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„Ich habe meine Kinder getötet“

Wegen zweifachen Mordes ist ein Vater vor dem Landgericht Görlitz angeklagt. Sein Verteidiger sieht das anders.

© Danilo Dittrich

Von Jana Ulbrich

Es ist Sonntagnachmittag, der 27. September 2015. Ein Vater lädt seine beiden Kinder zu McDonald’s ein. Sie sind glücklich. Der kleine Ramush, fünf Jahre alt, und seine vierjährige Schwester Laura. Sie schlagen sich die Bäuche voll, sie spielen, toben, haben Spaß. Sie können ja nicht ahnen, was kurz darauf geschehen wird.

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Shaip B. weiß es schon. Es soll ein Abschiedsessen sein bei McDonald’s. Er hat es geplant, so wird es der 47-Jährige später den Ärzten im Krankenhaus und den Polizisten bei der Vernehmung erzählen. In der Wohnung hat er einen Abschiedsbrief hinterlassen.

Er setzt seine Kinder ins Auto, schnallt sie ordentlich in ihren Kindersitzen fest. Er fährt von Dresden aus auf die B 6 in Richtung Bischofswerda. Zwischen Rossendorf und Fischbach trifft er den verheerenden Entschluss: Jetzt! Auf gerader Strecke gibt er Gas, beschleunigt auf gut 150 km/h und steuert geradewegs auf die Bäume am rechten Straßenrand zu. Gegen zwei Bäume prallt das Fahrzeug nacheinander. Ramush und Laura haben keine Chance. Die Kinder sind beide sofort tot. Ihr Vater kommt mit einer Platzwunde am Kopf, zwei gebrochenen Rippen und ein paar Schürfwunden davon. Das hatte er so nicht geplant. Er wollte mit seinen Kindern sterben.

Jetzt sitzt der 47-Jährige auf der Anklagebank vor dem Görlitzer Landgericht, zusammengesunken, blass Oberstaatsanwältin Kerstin Nowotny wirft ihm zweifachen Mord vor – heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen. Shaip B. hat schriftlich erklärt: „Ja, es stimmt, dass ich meine beiden Kinder getötet habe.“ Sein Verteidiger, Michael Sturm, verliest das zu Beginn der Verhandlung. „Aber ich war in einem Zustand der Verwirrung. Ich war nicht ich.“ Sein Verteidiger hält den Mordvorwurf nicht für begründet. Michael Sturm will auf Totschlag im minderschweren Fall plädieren. Sein Mandant habe sich in einem emotionalen Ausnahmezustand befunden, erklärt er.

Der gewaltsame Tod der beiden Kinder ist das tragische Ende eines Familiendramas, das sich schon länger abgezeichnet hatte. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt davon, dass Shaip B. seine Kinder umgebracht hat, um seine Frau zu bestrafen, die sich einige Tage vor jenem verhängnisvollen Sonntagnachmittag endgültig von ihrem Mann getrennt hatte und in ein Frauenhaus gezogen war.

Am Mittwoch wird die Verhandlung am Görlitzer Landgericht fortgesetzt. Das Urteil wird nächste Woche erwartet.