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„Ich habe Messer“

Im Messerstecherprozess wurden am Montag die beiden Geschädigten aus Radebeul gehört. Die Einbrecher gingen brutal gegen sie vor.

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© SZ/Archiv

Von Jürgen Müller

Radebeul. Das Ehepaar merkt sofort, dass etwas in seinem Haus an jenem Februartag dieses Jahres nicht in Ordnung ist. Die Aktentasche des Diplom-Ingenieurs ist umgestürzt, im Gästezimmer steht eine Schranktür offen, auch ein Fenster in der Veranda ist geöffnet. Ob er in dem Schrank etwas gesucht habe, will die 56-jährige Frau ihren Mann gerade fragen, als zwei Männer ganz entspannt die Treppe aus dem Obergeschoss herunterkommen.

Für das Ehepaar ist sofort klar, dass es sich bei den beiden südländisch aussehenden Typen um Einbrecher handelt. „Halt, was ist hier los?“, fragt der Mann. Einer der Einbrecher kommt sofort auf ihn zu, versucht sich an dem Mann vorbeizukämpfen, droht: „Ich habe Messer.“ Und sticht dann mehrmals zu. Durch die dicke Daunenjacke dringt das Messer aber nicht durch, der Hausinhaber wird nicht verletzt.

Als seine Frau zum Telefon greift und die Polizei rufen will, schlägt ihr einer der Täter das Gerät aus der Hand. „Es fiel in die Ecke und zerbarst in alle Einzelteile“, sagt die Frau. Erst später wird sie gegenwärtig, dass sie stark an der Hand blutet. Einer der Täter hatte ihr offenbar mit dem Messer auf die Hand geschlagen. Sie erleidet eine drei Zentimeter lange Schnittwunde, die im Krankenhaus genäht werden muss, der Mittelfinger der linken Hand ist gebrochen. Noch heute hat sie Probleme. „Als ich im Krankenhaus die Röntgenbilder sah, da ist mir schon anders geworden“, sagt sie.

Der Mann mit dem Messer flieht durch das offene Fenster. Die Flucht hatten die Einbrecher gezielt vorbereitet. Denn vor dem Fenster stand eine Gartenbank, die sie zuvor weggeräumt hatten. Dem zweiten Täter gelingt die Flucht zunächst nicht. Bei dem Versuch, durch das Fenster abzuhauen, hält ihn der Hausinhaber zunächst fest, während der andere Täter von außen zieht und mit dem Messer sticht. So sehr, dass sogar die Heizung beschädigt wird. Schließlich kann auch der zweite Täter fliehen, verliert in dem Gerangel allerdings Schuhe und Mütze.

Das und ein weiterer versuchter Einbruch in Dresden zwei Wochen später werden dem Albaner zum Verhängnis. Der Bruch in Dresden scheitert, ein Zeuge ruft die Polizei. Zwei der drei Täter sind weg, doch der jetzt Angeklagte, der „Schmiere“ gestanden hatte, wurde festgenommen. Er passte auf die Täterbeschreibung des Zeugen. Ein Abgleich der DNA überführte ihn, an dem Radebeuler Einbruch beteiligt gewesen zu sein.

Nun sitzt er seit sieben Monaten in Untersuchungshaft und wegen räuberischen Diebstahls vor dem Dresdner Landgericht. Sein Kumpel, ebenfalls ein Albaner, läuft noch immer frei herum. Wo der sich aufhalte, wisse er nicht, sagt der Angeklagte. Wahrscheinlich ist er abgetaucht, so wie auch der Angeklagte einst. Nach eigenen Angaben hielt er sich nach Ablehnung seines Asylantrages ein Jahr in Dortmund auf, kehrte dann aber nach Dresden zurück.

Der Grund für die Einbrüche, an denen der 24-Jährige beteiligt war, liegt auf der Hand. Der Mann ist schwer drogenabhängig, braucht Geld für „Nachschub“. Sein nicht gefasster Kumpel war Drogendealer, bei dem er Schulden hatte. Stimmen die Angaben des Angeklagten zu seinem Drogenkonsum, so brauchte er allein für Crystal monatlich mehr als 2 000 Euro.

Für das Radebeuler Ehepaar hat der versuchte Einbruch nicht nur materiellen, sondern auch psychischen Schaden hinterlassen. Vor allem die Frau litt unter dem Vorfall. Monatelang traute sie sich nicht, das Haus allein zu betreten. Inzwischen haben die Radebeuler aufgerüstet, eine Alarmanlage eingebaut, die Kellerfenster vergittert.

Die Täter machten reiche Beute. Insgesamt stahlen sie Schmuck sowie eine wertvolle Fotoausrüstung für mehr als 20 000 Euro. Dass sie überrascht wurden, davon zeugt auch, dass Schmuck auf dem Fußboden verstreut lag. Offenbar kamen die Täter nicht mehr dazu, diesen einzusammeln. Bei dem gestohlenen Schmuck handelt es sich teilweise um Erbstücke, was die Frau besonders schmerzt. Der jetzt angeklagte Täter will davon nichts erhalten haben. Er habe alles seinem Kumpel gegeben, sagt er. Die Kamera ist inzwischen wieder aufgetaucht. Sie ist unbrauchbar.

Der Angeklagte stellt die Tat als spontane Aktion dar. Dass ein Messer im Spiel war, streitet er ab. Man habe zufällig eine Eisenstange gefunden, mit der man ein Fenster geöffnet habe. Mit dieser Stange habe sein Kumpel auch auf die Frau eingeschlagen. Doch der Ehemann der Geschädigten kann sich genau an ein Messer, an eine blinkende Klinge, erinnern. Mit einer Eisenstange hätten der Frau auch keine Schnittverletzungen zugefügt, Daunenjacke und Hose des Mannes nicht zerschnitten werden können. Das Messer haben die Täter mitgebracht. Im Haushalt der Geschädigten fehlt jedenfalls kein Messer.

Ursprünglich sollte am Montag das Urteil fallen. Doch weil ein anderer Zeuge krankheitsbedingt fehlte, wird das Verfahren am 6. November fortgesetzt. Den Angeklagten erwarten eine lange Haftstrafe und die Abschiebung.