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„Ich mag Projekte mit ungewissem Ausgang“

Kletterprofi Hansjörg Auer staunt, wie ein Alleingang sein Leben umkrempelte. Er fühlt sich aber nicht als Einzelgänger.

© Damian Levati

Von Jochen Mayer

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Ein Weg durch den Fisch klingt fabelhaft. Für Kletterer ist der Name dieser Route in der Marmolata-Südwand in den Dolomiten längst Synonym für eine Sternstunde. Hansjörg Auer stieg diese 1 220 Meter lange vertikale Höchstschwierigkeit im April 2007 alleine und frei. Nur zufällig gab es Augenzeugen für die eigentlich 37 Seillängen. Der inzwischen 34-jährige Österreicher, der im Ötztal lebt, gab für seine Kletterleidenschaft seinen Beruf als Mathe- und Sportlehrer auf. Im Interview mit der Sächsischen Zeitung spricht der Kletterprofi über die Gründe dafür, den Umgang mit öffentlicher Neugier und seiner Magersucht.

Der Kletterer Hansjörg Auer.
Der Kletterer Hansjörg Auer. © Elias Holzknecht
Hansjörg Auer „Südwand. Vom Free-Solo-Kletterer zum Profibergsteiger“ Malik Verlag, Vorwort Reinhold Messner, 269 Seiten, 16Fotoseiten, eine Karte, 20,00 Euro.
Hansjörg Auer „Südwand. Vom Free-Solo-Kletterer zum Profibergsteiger“ Malik Verlag, Vorwort Reinhold Messner, 269 Seiten, 16Fotoseiten, eine Karte, 20,00 Euro.

Herr Auer, ist die Kletterkarriere programmiert, wenn man in den Alpen groß wird?

Für meine Geschwister und mich begann unser Spielplatz hinter dem Bauernhof mit Felsen. Wer so in die Bergwelt hineinwächst, der wird eher Bergsteiger als Schwimmer. Ich war mit sechs Jahren auf meinem ersten Dreitausender, mehr gewandert als geklettert.

Aber als Sie dafür den Lehrerberuf aufgegeben haben, war das doch sicher ein ganz anderer Schritt?

Ich habe mich ins Klettern hineingesteigert, mit wachsender Leidenschaft, das passierte schleichend. Ich war immer ein sehr ehrgeiziger, fast egoistischer Typ, schon als Kind. Beim Ausdauertraining und Klettern fand ich meine Bestätigung.

Gab es den einen Punkt, wo Sie sagten: Ab heute bin ich Profi?

Ich wollte eigentlich nie vom Klettern leben. Seit 2009 bin ich nun Profi, habe mich langsam anpassen können. Ich sah auch, wie sich Leute verändern, wenn sie Verträge haben, nicht mehr wissen, wo oben und unten ist, die Bodenhaftung verlieren. Ich hoffe, mir passiert das nicht, weil ich so langsam reingewachsen bin.

Es war Ihnen nicht zu ungewiss, dafür die Festanstellung aufzugeben?

Nein, ich mag Projekte mit ungewissem Ausgang. Die sind spannend, das motiviert mich, weil ich auch neugierig bin. Ich hatte mich nicht mehr wohlgefühlt in der Schule, weil ich aus dem engen Dienstkorsett nicht mehr rauskam. Wenn ich kein Profibergsteiger wäre, würde ich irgendetwas arbeiten, wo ich mein eigener Chef wäre.

Sind Sie eine Art Freigeist?

Das kann man so sehen. Ich habe klare Ziele, möchte aber nicht von heute auf morgen leben. Ich bin Sportler, die wissen genau, wo sie hinwollen. Das trifft auch auf gute Kletterer zu, selbst wenn die manchmal etwas wild und unbegreiflich wirken.

Wie zum Beispiel Ihr spektakulärer Aufstieg durch den Fisch – ohne Publikum.

Wer klettern geht, macht das für sich, nicht für die Öffentlichkeit. Der Weg durch den Fisch war für mich die logische Konsequenz aus allem, was ich zuvor geklettert bin. Dafür brauchte ich auch kein Publikum. Die Zeit nach dem Fisch war weder einfach noch schön, sie krempelte mein Leben um. Erst nach zwei Jahren hatte ich mich innerlich wieder gefangen, weil ich gelernt hatte, damit umzugehen.

Was war denn so gravierend für Sie, im Mittelpunkt zu stehen?

Plötzlich wollten mir Leute zuschauen, wenn ich im Klettergarten unterwegs war. Draußen musterten dich Leute von oben bis unten, das war ich nicht gewohnt. Bei bekannten Skifahrern ist das anders, die sind auf Schaulaufen vorbereitet. Ich hatte nicht mit diesem Medienecho gerechnet.

Vielleicht war das Echo so groß, weil heute ja kaum etwas Spektakuläres unbemerkt von Kameras bleibt.

Es kam ja nicht von null, ich habe mich an die Schwierigkeit herangetastet, alleine. Die Intensität des Erlebens ist dabei hoch, weil ich für alles selbst verantwortlich bin – vom Entscheiden bis zum Klettern. Danach ist das Verarbeiten der Erlebnisse viel ausgeprägter, als wenn ich mit einem Partner unterwegs bin. Ich kann beides genießen: alleine klettern und in Gemeinschaft, weil beides Reize und Schönheiten hat. Ich bin zielorientiert, kann egoistisch sein, bin aber kein Einzelgänger, gern unter Leuten.

Sie schreiben dazu in Ihrem Buch, das ein Reinhold-Messner-Vorwort hat. Fühlen Sie sich mit ihm seelenverwandt, da es ihn auch in wilde Natur treibt?

Wenn man in der Geschichte des Bergsteigens Kletterer vergleicht, die Neues gewagt haben, dann gibt es ähnliche Muster, selbst wenn wir nicht gleich sind. Beim Klettern befinden wir uns nicht im Wettkampf, im Kampf gegeneinander wie bei den Skifahrern. Beim Freiklettern ist dafür immer als absolut letzte Konsequenz der Tod dabei.

Nervt Sie die immer wiederkehrende Frage nach dem Warum, sich der tödlichen Gefahr auszusetzen?

Es ist immer wieder die gleiche Antwort. Ich spüre diesen Drang, dass ich immer wieder aufbrechen will, um glücklich zu sein. Andere müssen ins Fitnessstudio gehen oder wollen lesen oder brauchen die Musik. Ich kann beim Freiklettern am intensivsten leben. Für mich ist wichtig, schwierige Kletterwege zu probieren, um sie und mich zu verstehen.

Aber in Grenzbereichen verschwimmt doch der Übergang zum unkalkulierbaren Risiko, wenn Sie wie am Fisch nur an einem Finger in der Wand hängen.

In so einem Moment denke ich nicht an Absturz. Ich war total überzeugt, dass es gelingt. Ich musste mich natürlich physisch und psychisch auf die Tour vorbereiten. Und ich mache Pausen, gehe extreme Freikletter-Touren in größeren Zeitabständen. Wenn es zur Routine wird, ist es gefährlich. Neugier und Wagnis verändern Denken. Das habe ich meinem Buch als Motto vorangestellt. Wer nie ein Wagnis eingeht, muss einen Bürojob im Landhaus machen.

Sie schreiben offen darüber, wie Sie sich in den Sport geflüchtet haben, dass Sie Selbstzweifel hatten.

Darum geht es ja, das Leben zu meistern. Ich halte nicht viel vom Heldentum in den Bergen, wir sind auch nur Menschen, die einer bestimmten Kultur oder Leidenschaft verfallen sind. Wenn man schon ein Buch schreibt, muss das ehrlich sein. Das darf der Leser erwarten. Da geht es vor allem darum, wie ich denke und fühle, wenn es mir gut oder schlecht geht.

War es schwer, Ihre Magersucht in Worte zu fassen?

Die gehört zu meiner Person, zu meiner Biografie. Darüber konnte ich nur schreiben, weil sie zehn Jahre zurückliegt. Ich wollte zeigen, wie ich damit umgegangen bin. Viele meiner Freunde wussten nicht, welche Ausmaße das bei mir hatte. Mit so einem Problem braucht man sich nicht zu verstecken, wie ich jetzt weiß. Im Buch beschreibe ich aber auch, wie ich mit Verlusten umgegangen bin und Trauer. Das sind Dinge, die jeder Mensch erlebt.

Sie hatten 2016 einen Auftritt beim Dresdner Bergsichten-Filmfestival. Waren Sie damals im Elbsandstein?

Nein, leider nicht. Die Zeit fehlte mir. Ich habe aber viel Gutes gehört über die Kletterer und die Traditionen dort.

Wohin geht es dieses Jahr noch?

An einen schwierigen Siebentausender in Pakistan. Und ich habe ein Projekt in der Marmolata-Südwand, das ich im vergangenen Jahr begonnen habe.