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Ihre Wende, unsere Wende

Was haben die Südafrikaner beim großen Umbruch besser hinbekommen als wir Deutsche? Erlebnisse und Erfahrungen des früheren Dresdner Kreuzkirchenpfarrers.

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Joachim Zirkler

Im nächsten Jahr feiern wir in Deutschland fünfundzwanzig Jahre friedliche Revolution, und in Südafrika begeht man den zwanzigsten Jahrestag der ersten freien Wahlen. Zwei unterschiedliche Länder, weit voneinander entfernt, aber mit interessanten Parallelen in der jüngeren Geschichte.

Joachim Zirkler, war bisher Pfarrer an der Dresdner Kreuzkirche, ab 2014 ist er als Studienleiter am Zentrum des Lutherischen Weltbundes in Wittenberg tätig.
Joachim Zirkler, war bisher Pfarrer an der Dresdner Kreuzkirche, ab 2014 ist er als Studienleiter am Zentrum des Lutherischen Weltbundes in Wittenberg tätig. © steffen füssel, steffen fuessel

Seit Mitte September bin ich zum Studienaufenthalt und Praktikum in Südafrika. In solch kurzer Zeit wird man kein profunder Kenner des Landes, aber man erlebt es anders als ein Tourist und kommt mit vielen Menschen zusammen.

In den ersten sechs Wochen meines Aufenthaltes hatte ich in Pietermaritzburg und Johannesburg Gelegenheit, zahlreiche Gespräche mit unterschiedlichen Menschen zu führen. Studenten und Dozenten, Schwarze und Weiße, Rentner und junge Leute. Ich habe aufmerksam zugehört und interessiert beobachtet. Davon möchte ich etwas weitergeben.

Sprachliche Prägungen

In Deutschland wird von der Zeit vor und nach der Wiedervereinigung gesprochen. Oft wird von der „Friedlichen Revolution 1989“ geredet, meist aber von der „Wende“. Hier gibt es die Zeit vor und nach der Apartheid. Und oft ist in Kurzform ebenfalls von der „Wende“ die Rede. So habe ich es bei deutschstämmigen Südafrikanern gehört. Bei den anderen wird der Umbruch meist mit „Change“ (Wechsel, Veränderung) bezeichnet, was dasselbe meint. Entscheidend ist der historische Einschnitt, der allen bewusst ist – in Deutschland verbunden mit den Jahren 1989/1990, in Südafrika verbunden mit dem Jahr 1994.

Umbruch verändert Verhältnisse

In jeder Gesellschaft gibt es Verlierer und Gewinner. Jeder Umbruch ordnet dieses Verhältnis neu. So gibt es auch hier Verlierer und Gewinner der Wende/des Wechsels. Herr G. (ein Weißer) hat vor 10 Jahren seine Stelle als Schulleiter einer deutschen Primary School verloren. Das Schulgebäude einer staatlichen Schule in der Nähe stand leer, da die Lehrer infolge von Stammesstreitigkeiten weggezogen waren. Es wurde beschlossen, diese Schule wieder zu beleben, und zwar mit Lehrern und Schülern seiner Schule, aber mit einem anderen Leiter. Seine bisherige Schule wurde im Zuge einer Neugliederung für andere Kinder und Lehrer benötigt. So wurde Herr G. mit Mitte fünfzig kurzerhand entlassen und hat heute nur eine ganz kleine Rente, die er mit Computerkursen für gleichaltrige Senioren aufbessert.

Frau C. (eine Farbige) hat nach dem Wechsel die Chance ergriffen, Volkswirtschaft zu studieren. Ihre Leistungen waren bestens, sie machte Karriere, arbeitet heute erfolgreich als selbstständige Wirtschaftsprüferin, hat Kontakte in alle Welt und engagiert sich in ihrer Kirchengemeinde für ein Aidswaisenprojekt.

Beides erinnert an Geschichten und Schicksale im deutsch-deutschen Kontext nach der Wiedervereinigung.

Und es gibt, wie immer bei Transformationsprozessen, diejenigen, die ganz schnell wieder oben schwimmen. Was hier ein angepasster Firmeninhaber ist, der streng nach dem Einstellungsschlüssel einstellt (früher mehr Weiße, heute mehr Farbige), das ist in Deutschland das ehemalige Parteimitglied, das damals die Überlegenheit des Sozialismus propagierte, aber inzwischen in leitender Position die Vorzüge des Kapitalismus preist.

Umgang mit der Vergangenheit

Nach den ersten demokratischen und für alle freien Wahlen 1994 wurde zwei Jahre später die „Kommission für Wahrheit und Versöhnung“ ( Truth and Reconciliation Commission – TRC) ins Leben gerufen. Sie beendete im Jahr 2000 ihre Arbeit.

Sicher blieben manche Fragen offen, aber es war der Versuch, mit den Lasten der zurückliegenden Jahre umzugehen. Die Vergangenheit wurde nicht verdrängt, sondern sie wurde angesehen und bearbeitet.

In Deutschland gab und gibt es die „Behörde zur Aufarbeitung der Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes der DDR“. Es ist wichtig, dass wir damit der Vergangenheit ebenfalls ins Auge sehen und sie nicht verdrängen. Aus dem Kontext dieses Landes, in dem es viel mehr Gewalt gegeben hat, machen mich zwei Dinge nachdenklich. Erstens: Die Kommission hier hat ihre Arbeit eingestellt. Man hat sich angemessen mit der Vergangenheit beschäftigt, aber jetzt ist die Zukunft das Wichtigste. Zweitens: Der Gedanke der Versöhnung war hier Programm und ausdrücklich im Titel genannt.

Wir sollten über beides nachdenken: Wie lange die Behörde bei uns Bestand haben soll und wie der Versöhnungsgedanke deutlich in den Mittelpunkt rücken kann.

Fußball als Einheitsverstärker

Für Deutschland war die Fußball-WM 2006 ein wichtiges Ereignis für die Identität des vereinten Landes und für einen unverkrampften, fröhlichen Nationalstolz. Die Autokorsos mit schwarz-rot-goldenen Fahnen sind noch in wacher Erinnerung.

Die Fußball-WM 2010 in Südafrika war für das Land ebenfalls enorm wichtig. Das Selbstbewusstsein der Regenbogennation (der Begriff wurde von Nelson Mandela geprägt) wuchs kräftig. Man fühlte sich als junges, neu gegründetes Land von der Welt geschätzt und anerkannt. Und die Vuvuzelas sind inzwischen ein Exportschlager geworden.

Globalisierung der Revolutionen

Bereits in den 80er- und 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts setzte die Globalisierung ein: Revolutionen fanden unter den Augen der Weltöffentlichkeit statt. Im Apartheid-Museum in Johannesburg entdeckte ich eine hochinteressante Abhandlung. In Südafrika war Anfang der 90er-Jahre der Umbruch im Gang, und es fanden zahlreiche Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen Stämmen statt. In dieser Zeit wurde überlegt, die „Leipzig Option“ als Kampf- und Druckmittel einzusetzen. Darunter verstand man „das Muster der samtenen Revolutionen in Osteuropa in den späten 80ern“. Die Methode wurde z. B. 1992 erfolgreich von Lucas Mangope, dem Stammesführer von Bophuthatswana, eingesetzt, der damals so die Unabhängigkeit seines Bantustans erreichte.

Rolle der Kirchen

Hier und dort spielten die Kirchen in den Jahren des Umbruchs eine ganz entscheidende Rolle. Das biblische Wort vom Aufbruch des Volkes in die Freiheit im Vertrauen auf Gott gab vielen Menschen innere Stärke und Vertrauen. Desmond Tutu, der auch in der „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ tätig war, ist dafür ein nach wie vor lebendiges Beispiel.

Hier und dort muss die Kirche allerdings heute ihre Position zum Staat bzw. zur Macht als kritisch begleitendes Korrektiv neu finden.

Schlussbetrachtungen

Es ist gut, das eigene Land aus anderer Perspektive zu betrachten, die gewohnte Binnensicht zeitweise mit einer ungewohnten Außensicht einzutauschen. Deshalb ist es wichtig zu reisen. Es muss nicht das andere Ende der Welt sein. Europa ist groß und vielfältig genug. Jeder sollte mindestens einmal im Jahr ein anderes Land besuchen.

Südafrika hat Parallelen zu uns in der jüngeren Geschichte, aber vieles ist nicht zu vergleichen. Im Blick auf die Unterschiede in den sozialen Verhältnissen leben wir in Deutschland paradiesisch. Das Land hier hat es ungleich schwerer auf dem Weg in die Zukunft. Aber die Menschen beschreiten diesen Weg mit Fröhlichkeit und Zuversicht. In der Universität von Kwa Zulu Natal trugen Studenten T-Shirts mit der Aufschrift „Transformation brings unity“ (Veränderung bringt Einheit). Da sind nicht Ängstlichkeit und Skepsis angesagt, sondern Hoffnung und Vertrauen. Davon können wir durchaus lernen.

Zuletzt noch eine ungewohnte Methode der Konfliktlösung: Eine Studentengruppe hatte sich getroffen, um eine Vertretung zu wählen und über das Studienprogramm zu beraten. Ich arbeitete nebenan und hörte immer wieder Gesänge. Als ich nachfragte, bekam ich zur Antwort: Das ist bei uns so üblich. Wenn wir uns in der Diskussion festhaken, wird erst mal gesungen. Danach findet sich immer eine Lösung, und es geht weiter.

Also liebe Landsleute: Von Südafrika lernen heißt singen lernen!

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Essays, Analysen und Interviews zu aktuellen Themen. Texte, die Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen.