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„Ich werde die jüngste Präsidentin der USA“

Hillary Clinton positioniert sich weiter links, als viele erwartet hatten. Ihr Rivale steht auch schon in den Startlöchern.

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© Reuters

Von SZ-Korrespondent Jens Schmitz, Washington

Der Song, zu dem Hillary Clinton erscheint, lässt sich nur mit Selbstironie erklären: Ausgerechnet „Brave“ von Sara Bareilles schallt über den Four Freedoms Park im Süden von Roosevelt Island. „Ehrlich: Ich möchte erleben, dass du dich etwas traust“, heißt es im Refrain. Hillary Clinton hat neun Wochen lang geschwiegen. Seit sie am 12. April dieses Jahres ihre Bewerbung per Video bekanntgab, hat sie sowohl Interviews vermieden als auch inhaltliche Festlegungen.

Aber jetzt soll das Warten ein Ende haben. Das lapislazulifarbene Outfit leuchtet in der Sonne, als sie die Bühne betritt; Blau ist die Farbe der Demokraten. 5 000 Menschen schwenken zu Sprechchören Fähnchen: Es ist der erste große Auftritt nach vielen kleinen Gesprächsrunden im Land, bei denen Clinton Botschaften getestet und Formulierungen verfeinert hat. Acht Jahre lang hat die 67-Jährige ihren Wahl-Heimatstaat New York im Senat vertreten, dann Barack Obama vier Jahre lang als Außenministerin gedient. Die heutige Rede soll Motive und Ziel dieser Laufbahn illustrieren; auch die Mittelschicht-Wohngebiete auf Roosevelt Island erfüllen da ihren Zweck.

Franklin Delano Roosevelt hat die USA Anfang des 20. Jahrhunderts aus der Depression geholt und daran erinnert, wie Clinton formuliert, dass „echter und beständiger Wohlstand von allen geschaffen und von allen geteilt werden muss“. Obama habe in diesem Geist nach der Finanzkrise 2009 die Autoindustrie gerettet, eine vergleichsweise zügige Wirtschaftswende erreicht und Millionen Menschen eine Krankenversicherung verschafft. „Wohlstand kann nicht nur für Vorstandsvorsitzende und Hedgefonds-Manager da sein“, ruft Clinton. „Demokratie darf nicht nur für Milliardäre und Unternehmen funktionieren.“

Obwohl Ehemann Bill Clinton an ihrer Seite steht, soll dieser Tag daran erinnern, dass Hillary Rodham Clinton viel mehr ist als nur die ehemalige First Lady. Neben Roosevelt und Obama bilden deshalb die Rodhams den dritten Pfeiler ihrer Rede. Clinton beschwört ihre Mutter Dorothy, eine Hausangestellte, die eisern daran festgehalten habe, dass nur Zuwendung und Unterstützung Benachteiligten Chancen eröffnen, „nicht etwa eine konservative Politik der Beschämung“, wie Clinton anfügt. Dann erinnert die gelernte Juristin an ihre Anfänge beim Children’s Defense Fund, der sich für benachteiligte Kinder einsetzt, und ein langes Engagement für die weniger Privilegierten. „Ich habe mein Leben damit verbracht, für Kinder, Familien und unser Land zu kämpfen, und damit höre ich jetzt nicht auf!“

Historische Chance als Frau

Vier solcher Kämpfe ernennt Clinton zu zentralen Vorhaben: Investitionen in ein Wirtschafts- und Bildungssystem, das allen etwas bringt. Eine Gesellschaftspolitik, die Familien stärkt und Diskriminierung beendet. Eine globale Führungsrolle, die neben militärischer Stärke auf kluge Diplomatie setzt, und auf eine Spitzenposition beim Klimaschutz. Und schließlich eine Reform der Institutionen. Vor allem will Clinton eine Entscheidung des Obersten Gerichts unwirksam machen, derzufolge Unternehmen Wahlkämpfe mit unbegrenzten Summen beeinflussen können.

Den meisten Applaus erhält sie aber für einen persönlichen Satz: „Ich mag nicht der jüngste Bewerber in diesem Rennen sein, aber ich werde die jüngste Präsidentin in der Geschichte der Vereinigten Staaten.“ Ihre Anhänger halten es für einen Fehler, dass Clinton 2008, anders als Barack Obama, nicht stärker auf die historische Dimension ihrer Kandidatur gesetzt hat. Nun stellt sie ihre eigene Biografie in den Kontext der Gleichberechtigungsanliegen, für die sie kämpfen will.

Der Auftritt gelingt sehr viel besser als die gequälten Erklärungen, mit denen sie zuletzt kritischen Fragen begegnete. Man könnte beinahe vergessen, dass sie aus ihrer Zeit als Außenministerin keinen einzigen Erfolg reklamiert, dass der mit Tochter Chelsea erschienene Schwiegersohn Marc Mezvinsky als Investment-Banker selbst zu den Gescholtenen gehört. Clintons Botschaft ist populistischer, als viele erwartet haben, aber zahm genug für die politische Mitte. Die wesentlichen Anliegen begleiten die Kandidatin schon lange, vermutlich wirkt ihr Auftritt deshalb authentisch. Das hat sie auch nötig: Im Bereich Glaubwürdigkeit hatten Clintons Umfragewerte zuletzt nachgegeben. Trotzdem führt sie vor allen anderen Interessenten mit großem Abstand. Der republikanische Favorit, Floridas Ex-Gouverneur Jeb Bush, beginnt heute seinen Wahlkampf.