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„Ich mische mich gern ein“

Der neue katholische Bischof Heiner Koch hat mit Streit kein Problem. Dennoch ist er ein Mann des Ausgleichs.

Von Thilo Alexe

Der Zeitpunkt für die Verkündung hätte schlechter kaum sein können. Als „halbe Katastrophe“ bezeichnet Heiner Koch die Nachrichtenlage zur katholischen Kirche in Deutschland in den vergangenen Tagen. Die frohe Botschaft, dass das Bistum Dresden-Meißen nach knapp einem Jahr einen neuen Bischof gefunden hat, wird flankiert von diesen Meldungen: Die deutsche Bischofskonferenz stoppt eine Studie zur Aufarbeitung kirchlicher Missbrauchsfälle. Zwei katholische Kliniken weisen ein mutmaßliches Vergewaltigungsopfer ab.

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Heiner Koch muss die halbe Katastrophe nun irgendwie managen. Denn der 58-jährige Theologe ist bald der neue Chef des sächsisch-thüringischen Bistums. Bei einem sorgsam ausgeklügelten Termin posiert der noch amtierende Kölner Weihbischof gestern vor der Dresdner Kathedrale, lauscht singenden Kapellknaben und diktiert der Presse bei einer launigen Konferenz ein paar nette Worte zum baldigen Umzug vom Rhein an die Elbe. 35 Fläschchen Kölsch hat die Bistumsverwaltung als Referenz an seine Noch-Heimat in Dreiecksform drapiert. In der Ecke lauern Schnittchen.

Kritische Fragen wie zu Missbrauchsfällen können solch anheimelnde Arrangements zerstören. Nicht bei Heiner Koch. Der Oberhirte hat vermutlich sogar darauf gewartet. Die Antwort kommt prompt. Und sie ist lang, laut und deutlich: „Der Eindruck, dass wir als Kirche nicht klar Position beziehen mit allen Konsequenzen und Schmerz, dass der Eindruck entsteht, da soll etwas banalisiert und vertuscht werden, ist verheerend.“ Der promovierte Seelsorger plädiert für einen neuen Anlauf bei der Aufarbeitung. „Wir können nicht einfach danach so weiterleben wie vorher.“

Hier spricht jemand Klartext, polternd und hart. Schnell wird klar: Das künftige geistliche Oberhaupt von rund 140 000 Katholiken zwischen Zittau und Ostthüringen ist eine Art Gegenentwurf zu seinem altersbedingt ausgeschiedenen Vorgänger Joachim Reinelt. Der hatte, obwohl auch ihm die Missbrauchsaufarbeitung nach eigenem Bekunden wichtig war, die Kirche in der ostdeutschen Diaspora leise und nach innen gewandt geführt. Der Kölner Katholik Koch sagt dagegen: „Streit ist für mich kein Problem.“ Und schiebt nach: „Ich mische mich gern ein.“

In der Tat. Vor einem Jahr sorgte Koch für Wirbel. Der Weihbischof gehört dem mitgliederstarken kirchlichen Bund der historischen Schützenbruderschaften an. Er verteidigte einen Beschluss des Verbandes, wonach schwule und lesbische Schützenkönige ihre Lebenspartner nicht zu Mitregenten küren dürfen. Beschimpfungen als Nazi zählten noch zu den vergleichsweise moderaten Reaktionen.

Lebensfroher Karnevalist

Steht bald ein politisch-theologischer Hardliner, der als Vertrauter des in Rom einflussreichen Kardinals Meisner gilt, an der Spitze der hiesigen Katholiken? Ganz so einfach ist das nicht. Koch betonte damals in einem viel beachteten Interview nicht nur die Rolle der Ehe zwischen Mann und Frau. Homosexuelle zählten „ohne Wenn und Aber“ zu den im Rheinland und in Westfalen beliebten Schützenbrüdern. „Wir wollen kein Ausgrenzen.“

Der gebürtige Düsseldorfer präsentiert sich als charmbolzende Mischung aus konservativem Katholiken, lebensfrohem Karnevalisten und diskussionsfreudigem Priester. Er gehe gern auf Menschen zu, erzählt Koch. „Leben ist spannend.“ Das klingt nicht nach Vorurteilen. Zudem dem Bischof, wie er sagt, die Kleingartenmentalität fehlt. Der leutselige Rheinländer, der am 16. März im Rahmen eines Gottesdienstes in der Dresdner Kathedrale sein Amt antritt, leitet dann eines der kleinsten Bistümer Deutschlands. Als „differenziert und bunt“ empfindet es Koch. Sorben zählen ebenso dazu wie etwa aus Bayern und Baden-Württemberg zugereiste Katholiken. Alteingesessene Gläubige sahen sich zu DDR-Zeiten Schikanen ausgesetzt. Neusachsen suchen Kontakte. In den boomenden Großstädten Dresden und Leipzig verbuchen die Gemeinden sogar Wachstum.

Die pure Zahl von Gläubigen und Priestern hält Koch aber nicht für entscheidend. „In der Gesellschaft haben die kleinen Gruppen oft viel mehr nach vorn gebracht“, weiß er. Damit spielt der Neubischof womöglich auf eine Besonderheit im Freistaat an. Gemessen am geringen Anteil an der Bevölkerung – 2011 waren es 3,6 Prozent – sind Katholiken in politischen Führungspositionen stark vertreten. Ministerpräsident Stanislaw Tillich und sein Vorgänger Georg Milbradt gehören der Kirche an, ebenso CDU-Fraktionschef Steffen Flath. Der langjährige CDU-Wissenschaftsminister Hans-Joachim Meyer amtierte von 1997 bis 2009 sogar als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

In seiner alten Heimat sah sich Koch als Moderator gefordert. Der einstige Studentenpfarrer vermittelte im Konflikt um die Zusammenlegung von Gemeinden und die Versetzung von Priestern. Häufig kommt es im Westen zu Fusionen, weil Seelsorger fehlen. Vom Zölibat weicht der Geistliche dennoch nicht ab.

Im Bistum Dresden-Meißen sind die Strukturen zwar kleiner, aber stabil. Veränderungsbedarf erkennt Koch nicht. Doch zunächst will er die Region bereisen, auch aussuchen, wo er in Dresden wohnt. „Möglichst nah bei den Menschen.“ Zu moderner Liturgie samt Pop äußert er sich diplomatisch ablehnend. („Kommt auf die Qualität an.“) Was ist noch wichtig? Fußball. Der 1. FC Köln hat Koch geschrieben, dass sie Dresden gemeinsam stürmen. Dresden stürmen? Auf das Spiel gegen Dynamo im März will der Bischof ausgleichend einwirken. „Ich kämpfe für ein Unentschieden.“