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Mehr wert als ein Pfifferling

Heike Milde hilft Sammlern seit 30 Jahren, essbare von giftigen Pilzen zu unterscheiden. Mit der SZ geht sie bei Großschönau auf Suche.

© Matthias Weber

Von Susanne Sodan

Für den ersten Pilz muss sich Heike Milde nicht bücken. Er liegt auf einer Bank am Wegesrand, fast schon malerisch: braune, schön gerundete Kappe, ein gelb-rötlicher Stiel, rostrote Röhren. „Da hat wohl jemand Angst bekommen“, vermutet Heike Milde. Offenbar hat den Pilz jemand aufgesammelt, war sich dann aber doch nicht so sicher. Heike Milde kann sich schon denken, warum. Wegen der rötlichen Röhren. „Vielleicht hatte der Sammler Angst, er könnte einen Satansröhrling erwischt haben“, sagt sie. „Allerdings kommt der bei uns überhaupt nicht vor. Ich habe noch nie einen gesehen.“ Heike Milde muss es wissen. Seit 30 Jahren hilft sie als Pilzberaterin von Hainewalde anderen, auszuschließen, dass ein giftiger Pilz im Korb liegt.

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Eine Schranke versperrt den Weg, Autos dürfen hier nicht durch. Wer zur Karasekhöhle bei Großschönau will, muss laufen. Geheim ist das Fleckchen hier nicht. Der weiße Quarzfels mitten im Wald mit der eingefallenen Höhle zieht viele Spaziergänger und Wanderer an. Der Räuber Karasek soll hier einen Schatz versteckt haben. Die meisten, die dieser Tage herkommen, suchen aber nach Pilzen. „Es kommt nicht darauf an, wie begangen ein Waldstück ist“, sagt Heike Milde. „Es entdeckt sowieso nie jeder alles.“ Und Pilze wachsen schnell. Sie hält sich am Rand des Wanderweges, den Blick auf den Boden. Der erste Pilz aber ist der auf der Bank beim Felsen. Was ist es denn nun? „Das haben wir schnell raus“, sagt Heike Milde. Aus der Jackentasche holt sie ein Taschenmesser, schneidet ein Stück der Pilzkappe weg. Das weiße Fleisch läuft sofort blau an, als würde sich ein Tintenfleck ausbreiten." Das ist kein Satanspilz, sondern ein Hexenröhrling“, sagt sie. Hört sich zwar beides gefährlich an, aber der Hexenröhrling ist genießbar. In den den Korb darf er trotzdem nicht. Zu alt.

Muss man wirklich immer mit Korb auf Pilzesuche gehen? Heike Milde greift wieder in die Tasche und holt einen Stoffbeutel raus. „Damit geht es auch.“ Von Plastiktüten aber rät sie dringend ab. „Selbst wenn man nur zehn Minuten Heimweg hat, die Pilze fangen in der Plastiktüte an zu schwitzen“, erklärt sie. Fäulnisbakterien können sich viel schneller entwickeln. „Die Leute brauchen sich nicht wundern, wenn ihnen ihr Pilzgericht nicht so gut bekommt.“ Einen besonderen Pilz-Entdecker-Trick gebe es nicht. „Ich lasse meinen Blick einfach schweifen.“ Über Moosboden, bewachsenen Baumstümpfe, zartes, aber dichtes Gras, dazwischen immer wieder Brombeer- und Heidelbeergestrüpp. „Dass Pilze Symbiosen mit anderen Pflanzen eingehen, ist ja bekannt.“ Und irgendwann bekomme man einfach ein Gefühl dafür, wo es sich lohnt, genauer hinzusehen. „In der Nähe einer Erle brauche ich zum Beispiel nicht zu suchen.“ sagt sie. „Der Boden ist viel zu sauer. Da wachsen höchstens ein paar Spezialisten“. Links und rechts des Waldweges stehen Fichten. Gut für Steinpilze. Ein paar Lärchen sind zu sehen. Gut für Goldröhrlinge. Heike Milde bückt sich zu einem Pilz, dessen hellbraune Kappe wie ein Trichter geformt ist. Unter der Kappe ziehen sich helle Lamellen. Ein Kahler Krempling. Rein in den Korb? „Ältere Menschen behaupten gerne, nach dem Krieg hätten sie diesen Pilz in Mengen gegessen.“ Aber nicht jeder verträgt ihn. „Man sollte die Finger von ihm lassen“, rät sie.

Heike Mildes Eltern waren eher vorsichtige Pilzsammler. „Wir haben früher eigentlich immer nur die Röhrenpilze mitgenommen“, erzählt sie. Aufgewachsen ist Heike Milde in Großschönau, arbeitete später als Uhrmacherin in Zittau und Seifhennersdorf. Nach der politischen Wende wurde sie Fremdsprachensekretärin. Dazwischen, Ende der 80er war sie eine zeitlang mit ihren beiden Kindern zu Hause. In der Zeit starb der damalige Pilzberater der Region. Eine glühende Pilzsammlerin war Heike Milde eigentlich nicht. „Ich wusste im Grunde so viel wie jeder andere auch.“ Aber das Interesse war da. „Mein Vater war sehr naturinteressiert. Das habe ich von ihm.“ Sie schreibt eine Bewerbung. Die einzige. Also bekam sie unerwartet den Ehrenamtsjob als Pilzberaterin. „Am Anfang war ich sehr unsicher.“ Sie studierte Pilzbücher, beriet sich mit anderen Pilzspezialisten. „Das mache ich auch heute oft noch.“

Heike Mildes Ich-lasse-meinen-Blick-schweifen-Taktik funktioniert. Jeden einzelnen Pilz entdeckt sie schneller. Ein Steinpilz ist dabei, ein Perlpilz, eine Marone. Drehen oder schneiden? Eigentlich egal, sagt Heike Milde. Sie selber zieht oder dreht den Pilz, wenn er besonders fest sitzt. Wenn man sich sicher ist, um welchen Sorte es sich handelt, könne man ihn auch einfach abschneiden. Den nächsten Pilz will sie aber unbedingt mit ganzem Stiel erwischen. Hellbrauner Hut, nach außen hin weiß auslaufend, der Fuß wird nach unten dicker, wie eine Knolle: ein keulenfüßiger Trichterling. Der kann gefährlich werden – wenn man ein Glas Wein oder sonstigen Alkohol zum Pilzgericht trinkt. „Den lasse ich auch lieber stehen. Dann trinkt man zwei Tage später doch mal was, das hat der Pilz dann noch nicht vergessen.“

Mit solchen Fragen kommen derzeit fast täglich Sammler zu ihr nach Hainewalde. „Manchmal denke ich, ich hätte nichts gelernt in den 30 Jahren.“ Wenn sie plötzlich eine ihr bisher unbekannte Sorte vor sich hat. Man lernt in dem Job immer was dazu – das ist bei Pilzberatern keine Floskel. „Ich habe jetzt schon zweimal den Aniszähling gesehen“, erzählt Heike Milde. Der ist eigentlich eher in wärmeren Gebieten heimisch. Oder wenn sie vor einem Pilz sitzt und einfach nicht mit Sicherheit sagen kann, welcher es ist. „Es ist Natur. Und in der Natur ist nicht jedes Merkmal perfekt ausgeprägt.“ Schnecken können Pilzsöckchen abfressen. Regen kann Hutflöckchen abwaschen. Und dann sieht ein Fliegenpilz wie ein Täubling aus. Wenn so etwas in der Pilzberatung passiert, dann sortiert Heike Milde den Pilz aus. „Es geht ja nicht nur darum, dass ein Pilz einem mal den Magen ausräumen kann.“ Es gibt in den Oberlausitzer Wäldern auch tödliche Pilze. Der Knollenblätterpilz gehört dazu. Heike Milde rät generell: Bei Unsicherheit Finger weg. Nur ein Mal hatte sie bisher einen echten Schreckmoment: „Eine Mutter kam mit einem kleinen Kind zu mir“, erzählt Heike Milde. Das Kind hatte beim Spielen kleine Pilze entdeckt, einen in den Mund genommen. Die Mutter brachte das Kind und einen der Pilze zu Heike Milde. „Das waren Risspilze.“ Die sind tatsächlich giftig. „Offenbar hatte das Kind den Pilz aber nicht geschluckt. Es bekam keine Vergiftungserscheinungen.“

Endlich, den hat Heike Milde nicht gesehen. Unter dichtem Gras lugt eine dunkelbraune Kappe hervor. Der Stiel ist dick, gelblich. Ein Steinpilz. „Oje“, sagt Heike Milde. Doch kein Steinpilz? „Probieren Sie mal“. Sie testet selber ein Stück der Hutkrempe, spuckt es sofort wieder aus. „Bitter wie Galle.“ Ein Gallenröhrling. „Machen Sie sich nichts draus. Die beiden sehen sich sehr ähnlich.“ Giftig ist der Gallenröhrling nicht. Aber er verdirbt jedes Pilzgericht. Was jetzt im Korb ist, ergibt kein Pilzgericht, weder ein gutes noch ein schlechtes. Zu wenig Essbares hat der Wald hergegeben. „Dachte ich mir schon“, sagt Heike Milde. In den vergangenen Tagen war es zu kühl in der Region. Dass das Zittauer Gebirge einen miesen Pilz-Herbst erlebt, muss das aber nicht zu heißen. „Wenn es etwas wärmer wird und feucht bleibt, sprießen sie wieder.“