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Im Apfel alter Sorte sitzt die Made noch drin

800 Streuobstwiesenbesitzer gibt es im Landkreis. Der Landschaftspflegeverband wirbt für den Erhalt als Lebensraum für bedrohte Arten.

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© Frank Baldauf

Von Jane Jannke

Sebnitz. Der Spätsommer ist Streuobstwiesenzeit. Äpfel, Pflaumen und Birnen werden derzeit reif. Doch Streuobstwiesen erfüllen heute einen ganz anderen Zweck als früher, weiß Cordula Jost (54). Was eine gesunde Streuobstwiese ausmacht, wie man sie pflegt und warum man sie erhalten sollte, darüber hat die SZ mit der Geschäftsführerin des Landschaftspflegeverbandes Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gesprochen. Seit fünf Jahren lobt der Verband einen Wettbewerb aus. Die diesjährigen Sieger werden am 25. September zum Streuobstwiesenfest in Ulberndorf gekürt.

Frau Jost, warum heißt das Streuobst eigentlich Streuobst?

Das Streuobst heißt – entgegen landläufigen Annahmen – nicht so, weil es irgendwann vom Baum fällt und sich dadurch auf der Wiese verstreut. Der Name stammt aus einer Zeit, als Obstgärten noch als reine Nahrungsquellen angelegt wurden und unregelmäßig und in großer Zahl in der Landschaft verstreut angepflanzt wurden. Eine klassische Streuobstwiese setzt sich idealerweise aus 70 Prozent Apfel- und jeweils zehn Prozent Birnen-, Pflaumen- und Kirschbäumen zusammen, aber auch andere Kombinationen sind möglich.

Wie weit reichen die Anfänge zurück?

Die Streuobstwiesen gehen im Prinzip auf die ersten Klostergärten zurück, die es bei uns schon im frühen Mittelalter gab. Später war es üblich, dem ländlichen Hof hinter dem umgebenden Wirtschaftsgarten eine Obstwiese anzuschließen, um die Versorgung der Bewohner und häufig auch des Dorfes mit frischem Obst sicherzustellen. Heute gibt es noch etwa 800 Streuobstwiesenbesitzer im Landkreis.

Was genau ist eigentlich eine Streuobstwiese? Reicht da schon der Apfelbaum im Garten vorm Haus?

Nein. Das Besondere an der Streuobstwiese ist, dass sie aus mehreren hochstämmigen Bäumen und vor allem aus alten Sorten besteht, von denen es in Deutschland allein bei den Äpfeln noch um die 600 gibt. Mindestens zehn Bäume sollten es schon sein, ab dann spricht man von einer Streuobstwiese mit Biotop-Charakter. Ein Baum benötigt etwa 100 Quadratmeter Platz. Das bedeutet, dass das Grundstück schon eine gewisse Größe haben muss.

Was unterscheidet eine Streuobstwiese in diesem Sinne von einer Plantage?

Die Vielfalt an Organismen, die eine Streuobstwiese bevölkern, ist wesentlich größer als bei einer Plantage. Schon allein, weil sie anders bewirtschaftet wird. Die Wiese wird länger stehen gelassen, Blühpflanzen können so wachsen und bieten wiederum zahlreichen Insekten wie etwa Wildbienen Lebensraum. Die Bäume sind zudem größer und stehen bis zu 100 Jahre, während es auf der Plantage nur 15 sind. Die Höhlenbildung der alten Stämme und sogar tote Bäume bieten zudem wieder anderen Lebewesen ein Refugium. Die Streuobstwiese bildet somit ein ganz eigenes Ökosystem, das es zu bewahren gilt.

Das klingt aber nach viel Arbeit.

Es ist natürlich sehr arbeitsintensiv, deswegen geben viele ihre alten Wiesen auch auf. Aber es hängt immer von der Wiese und vom Eigentümer ab. Junge Bäume müssen häufiger geschnitten werden als ältere. Bei Streuobstwiesen wird dafür weniger auf Ertrag, sondern auf Erhalt der Bäume geschnitten, weil es kaum Bedarf gibt, aus den Streuobstwiesen zu ernten. Die Mehrzahl der heutigen Besitzer ist alt, die Ernte mühselig, und die Nachfrage nach Streuobst gering. Nur Liebhaber, die aus gesundheitlichen Erwägungen die alten Sorten und ökologischen Anbau bevorzugen, ernten selbst.

Dann geht es gar nicht ums Obst? Worum dann?

Das Obst ist ein schöner Nebeneffekt. Aber wir als Verband setzen uns vor allem für den Erhalt des Ökosystems Streuobstwiese ein. Wir haben zwar auch einige Wiesen in Pflege, verstehen uns aber in erster Linie als Berater für Besitzer, die nicht selten auch die Kommunen sind. Wir wollen das Thema dauerhaft ins Bewusstsein rücken.

Wie tun Sie das?

Die Leute sollen angeregt werden, über ihr Eigentum als Lebensraum nachzudenken. Die heutige Generation weiß häufig nicht mal, welche Sorten auf ihrer Wiese stehen. Bei uns kann man das feststellen lassen. Mit Aktionen wie etwa der „Goldmarie“ oder dem Streuobstwiesenwettbewerb halten wir das Thema lebendig und werben zudem für die Neuschaffung von bzw. die Nachpflanzung alter Streuobstwiesen. Sie sind auch gute Gradmesser, die zeigen, dass der Trend wieder hin zur Streuobstwiese geht – vor allem bei jungen Städtern, denen es vorrangig um den Gesundheitsaspekt, aber auch das Naturerlebnis geht.

Ist der Streuobstapfel denn so viel gesünder als der aus dem Massenanbau?

Definitiv! Das fängt da an, dass er nicht gespritzt wird, und endet dort, dass wir hier noch die alten Sorten völlig naturbelassen vorfinden. Bei Kulturäpfeln werden dagegen häufig ungewollte Merkmale wie übermäßige Säure herausgezüchtet, um sie besser verkaufen zu können. Ein Apfel-Original hingegen erkennt man am besten daran, dass die Made drin ist.

Das Streuobstwiesenfest mit Naturmarkt, Apfel- und Pilzausstellung, Vorträgen rund ums Streuobst sowie viel Unterhaltung findet am 25.09,, 10-17 Uhr, auf dem Hof des Landschaftspflegeverbandes in Ulberndorf, Alte Straße 13, statt. Der Eintritt ist frei.