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„Ich dachte, das ist das Ende – und das war okay“

Die dänische Sängerin Tina Dico über Kreativ-Krisen, ihren Perfektionsanspruch und wie es ist, mit drei Kindern auf Tour und bald in Dresden zu sein.

© PR

Von Johanna Lemke

Sie singt poetische Lieder über Liebe, Schmerz und Hoffnung: Die dänische Singer-Songwriterin Tina Dico ist in ihrer Heimat Dänemark ein Star. Und auch in Deutschland hat die Sängerin eine treue Fangemeinde hinter sich. Am Donnerstag spielt sie im Dresdner Alten Schlachthof.

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Frau Dico, Sie werden im Oktober 41 und haben gerade Ihre Autobiografie geschrieben – wie viel kann man in diesem Alter von seinem Leben erzählen?

Ich erzähle in dem Buch ja keine Details über meine Kindheit. Ich erzähle von meinem Leben mit der Musik und von meinem musikalischen Universum, aus dem meine Songs entstanden sind. Das Buch handelt von der Einsamkeit, die ich immer empfunden habe und über die ich viele Lieder geschrieben habe. Ein Teil des Buchs handelt auch davon, wie es ist, mit Kindern auf Tour zu sein.

Ihr Mann Helgi Jonsson spielt in Ihrer Band, Sie unterstützen ihn bei seinen Auftritten – und Sie beide haben drei Kinder. Wie organisieren Sie das?

Wir reisen nicht mehr so viel wie früher, aber immer noch zu viel. Ohne unsere engste Familie ginge das gar nicht. Wir leben in Island, wo mein Mann herkommt, aber immer wenn wir in Dänemark oder Deutschland touren, ziehen wir nach Dänemark zu meiner Familie, wo dann unsere Basis ist. So funktioniert das ganz gut. Aber ich sage nicht, dass es einfach ist, es erfordert logistische Meisterleistungen. Aber die erbringen ja alle Eltern!

Oft nehmen Sie die Kinder auch mit auf Tour. Klappt das?

Es macht Spaß! Auf Tour zu sein ist oft sehr langweilig, man muss wahnsinnig viel herumsitzen und warten. Mit Kindern ist auf einmal was los, es ist abwechslungsreich, spontan und verrückt. Kinder bringen sehr viel Farbe rein. Natürlich ist es aber auch wahnsinnig anstrengend. Unsere Kinder sind ja alle noch sehr klein, der Älteste ist sechs. Aber sie sind einfach auch so süß! Es wird sich jetzt allerdings einiges verändern, da unser Ältester in die Schule kommt. Wir werden wahrscheinlich weniger auf Tour gehen können.

Hat sich Ihre Musik verändert, seit Sie Mutter sind?

Interessanterweise kaum. Musik war für mich immer eine Möglichkeit, etwas zu finden, das größer ist als mein kleines Leben. Das ist immer noch so: Ich verschwinde völlig im Moment. Das Einzige, was sich verändert hat, ist die Zeit: Ich habe einfach nicht mehr so viel davon und alles ist so chaotisch. Aber das ist auch gut.

Wozu ist denn Chaos gut?

Es zwingt mich dazu, nicht so perfektionistisch zu sein. Es verhindert, kontrolliert zu sein. So kann ich mich beim Musikmachen völlig dem Flow hingeben. Ich habe gelernt, dass ich loslassen muss, um zu einem Ergebnis zu kommen, anstatt zu kämpfen. Und ich bin mehr da.

Wie meinen Sie das?

Alles in meinem Leben ist so viel reicher, seit ich Kinder habe. Früher war ich weniger im Moment. Ich dachte immer an das, was morgen passiert oder in einem Jahr. Ich war sehr in meinem eigenen Kopf. Als Mutter fühle ich mich mehr ganz. Wenn ich mit meinen Kindern zusammen bin, bin ich präsent, spontan und witzig. Wenn ich dann auf die Bühne gehe, tue ich das als diese vollständige Person: als Mutter, als Ehefrau, als Künstlerin und als Sängerin. Es fühlt sich einfach so reich an. Außerdem kann ich es mehr wertschätzen, was ich tue. Ich bin so dankbar, wenn ich über etwas anderes erzählen darf als über Windeln.

Die Deutschen halten die Skandinavier für besonders modern in Sachen Familienleben. Wie sieht es bei Ihnen aus, sind Sie als Eltern gleichberechtigt?

Ja, absolut! Helgi und ich sind in unseren Rollen gar nicht traditionell. Aber es ist doch generell so, dass Väter heutzutage mehr Verantwortung übernehmen, zumindest bei den skandinavischen Vätern stelle ich das fest. Es ist undenkbar, dass Väter heute nicht mehr anwesend sind und ihre Kinder nicht erleben.

In Ihrem Haus in Island haben Sie Ihr Studio. Wie kann ich mir das vorstellen: Nach dem Frühstück geht das Ehepaar Tina Dico und Helgi Jonsson ins Studio und arbeitet?

Tatsächlich, ja. Ich gebe zu, es war anfangs nicht immer leicht. Aber inzwischen klappt es gut. Wenn wir die Tür zum Studio schließen, tauchen wir völlig ein, auch emotional. Die Dinge passieren einfach. Interessanterweise kommen wir schneller zu einem Ergebnis als früher, gerade weil wir so wenig Zeit haben. Wir nutzen sie effizienter.

Seit 2001 geht es in Ihren Songs vorwiegend um Ihre eigene Gefühlswelt. Dachten Sie mal: Ich habe alles gesagt?

Bei meinem neuen Album „Fastland“ hatte ich diesen Moment. Ich hatte zuvor meine Autobiografie geschrieben, und als ich danach ins Studio ging, dachte ich: Ich habe meine Geschichte erzählt, ich habe nichts mehr zu sagen. Ich hatte eine erfolgreiche Solo-Tour in Dänemark, ich habe in der Hamburger Elbphilharmonie gespielt, ich war so erfüllt und ich hatte erreicht, was ich erreichen wollte. Ich wusste nicht, auf welchen Weg ich mich machen sollte.

Hat Ihnen das Angst gemacht?

Nicht wirklich. Ich dachte einfach, das ist es jetzt, das ist das Ende. Aber das war okay. Es war eine seltsame Erfahrung.

Wie wurden Sie wieder kreativ?

Früher habe ich fast jeden Song entwickelt, indem ich mit meiner Akustikgitarre angefangen habe zu spielen. Doch dieses Mal saß ich da – und nichts passierte. Es gab kein Knistern zwischen mir und der Gitarre. Also fing ich an, andere Instrumente zu verwenden, ich ging ans Klavier und ans Schlagzeug, und dann passierte es. Die Lieder haben sich einfach entfaltet. Sie zeigten mir eine neue Richtung, eine neue Musik mit neuen Ideen. Song für Song.

Was ist an „Fastland“ also anders?

Im Vergleich zu meiner letzten Platte ist es ein schnelleres Album, vielleicht auch radiofreundlicher. Merkwürdigerweise wurde meine Stimme ehrlicher, reicher. Ich muss nichts mehr zurückhalten.

In den letzten Jahren ist ihre Stimme perfekter geworden als früher und weniger rau. Bedauern Sie das manchmal? Manche Lieder gewinnen ja durch das Unperfekte.

Ich weiß, was Sie meinen. Ich bin nicht so gut darin, mir Fehler zu erlauben. Es war immer mein Problem, dass ich alles perfekt machen und die Kontrolle haben will. Das ist so eine skandinavische Sache: Wir lieben nun mal Musik, die minimalistisch perfekt ist. Ich glaube aber, dass ich etwas anderes hinzugewonnen habe: Ich bin in meinem Leben entspannter geworden, nicht mehr so verzweifelt. Das hat dazu geführt, dass meine Stimme voller geworden ist. Ich schreie nicht mehr so viel, wenn ich singe. Früher waren meine Lieder für mich oft schwer zu singen.

Sie singen professionell, seit Sie 15 sind – und das Singen Ihrer eigenen Songs fiel Ihnen schwer?

Ja, ich habe viele Lieder zu hoch geschrieben. Viele Sänger denken, je höher sie singen können, desto besser sind sie. Schauen Sie sich Aretha Franklin oder Mariah Carey an, die können so hoch singen! Als ich jünger war, habe ich darum viele Songs sehr hoch geschrieben, dabei habe ich eigentlich eine sehr tiefe Stimme. Das berücksichtige ich jetzt in meinen Songs. Es fühlt sich jetzt viel leichter an zu singen.

Das Interview führte Johanna Lemke.

Tina Dico live: Donnerstag, 16. August, Alter Schlachthof in Dresden.

Das Album „Fastland“ erscheint am 28. September.