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„Ich kann die Proteste der Lehrer nicht verstehen“

Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) über das Paket gegen Personalmangel in Schulen und die Reaktion der Lehrer.

© Robert Michael

Frau Ministerin, wie zufrieden sind Sie mit dem Maßnahmenpaket für Lehrer?

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Wenn ich zurückblicke, hat es so ein umfassendes Paket mit knapp 214 Millionen Euro für die Bildung im Freistaat noch nicht gegeben. Aus diesem Grund bin ich sehr zufrieden. Wir wollen mehr Lehrer für den Freistaat Sachsen gewinnen und die Bedingungen für den Lehrerberuf so verbessern, dass wir Kollegen auch aus anderen Bundesländern zu uns bekommen –  wohl wissend, in welchem Wettbewerb wir stehen. Und wir wollen für die über 60-jährigen Kollegen etwas tun. Sie haben das System 25 Jahre getragen, und sie sind der Garant dafür, wo wir jetzt stehen. Ich darf an der Stelle sogar einmal sagen: Danke an den Finanzminister für diese Summe, die jetzt unter dem Strich steht. Ich hätte mir vor einem halben Jahr nicht träumen lassen, dass wir am Ende mit einem solch großen Betrag für Sachsens Bildung herauskommen. Das ist gut investiertes Geld.

Die Gewerkschaften sehen das etwas anders.

Die gewerkschaftlichen Reaktionen beobachte ich sehr aufmerksam. Ich lege viel Wert darauf, intensiv mit Lehrern zu sprechen. Ich habe den Eindruck, dass die GEW nicht das Ziel gehabt hat, die Gespräche zu einem guten Ergebnis zu bringen. Jetzt tobt hinter den Kulissen ein gewerkschaftlicher Wettbewerb zwischen GEW und Sächsischem Lehrerverband. Das wird mir deutlich vermittelt. Und darüber bin ich keineswegs glücklich, weil das auch in den Lehrerzimmern zu einer sehr intensiven Diskussion führt, die die Lehrerschaft zerreißt. Nichts ist schädlicher für eine gute Schulqualität – auch für guten Unterricht.

Können Sie die Proteste der Lehrer verstehen?

Angesichts des 214-Millionen-Paketes kann ich die Proteste der Lehrergewerkschaften nicht verstehen. Über das Verhalten bin ich enttäuscht. Ich werde auch deshalb nicht vor dem Landtag zu den Lehrern gehen – obwohl das nicht meine Art ist. Ich habe den Eindruck, dass es dabei nicht mehr um die Sache geht. Hier bringen sich zwei Gewerkschaften in Stellung, die ab Januar auf Bundesebene wieder am Verhandlungstisch mit den Finanzministern sitzen. Für Profilierungskämpfe zweier Gewerkschaften zulasten der Schulen habe ich kein Verständnis.

Kritik kommt vor allem von den Grundschullehrern, die sich außen vor gelassen fühlen.

Die Überschrift lautete „Gewinnen und Halten von Lehrern“. Es war keineswegs von Beginn an gedacht, dass wir jetzt mit der Gießkanne über der gesamten Lehrerschaft finanzielle Dinge ausschütten. Das waren ja keine Tarifverhandlungen, die wir geführt haben. Das Ziel war klar: Es geht um das Gewinnen und Halten von Lehrern. Deswegen bin ich über manch eine Reaktion der Gewerkschaft enttäuscht und kann sie nicht verstehen. Mir liegt daran, dass wir Vertrauen in solchen Gesprächen aufbauen und verlässlich sind. In solchen Gesprächen geht es auch immer um Kompromisse. Auch solche, die wir in einer Koalition finden müssen und gefunden haben. Da ist eben seitens des Koalitionspartners für die Grundschullehrer die eine Stunde Abminderung im Regelstundenmaß mit auf den Verhandlungstisch gekommen.

Individuelle Zulagen für Mangelregionen und -fächer, mehr Stellen und die Pauschale für Lehramtsstudenten, die hier bleiben – reicht das, um den Lehrermangel abzumildern?

Bundesweit ist ein enormer Wettstreit um Lehrer ausgebrochen. Lehrer sind ein rares Gut geworden in Deutschland. Alle Länder stellen ein. Mit diesem Paket konnten wir unsere Situation ein großes Stück verbessern. Unser Schulsystem und die Qualität sind hoch anerkannt. Das sind zwei wichtige Aspekte. Aber natürlich spielen auch finanzielle Überlegungen eine Rolle und in welcher Region man Dienst tun möchte. Mit dem Maßnahmenpaket hat Sachsen im Wettstreit um Lehrer nun kräftig aufgesattelt. Aber der Wettbewerb unter den Ländern bleibt bestehen. Insofern wird das Thema Seiteneinsteiger in den nächsten Jahren auch ein Thema bleiben.

Wie lange wird Sachsen noch Seiteneinsteiger brauchen? Werden irgendwann fast alle neuen Lehrer Seiteneinsteiger sein?

Nein, auf gar keinen Fall. Das wird es nicht geben. Wir brauchen in unseren Lehrerzimmern das Miteinander von jungen Lehrern und den älteren, den sehr erfahrenen Lehrern. Diese Mischung führt zu einer guten Qualität. Die Seiteneinsteiger, die wir in den nächsten drei, vier Jahren einstellen, können mit ihrer Berufserfahrung auch eine Bereicherung für unsere Lehrerzimmer sein. Jetzt kommt es darauf an, dass wir diese Personen qualifizieren, bevor wir in den Unterricht gehen. Es darf nicht noch einmal so sein, wie wir es am Anfang des Schuljahres machen mussten. Wir werden schon ab Januar eine dreimonatige Einstiegsqualifizierung auflegen, dann eine universitäre Qualifizierungsphase anschließen. Wenn wir das so machen, bin ich mir sicher, dass die Seiteneinsteiger gute Lehrer sein können.

In ländlichen Regionen wie den Landkreisen Bautzen und Görlitz sind fast 90 Prozent der neuen Lehrer an Oberschulen Seiteneinsteiger . Halten Sie das für problematisch?

Ich sage ganz offen, dass ich über die hohe Anzahl von Seiteneinsteigern zum Beispiel an den Oberschulen nicht glücklich bin. Jetzt gilt es, Obacht zu geben, dass wir maßgeblich an den Oberschulen ein gesundes Maß an Seitensteigern nicht überschreiten. Ich bin da optimistisch, wohl wissend, dass es eine sehr große Herausforderung werden wird, die Anzahl an Seiteneinsteigern an einzelnen Schulen nicht in die Höhe zu treiben. Es ist eine außerordentlich große Herausforderung, diese Seiteneinsteiger zu betreuen und zu begleiten, ihnen das pädagogische Rüstzeug zu vermitteln. Ich bin sehr dankbar, dass das die Lehrer engagiert tun.

Das Paket ist nun beschlossen. Was sind die Herausforderungen für die nächsten Monate?

Jetzt geht es darum, dass die Lehrer wissen wollen, wie das Paket umgesetzt wird. Die Verwaltung muss nun handeln. Was erwarten die Schüler und auch die Eltern von uns? Dass der Unterricht in guter Qualität stattfindet. Das ist für mich das Kernthema. Dann ist mir wichtig, Schule nicht neben der gesellschaftlichen Entwicklung zu sehen, sondern mitten in der Gesellschaft. Wir müssen die politische und digitale Bildung an den Schulen stärken. Dazu will ich mit dem Landesschülerrat ins Gespräch kommen. Und ich habe bereits im Frühjahr zugesagt, die Unterrichtsbelastung der Schüler zu senken. Da müssen wir jetzt ran.

Das Gespräch führte Andrea Schawe.