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„Ich habe Dich so gesucht“

Der DRK-Kindersuchdienst bringt seit Kriegsende Familien wieder zusammen. Bis heute wird er gebraucht. Auch in Großenhain.

© Krüg

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Großenhain. Im Bauernmuseum Zabeltitz liegt eine unscheinbare Broschüre. Doch beim Durchblättern läuft es einem kalt über den Rücken. Das Heft beinhaltet 450 Kinderbilder, die das bittere Ergebnis des grauenvollen Weltkrieges anprangern. Es sind Kinder, die von ihren Familien getrennt wurden. Von vielen dieser unter 12-Jährigen ist der Name nicht bekannt. Höchstens das Alter. Unter ihren Fotos wurde notiert, wo sie gefunden bzw. wie sie gerettet wurden. Das Heft des DRK-Suchdienstes ist eine Zusammenarbeit und ein Versuch beider deutscher Rot-Kreuz-Gesellschaften, Leid zu lindern und die Kinder wieder mit ihren Angehörigen zusammenzubringen.

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Noch heute läuft die Suche nach Weltkriegsvermissten, wie in der SZ kürzlich zu lesen war. Noch immer gibt es ungeklärte Schicksale verschollener Angehöriger, bei denen die Familie die Suche nicht aufgegeben hat. Das Buch „Ich habe Dich so gesucht – der Krieg und seine verlorenen Kinder“ ist auch für die IG Mahnmal Marienkirche eine wichtige Arbeitsquelle.

In diesem dicken Buch geht es zum Beispiel um jene Menschen, die auf der Flucht 1945 von der Roten Armee eingeholt und in Arbeitslager verschleppt wurden. Oder um Angehörige, die von der Straße weg verhaftet und ebenfalls interniert wurden. „Von den meisten von ihnen hat man nie mehr ein Lebenszeichen erhalten“, so Knut Ipsen, 1995 Präsident des DRK. Auf der Suche nach solchen Lebenszeichen ist sogar der IG Mahnmal Marienkirche schon eine Familienzusammenführung gelungen. Die Geschichte führt in die Gemeinde Röderaue. Dort holte 1943 ein kinderloses Paar ein kleines Mädchen aus dem Kinderheim. Der Pflegevater wurde 1945 verhaftet und ohne Urteil verschleppt. Er starb in einem Internierungslager. Die Aufarbeitung der stalinistischen Opfer brachte auch die inzwischen 67-jährige Tochter – das damalige Mädchen aus dem Kinderheim – zu ihrer Ursprungsfamilie. „Selbst dachte die Frau nicht daran, zu ihrer leiblichen Mutter zu forschen, das konnte sie ihrer Pflegemutter nicht antun“, sagt Gudrun Kracht von der IG Mahnmal. Aber es stellte sich heraus, dass die Frau noch eine jüngere Schwester hatte. Früher existierte ein Foto der beiden Kinder. Die Rentnerinnen trafen sich erst im hohen Alter wieder und freuten sich über den sich unvorhergesehen vergrößerten Familienkreis.

Ähnliche Schicksale tangiert die neue Ausstellung der IG Mahnmal in der Marienkirche „Kindheit hinter Stacheldraht“. Sie ist ab 29. September zu sehen. Mindestens 122 671 deutsche Bürger waren von 1945 bis 1950 in sowjetischen Lagern in Deutschland eingesperrt, oft ohne Überprüfung und somit auch ohne Gerichtsverfahren. Sie wurden in Lagern inhaftiert, die zuvor schon von den Nationalsozialisten genutzt worden waren: Sachsenhausen, Bautzen, Buchenwald, Torgau. Dort lebten sie unter Bedingungen, wie wir sie uns heute kaum vorstellen können. 42 889 von ihnen nennt der offizielle Abschlussbericht der Abteilung Speziallager von 1950 als verstorben. Das entspricht einer Todesrate von circa 36 Prozent. Unter ihnen befanden sich auch Kinder, die in den Lagern geboren wurden. Oft waren die Mütter schon schwanger, als sie eingesperrt wurden. Diese Ausstellung lässt Lagerkinder, die überlebten, als Zeitzeugen zu Wort kommen.

Eröffnung mit Andacht am 29. September, 18 Uhr.