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„Ich bin nicht zum Praktikum gekommen“

Gestatten, Bischof: Heinrich Timmerevers stellt sich vor. Der Katholik aus dem Norden will bleiben.

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© Ronald Bonß

Von Thilo Alexe

Meißen/Dresden. Einen Vorgeschmack auf die politische Stimmung in Dresden hat er schon erhalten. Es war am Montagabend, und Heinrich Timmerevers leitete die Messe in der Kathedrale. Vom Theaterplatz schallten Rufe der Pegida-Gegendemonstranten in den Kirchenraum.

Der designierte Bischof des Bistums Dresden-Meißen lässt offen, wie er das findet, fügt aber hinzu: „Das hat schon eine Wirkung.“ Erstmals habe er die Auseinandersetzung um Pegida „physisch“ erlebt. Und wie steht er zu den patriotischen Europäern? Timmerevers überlegt, dann spricht er in klarer norddeutscher Diktion einen Satz aus, der erst mal im Raum steht. „Wenn es um die Würde des Menschen geht, dann wird die Kirche nicht schweigen können.“

Mehr als zwei Jahrzehnte hat das Bistum keine Vorstellung eines neuen Bischofs erlebt, am Dienstag ist es die zweite innerhalb von drei Jahren. Auf Joachim Reinelt, der aus Altersgründen zurücktrat, folgte 2013 Heiner Koch. Der Papst ernannte den Rheinländer zwei Jahre später zum Berliner Bischof. Damals regte sich Unmut. Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige warnte davor, dass sich Ost-Diözesen zum „Verschiebebahnhof“ oder gar zu „Praktikumsstellen“ wandeln.

Man kann es auch anders sehen. Im Osten ist es halt turbulent. Die katholische Kirche muss sich Themen wie Fremdenfeindlichkeit stellen, ihre Strukturen an geringe Mitgliederzahlen anpassen. In Sachsen hinterfragen zudem die Linken – sowie bis zum Ausscheiden die Landtags-FDP – im Parlament die staatlichen Zuwendungen. Kurzum: Der Bischof ist gefordert.

Als Timmerevers nach seinen Hobbys gefragt wird, nennt er Radfahren, das Besuchen klassischer Konzerte und Wandern. Dann aber ergänzt der 63-Jährige, der als Bischof vergleichsweise jung ist, er sei nicht hier, um Hobbys zu betreiben. Und greift die Kritik an den Wechseln auf Bischofsstühlen im Osten charmant auf: „Ich bin nicht zum Praktikum gekommen.“

Timmerevers wurde in Nikolausdorf im niedersächsischen Kreis Cloppenburg geboren. Das zweite von sechs Kindern wuchs „selbstverständlich katholisch“ in einer Landwirtsfamilie auf. Timmerevers bezeichnet sie als „traditionell“. In Cloppenburg absolvierte er die Abiturprüfungen, studierte in Freiburg und Münster. 1980 erhielt Timmerevers die Priesterweihe. Elf Jahre arbeitete er als Pfarrer in Visbek, einer rund 10 000 Einwohner zählenden Gemeinde im Kreis Vechta. 2001 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Weihbischof. Im Oldenburger Land stand der Geistliche an der Spitze einer Kirchenbehörde mit rund 150 Mitarbeitern. „Und dann kam ein berühmter Anruf.“

Papst Franziskus hat entschieden. Timmerevers muss umziehen. Am 27. August wird er in einem Festgottesdienst in Dresden in sein neues Amt eingeführt. „Ich komme in ein fremdes Land“, sagt er. In seiner bisherigen Wirkungsstätte liegt der Katholikenanteil bei 27 Prozent. Im jetzigen Bistum, das bis in den Osten Thüringens reicht, machen die Katholiken etwa vier Prozent der Bevölkerung aus. Der Großteil der Menschen ist konfessionslos. Sein evangelischer Kollege Carsten Rentzing schrieb in einem Glückwunsch zur Ernennung von der pastoralen „Herausforderung“ in einer Region, „in der die Menschen weitestgehend einen unmittelbaren Bezug zur Kirche verloren oder einen solchen nie gefunden haben“.

Timmerevers' Vorgänger Koch erzählte in seiner 100-Tage-Bilanz, dass er an der Supermarktkasse gefragt worden sei, ob er auch zahlen müsse. So selten ist offenbar der Anblick eines katholischen Würdenträgers im Dresdner Alltag. Koch war aus Köln anderes gewohnt. Er wollte die drittkleinste Diözese Deutschlands an der Elbe – offenbar gegen Widerstände – öffnen und sagte damals: „Wir sind nicht als Kirche dazu da, Schrebergärten anzulegen und uns darin wohlzufühlen.“ Koch ist jetzt in der Bundeshauptstadt.

Wie tickt Timmerevers? Er gibt einen Hinweis. Mehrfach spricht er von der Spiritualität. Er selbst gehört der innerkirchlichen Fokolarbewegung an, einer vielschichtigen geistlichen Gemeinschaft innerhalb der Kirche, die liberal, sozial und eben spirituell agiert. Der neue Bischof erklärt die Details nicht und nennt stattdessen sein daraus abgeleitetes Motto: „Lebe so, dass die Menschen dich fragen: Wieso lebst du so?“ Im fremden Land will er erst „hören, hören, hören“, was die Bewohner sagen. Und dann: „Reden, reden, reden.“