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„Ich bleibe dem Wasserspringen auf jeden Fall erhalten“

Martin Wolfram versucht sich mal wieder an einem Comeback – und hat einen Plan B.

© Robert Michael

Von Daniel Klein

Als die Medaillen bei der EM und der WM verteilt wurden, hockte Martin Wolfram auf dem heimischen Sofa. Daumendrücken für die Kollegen, mehr ging nicht. Eigentlich gehört der Dresdner zu den besten Turmspringern der Welt. Doch genauso regelmäßig wie er Erfolge feiert, etwa Platz acht bei Olympia 2012, Rang fünf 2016 oder EM-Gold 2015, muss er mit Rückschlägen kämpfen. Seine Schultern, bei Wasserspringern besonders sensible Bereiche, sind eine Art Dauerbaustelle.

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Die vergangene Saison war eine zum Abhaken. Der 25-Jährige verpasste nicht nur die EM im Juni in Kiew und die WM im Juli in Budapest, sondern sämtliche Wettkämpfe. „Es war keine schlechte Platzierung dabei“, sagt er und grinst. Den Humor hat er nicht verloren, vielleicht, weil er so besser mit all den Enttäuschungen umgehen kann. Dass er bei den Jahreshöhepunkten nicht vom Zehnmeter-Turm springen könnte, war lange klar. Als Alternative versuchte er es vom Ein- und Dreimeter-Brett, weil dort beim Eintauchen nicht so starke Kräfte auf die Schultern wirken. „Die Hoffnung, dass es noch klappt, war immer da“, sagt er. Doch im Mai war auch die weg. Arzt, Physiotherapeut, Trainer und er entschieden: Es geht nicht.

Seitdem bereitet er sich bereits auf die nächste Saison vor – soweit das möglich ist. Viel mehr als Einmeter-Brett ist noch immer nicht drin. Die Schultern schmerzen weiterhin, vor allem bei rückwärts gedrehten Sprüngen. Da müssen die Arme kurz vorm Eintauchen überdehnt werden, die Gelenke extrem beweglich sein. Genau das sind sie bei Wolfram nicht. Dreimal musste er sich seit den Spielen von London, als er sich im Finale die Schulter ausgekugelt, Knorpel, Knochen und Bänder verletzt hatte, an der Berliner Charité operieren lassen – das letzte Mal vor knapp einem Jahr.

Seitdem kämpft er sich mühsam zurück, „in Zeitlupe“, wie er es empfindet. „Es gibt jede Woche zwei, drei Momente, bei denen ich mich frage: Warum machst du das alles noch?“ Meist sind es die Augenblicke, in denen es wieder schmerzt an den Stellen mit den inzwischen 16 Narben. „Wir müssen uns bei der Belastung und der Dehnung an die Grenzbereiche herantasten. Und da tut es nun mal weh“, sagt er. Doch dann gelingt ihm im Training mal wieder ein Sprung perfekt, die Kollegen am Beckenrand klatschen. „Dann weiß ich, wofür ich es mache.“

Anfang Oktober will er beim Methodikpokal in Leipzig starten, eigentlich ein Nachwuchswettbewerb. Für Wolfram wäre es der erste Wettkampf seit Olympia in Rio, also anderthalb Jahren. Ein Comeback auf kleiner Bühne. Einen Monat später könnte er sich wieder mit der Weltelite messen, beim Grand Prix im australischen Gold Coast. Geplant ist ein Start im Mixed-Synchron vom Dreimeter-Brett an der Seite von Tina Punzel. Wolfram spricht darüber immer im Konjunktiv.

Das Ziel in dieser Saison ist die EM im Sommer in Edinburgh. „Ich tue alles, um es dorthin zu schaffen“, sagt er. Und wenn das nicht klappt? „Daran möchte ich nicht denken.“ Einen Plan B gibt es bereits, er setzt ihn gerade um. Am Wochenende schreibt er seine Abschlussarbeit für seinen B-Trainer-Schein, das Diplom ist irgendwann einmal das Ziel – nach der Karriere. Und die soll noch ein bisschen dauern. „Ich bleibe dem Wasserspringen also auf jeden Fall erhalten – so oder so.“

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Ärzte aus Dresden hätten ihm bereits geraten aufzuhören. „Der Professor von der Charité sagt, es ist alles wieder voll funktionsfähig“, erklärt Wolfram und ist dankbar, dass sein Arbeitgeber, die Bundeswehr, die Kosten für die Behandlungen übernimmt. Doch viel lieber würde er seine eigentliche Aufgabe als Sportsoldat erfüllen: Medaillen sammeln. Bei der nächsten Europameisterschaft will er nicht wieder auf der Couch sitzen.