Leistung der Spieler bewerten, das gilt aber nur für den Fußball. Unabhängig davon ist jeder einzigartig und wertvoll, da kann jeder mit seinen Fragen und Problemen zu mir kommen, oder ich gehe zu ihm. Und in der Regel finden wir einen Weg. Die Spieler können ganz gut mit der Wahrheit umgehen. Deswegen muss man es genau so kommunizieren, wie man es selber empfindet. Man sollte die Spieler nicht belügen. Manchmal muss ich dann auch sagen, dass ich es nicht wirklich begründen kann, warum der Spieler draußen sitzt, da mein Bauchgefühl so entschieden hat. Es geht nicht immer, dass man jede Entscheidung begründet. Aber man muss schon in regelmäßigen Abständen kommunizieren.

Gab es denn schon einmal einen Spieler, der zu Ihnen gesagt hat, dass Sie als Mensch und Fußballtrainer irgendwie anders sind?

Nein, so direkt hat mir das noch keiner gesagt.

Sprechen Sie mit Ihren Spielern über Ihren Glauben?

Ich bin kein Missionar, der seinen Glauben an die große Glocke hängt und versucht, andere Menschen zu belehren. Es ist nicht förderlich, bei jeder Geschichte damit um die Ecke zu kommen. Aber bei einem tiefgreifendem Gespräch redet man schon mal über den Glauben. Es gibt einige Spieler, die sich damit auseinandersetzen. Ich kann dann sagen, was mir geholfen hat und was mir der Glaube gibt.

Ihr Trainerkollege Heiko Herrlich von Bayer Leverkusen hat einmal gesagt, dass er seinen Spielern regelmäßig aus der Bibel vorliest. Sie machen das nicht?

Es muss passen. Es ist schon mal möglich, dass ich ein Bibelzitat in meiner Ansprache verwende. Da bietet die Bibel einen reichen Fundus. Aber ich gehe damit sehr dosiert um.

Welche Bibelstellen sind Ihnen besonders wichtig?

Da gibt es schon ein paar. Das ist zum einen Johannes 3, Vers 16: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.“ Und zum anderen ist es aus Jakobus 4, Vers 6: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Das hilft mir, geerdet zu bleiben. Außerdem steht in Jeremia ein gutes Zitat, welches mir besonders als Trainer hilft. Da steht, dass man das Beste für die Stadt suchen soll, in der man lebt. Das heißt: Wenn es der Stadt gut geht, dann geht es auch dir gut.

Welche christlichen Werte spielen auch im Fußball eine Rolle?

Man ist nur als Gemeinschaft stark und muss dementsprechend miteinander umgehen. Respekt, Fleiß, Ehrlichkeit sind wichtige Werte. So wie die Gemeinde dem Einzelnen hilft, so hilft die Mannschaft einem Mitspieler. Man kann nie alleine Erfolg haben. Es geht nur zusammen, und dazu muss jeder seinen Teil beitragen.

Für die Fans ist Fußball oft eine Art Ersatzreligion. Warum bewegt die Menschen ein Fußballspiel oft mehr als der Glaube an Gott?

Das ist mehr eine Frage für einen Philosophen als für mich als Trainer. Fußball ist ein emotionaler Sport. Da steckt viel Spannung drin. Das lieben die Menschen, erwarten sie aber leider nicht von einem Gottesdienst. Vielleicht ist es auch ein Problem von uns Christen. An manchen Stellen sind wir vielleicht zu langweilig, zu angepasst, zu bequem. Wir könnten mehr Menschen bewegen, mit in die Gemeinde zu kommen und Gott wirklich kennenzulernen.

Das Interview führte Timotheus Eimert.