Teilen: merken

Im Haus des Lebens

Irene Hentschel lebt mit Sohn, Enkel und Urenkel unter einem Dach. Der Hausbau vor 60 Jahren war ein echtes Abenteuer.

© Sven Ellger

Von Nadja Laske

Kichernd zeigt Irene Hentschel auf eine Schwarz-Weiß-Fotografie: „Wie die Frauen damals angezogen waren – und heute sind wir so modern!“, sagt die 96-Jährige. Auf ihrem Couchtisch hat sie Familienfotos ausgebreitet, Alben liegen aufgeschlagen. Die Seniorin liebt das Hier und Jetzt und den Blick zurück.

Symbolbild Anzeige
Anzeige

Kuschelige Stunden mit heißem Aufguss

Gemütliches Schwitzen in der Mitternachts-Sauna im Freitaler "Hains". Sekt gibt's gratis dazu.

Mit dem Frieden kam auch das Familienglück. Irene Hentschel bekam das lang ersehnte Kind: Gert ist inzwischen 70 Jahre alt und hat zwei Söhne. © privat
Mit 14 Jahren lernte Irene Hentschel ihren späteren Mann Heinz kennen – eine große Liebe.

„Ich hatte eine herrliche Kindheit“, sagt sie. Das Landleben von einst erscheint ihr wie ein Märchenland. Drei Bauernhöfe, Wald und Feld. „Ich habe Pferdeäpfel zum Düngen gesammelt und von meinem Vater dafür fünf Pfennige bekommen.“ Vom Kemnitzer Idyll in die große Stadt kam sie erst, als die Schule begann, ein weiter Weg mit viel zu schwerem Schulranzen und Fußmärschen, die heute unter den Begriff Wanderung fallen. In den 30er-Jahren gehörten sie zum Alltag.

Gar nicht alltäglich war der Nachmittag im Zschonergrundbad. „Ich bin eigentlich nie gern schwimmen gegangen“, sagt Irene Henschel, aber jener Nachmittag war wohl vorbestimmt. „Da habe ich meinen Heinz kennengelernt, mit gerade mal 14 Jahren.“ Als er 16 war, sagte er seiner Mutter: Das wird mal meine Frau. Mit 18 trug Irene einen Verlobungsring und Heinz zur Hochzeit, zwei Jahre später, eine Uniform der Deutschen Wehrmacht. „Wir wären jetzt 76 Jahre verheiratet“, sagt Irene Hentschel. Dass sie ihren Hochzeitstag nun schon ein Vierteljahrhundert lang allein begeht, gehört zu den wenigen Dingen in ihrem Leben, die sie schmerzen. Heinz starb mit 71.

Vielleicht hätte sie allen Grund, mit ihrer Zeit zu hadern. Not und Armut gehörten dazu. In Bühlau hatte sie zusammen mit ihrem Mann die erste kleine Wohnung zur Miete gefunden, doch der Krieg trennte das junge Paar. Nach Kriegsende hauste Irene wochenlang bei betagten Nachbarinnen, die sie vor sowjetischen Soldaten versteckten. Doch die Ängste von einst halten sich kaum in der heutigen Erinnerung. Heinz kehrte aus der Gefangenschaft heim, Frieden und Alltag brachten Ruhe in die Seelen. Als sich schließlich auch das lang ersehnte Kind ankündigte, war das Glück vollkommen. Im Nachkriegsdresden fehlte es zwar am Nötigsten, und nur Einfallsreichtum rettete das tägliche Leben. Doch das störte die kleine Familie nicht. Jedes übrige Wollstück wurde aufgetrennt und neu verstrickt, zum Beispiel zu der Windelhose, die klein Gert auf so vielen alten Fotos trägt, als sei sie mitgewachsen.

„Wir waren zufrieden mit dem, was wir hatten“, sagt die stattliche Frau mit den vollen weißen Locken. Auch in ihrem hohen Alter ist ihr noch anzusehen, wie kräftig sie zupacken konnte. Zum Beispiel beim Bau des eigenen Hauses. Hentschels bekamen ein Stückchen Land zugewiesen, gleich gegenüber ihrer bisherigen Wohnung. Vom zerbombten Waldschlößchen durften sie Steine beziehen. Zwar wurde der Schutt mit Lkw angeliefert, der Hausbau jedoch blieb schwere Arbeit. „Es gab ja keine Baumaschinen, keine Gerüste, keinen Kran. Wir haben die Baugrube mit der Hand ausgehoben und Dachschindeln im Korb nach oben gezogen.“ Vier Jahre später stand Irene Hentschel vorm eigenen Heim und hatte keinen Wunsch mehr offen. „Mein Mann arbeitete als Eichmann. Er war in der ganzen Stadt unterwegs, überprüfte Gewichte und stellte Waagen ein. Es ging uns gut.“

Als sie erfuhr, dass die Versicherungsvertreterin vor Ort ihren Job aufgeben wollte, sah Irene Hentschel ihre Chance. Heute sagt sie: „Es war die beste Arbeit, die ich je hätte haben können.“ Mit kleinem Kind daheim, genoss sie die freie Zeiteinteilung. War Sohnemann Gert versorgt, schwang sie sich auf ihr grünes Fahrrad und fuhr von Haus zu Haus, um die Versicherungsbeiträge zu kassieren. „Ich kam in jede Familie, kannte alle Lebensgeschichten und war gern gesehen.“ Über 30 Jahre lang radelte sie mit Kassenbuch und Portemonnaie umher, leitete später auch die Ortsgruppe der Volkssolidarität. „Ich habe Ausflüge und Feste für die Senioren organisiert und dabei immer gute Mitstreiter gefunden.“ An Zank in der Nachbarschaft kann sich Irene Hentschel nicht erinnern.

Als sollte der Mensch das Glück nur schätzen, wenn er die Sorge kennt, blieb auch Irene Hentschel nicht unbelastet. Als ihr Sohn Gert zehn Jahre alt war, begann er, sein Augenlicht zu verlieren. Ein Jahr nur dauerte es, und die Krankheit ließ die Welt um ihn verschwimmen. Bis heute gibt es keine Heilung, sagt er. Nur schemenhaft sieht Gert Hentschel noch. Aber sein Kampf hat sich gelohnt und der seiner Mutter allen voran. Für Verzweiflung ließ Irene keine Zeit, ihr Kind sollte lernen wie andere auch. Nächtelang lasen sie und ihr Mann Lehrbücher laut vor und nahmen den Text auf Band auf. Mit 14 Jahren zog Gert ins Internat nach Königswusterhausen und absolvierte sein Abitur. Er studierte Geschichte, wurde Dozent, promovierte und arbeitete beim Sozialverband Sachsen. Inzwischen ist er 70 Jahre alt und Rentner.

Zusammenhalt hat Irene Hentschels Leben geprägt bis heute. Mit ihrem Sohn und dessen Frau, einem Enkel und seiner Familie wohnt sie unter einem Dach. Die Urenkel sind fünf und zwei Jahre alt – die vierte Generation. Einst voller Hoffnung aus Kriegstrümmern gebaut, ist aus Irene Hentschels Haus ein Vier-Generationen-Haus geworden. Auch Heinz hätte das gefallen.

In der Serie „Ein Leben voller Leben“ stellt die Sächsische Zeitung ältere Menschen vor, die viel zu erzählen haben. Kennen Sie jemanden, der auch in diese Reihe passen könnte? Rufen Sie an unter 0351 48642210 oder schreiben Sie an [email protected].