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„Ich frage doch keinen Blinden“

Serbien. Die orthodoxe Kirche agiert auf der Seite der Nationalisten und gewinnt immer mehr politischen Einfluss.

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Von Thomas Brey,Belgrad

In Serbien ist die orthodoxe Kirche zum Motor der nationalistischen Politik der Regierung geworden. Nach Jahrzehnten des Kommunismus, in denen die Kirche ein Schattendasein fristete, hat sie heute mehr politischen Einfluss denn je. Zwar werden die Heiligen Messen von der breiten Bevölkerung wie immer nur schlecht besucht, doch die serbische Staats- und Regierungsspitze nimmt regelmäßig an Gottesdiensten mit dem Patriarchen Pavle teil. Die Zeitungen erklären der Leserschaft zudem lang und breit die kirchlichen Feiertage.

Mehr noch. Die am großserbischen Nationalismus orientierte Position der Orthodoxie bestimmt nicht nur die Politik von Staat und Regierung in der abtrünnigen südserbischen Provinz Kosovo. Der dortige Bischof Artemije behindert als Dogmatiker, der auf absoluten serbischen Rechten besteht, jeden Kompromiss zwischen der albanischen Mehrheit und der serbischen Minderheit.

Die Kirche ist auch mitschuldig an den zunehmend zerrütteten Beziehungen Serbiens mit dem Nachbarn Mazedonien. Dort geht es um den Jahrzehnte langen Streit, ob es eine eigene mazedonische Nationalkirche geben darf, die sich von der serbischen Orthodoxie abgespalten hat. Belgrad hatte bereits einen eigenen Erzbischof für Mazedonien ernannt, der jedoch wurde der wegen „Schüren religiösen Hasses“ in Mazedonien zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Nach einem Aufruf des Patriarchen hat sich die serbische Staats- und Regierungsspitze für die Freilassung von Bischof Jovan eingesetzt.

In der Krisenregion Montenegro, dem kleineren Landesteil des gemeinsamen Staates Serbien-Montenegro, sorgt die orthodoxe serbische Kirche ebenfalls für Missstimmungen. Sie will ähnlich wie die serbischen Politiker eine geplante Abspaltung des „Brudervolkes“ verhindern. „Sie will beweisen, dass sie selbst über dem Staat steht“, kritisiert die montenegrinische Regierungspartei. Um ihre „Allmacht“ zu belegen, hat sie gegen den Willen der Regierung auf der Spitze des Berges Rumija östlich der Adriastadt Bar eine Minikirche aus Blech aufgestellt. Die Armee hatte mit Blick auf die traditionelle Verbundenheit zwischen Militär und Kirche in Serbien das Unikum per Hubschrauber in luftige Höhen transportiert.

Die Kirche hatte bereits auf dem Gipfel des Berges Bjelasica gegen den Willen der Regierung von Montenegro eine Kapelle errichtet. Hinter diesen Nadelstichen steht der Erzbischof Amfilohije, der den als Kriegsverbrecher gesuchten Radovan Karadzic einen „serbischen Heldensohn“ nennt. Er vertritt offen großserbische Positionen und wird von Liberalen als „Taliban“ oder „Oberst“ bezeichnet. „Ich frage doch keine ehemaligen Kommunisten“, hatte er in Richtung montenegrinischer Regierung erklärt. „Ich frage doch keinen Blinden, wohin man gehen muss“. Der erzkonservative, extrem nationalistische Amfilohije, hat beste Chancen, Nachfolger des betagten Patriarchen Pavle zu werden. (dpa)