merken

„Ich hatte den Zahlen auf den Abrechnungen vertraut“

Ein Mann soll mehrere Leute aus der Region um Tausende Euros betrogen haben. Er bestreitet das.

© Symbolfoto: dpa

Von Stephan Klingbeil

Dippoldiswalde/Freital. Dieses Mal stand der 62-jährige Angeklagte nicht. Der Mann aus Bamberg, der ab 2008 bei Investmentgeschäften mehrere Menschen in Tharandt, Kurort Hartha und Klingenberg um Zigtausende Euro betrogen haben soll (SZ berichtete), verfolgte seinen Prozess am zweiten Verhandlungstag im Sitzen. Er ist gesundheitlich angeschlagen. Und auch am Freitag musste die Verhandlung am Amtsgericht Dippoldiswalde unterbrochen werden. Nach einem amtsärztlichen Rat müsse der Mann nach jeweils 45 Minuten eine Verhandlungspause von 30 Minuten einlegen.

Anzeige
Wandern mit Kindern: Das muss mit
Wandern mit Kindern: Das muss mit

Bei Ausflügen mit Kindern stehen Erlebnis und Abenteuer im Vordergrund. Das sollte bei der Tourenplanung und beim Packen des Rucksacks bedacht werden.

Der schmächtige Mann mit dem halblangen silbergrauen Haar wirkte nun angeschlagen. Aus gesundheitlichen Gründen hatte er schon mehrere Male Prozesse platzenlassen – in seiner bayrischen Heimat und in Dippoldiswalde. Sein Fall beschäftigt das Gericht hier schon seit drei Jahren.

Selbst als die Richter aus Sachsen in diesem Sommer nach Bamberg gereist waren, blieb er dem Prozess fern. Daraufhin wurde ein Sitzungshaftbefehl erlassen. So sitzt der Deutsche schon seit einigen Wochen im Gefängnis und bleibt dort vermutlich auch noch, solange sich das Urteil hinauszieht.

Nach dem ersten Prozesstag Mitte September ging es dieses Mal viel ruhiger zu im Gerichtssaal. Damals war ein älterer Mann im Zuschauerraum aufgestanden. Er verteilte ein Papier an Richterin und Schöffen und bezweifelte laut die Legitimation des Gerichts. Solches Verhalten ist bei sogenannten Reichsbürgern verbreitet. Diese erkennen die Existenz der Bundesrepublik nicht an. Sie setzen sich somit auch über hier geltende Gesetze hinweg.

Seine Unterstützer aus Bayern, die dem Angeklagten am Freitag wieder vom Zuschauerraum aus zur Seite standen, betonen aber, sie seien definitiv keine Reichsbürger. Ganz im Gegenteil, sagen sie der SZ. Sie würden sich sehr wohl zur hiesigen „freiheitlich demokratischen Grundordnung“ bekennen – und auch zum Grundgesetz in seiner Original-Fassung von 1949.

Strafgesetzbuch abgelehnt

Allerdings lehnen sie das Strafgesetzbuch ab, weil es sich dabei „um nationalsozialistische Gesetze handele“ beziehungsweise seien diese schon zu NS-Zeiten angewandt worden. Sie selbst seien keine Gruppe, keine Organisation. Sie würden nur gegen den Prozess und die Festnahme des Angeklagten protestieren. Der 62-Jährige leide ihnen zufolge seit einer Hirnblutung an Bluthochdruck und sei daher nicht verhandlungsfähig. Zudem sei er selbst nach den unerwarteten Schwierigkeiten auf dem Finanzmarkt, die einst zum Verlust des Spekulationskapitals von seinen Anlegern geführt hatten, betroffen. Das sagt seine Frau.

Obendrein sei den Anlegern von Anfang an klar gewesen, dass es sich damals um „Hochrisikogeschäfte“ handelte, bei denen die Möglichkeit bestünde, dass Geld in den Sand gesetzt wird. War das Betrug?

Offenbar sprach sich herum, dass man durch die Investmentgeschäfte des Angeklagten ordentlich Gewinne machen konnte. Es gab stetig Anfragen. Ein 74-Jähriger aus Kurort Hartha schilderte, wie er 30 000 Euro an den Angeklagten gezahlt hat, teils in bar und ohne Quittung. Dann erhielt er – wie anderen Kunden des Bambergers auch – regelmäßig Abrechnungen, die ihm hohe Zinsen und ein Guthaben von über 100 000 Euro vorgaukelten. Als der Rentner 50 000 Euro zurück wollte, flog der Schwindel auf. Nur 3 000 Euro wurden zurückgezahlt.

Immerhin 10 000 Euro, die Hälfte des Investierten, erhielt ein Selbstständiger aus Klingenberg zurück. „Ich hatte den Zahlen auf den Abrechnungen vertraut“, sagt der 46-Jährige. Er habe nie gefragt, wo die Summen investiert wurden. Doch als er 2013 Geld zurückforderte, hätte der Angeklagte ihn über längere Zeit vertröstet. Der Klingenberger muss im Oktober erneut aussagen. Dann wird der Prozess fortgesetzt. Die Verhandlung am Freitag wurde abgebrochen, weil der Beschuldigte nachweislich unter zu hohem Blutdruck litt und zur Untersuchung in ein Krankenhaus musste.