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„Ich habe mich hinreißen lassen“

© Paul Sander

Im Prozess gegen die Gruppe Freital erklärt ein Angeklagter seine Beweggründe. Politisch seien sie nicht gewesen.

Von Andrea Schawe

Er sitze nicht ohne Grund in Untersuchungshaft, sagte Sebastian W. im Prozess gegen die mutmaßlich rechtsterroristische Gruppe Freital. Es ist seine erste Erklärung vor dem Oberlandesgericht Dresden. „Es tut mir leid, was passiert ist. Ich bereue es und muss nun dafür geradestehen.“ Die Bundesanwaltschaft wirft dem 27-Jährigen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, versuchten Mord und die Beteiligung an mehreren Sprengstoffanschlägen in Freital und Dresden vor.

Vor „dieser Sache“ habe er sich für Politik nicht interessiert, sagte W. Er habe auch keine Kontakte in die rechte Szene gehabt oder sei Hooligan gewesen. „Wie kommt jemand wie Sie dann zu so etwas?“, fragte Oberstaatsanwalt Jörg Hauschild. „Das frage ich mich auch“, antwortete W. Er habe im Juli 2015 seinen Job bei einer Druckerei verloren, hatte kein Geld mehr und drohte, seine Wohnung zu verlieren. „In mir wuchs eine Unzufriedenheit, die ich fälschlicherweise auf die Flüchtlinge abgewälzt habe.“ Die anderen Angeklagten habe er bei Geburtstagsfeiern kennengelernt. Er sei da „reingerutscht“. „Ich habe mich dazu hinreißen lassen, dass meine Unzufriedenheit in Wut umschlägt“, sagte der Freitaler, der zuletzt als Paketzusteller tätig war.

Er habe bei den Treffen der Gruppe nicht viel gesagt, die anderen aber mit seiner Anwesenheit unterstützt. „Ich hätte widersprechen müssen. Dafür war ich zu schwach.“ War es Gruppenzwang? „Ja, das würde ich schon sagen“, erklärte W. Es habe aber die Möglichkeit gegeben auszusteigen. „Mir fehlten der Mut und die Kraft.“

Angaben zu den Taten wollte Sebastian W. nicht machen – auch, um seine Lebensgefährtin zu schützen, mit der er seit Dezember 2016 eine Tochter hat. Gegen Mirjam K. wird ebenfalls ermittelt. Das Gericht wertete die Erklärung des Angeklagten nicht als Geständnis.

Auch der als Rädelsführer angeklagte Timo S. machte am Dienstag Angaben zu seinen persönlichen Verhältnissen. Er sei 2014 aus Liebe von Hamburg nach Freital gezogen. „Für mich sind Familie und Freunde sehr, sehr wichtig“, sagte der 28-Jährige in norddeutschem Dialekt. Die Verlobung mit der Freitalerin ist mittlerweile gelöst. Er habe Dresden schon vor dem Umzug gut gekannt, er sei oft zu Fußballspielen hergefahren. Ein Hobby von ihm sei der HSV, der andere – politisch eher linke – Hamburger Verein FC St. Pauli „passt nicht so ganz“, sagte S. scherzhaft. Zu den Taten oder seiner politischen Einstellung wollte sich S. nicht äußern.