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Arbeit und Bildung

Im Interview mit Sven Hohmann

Zu den Folgen der Corona-Krise auf die Baubranche

Bild Sven Hohmann
Bild Sven Hohmann © ibau

Branchen wie Gastronomie und Tourismus sowie Messebetreiber sind von der Corona-Pandemie massiv betroffen. Auch die Bauwirtschaft wird nicht ohne Rückschläge aus der Krise hervorgehen. Doch welche Folgen zeichnen sich schon heute ab und wie sind die Zukunftsaussichten? Antworten auf diese Fragen gibt uns der Branchenexperte Sven Hohmann im Interview. Er ist Geschäftsführer der ibau GmbH, einem Informationsdienst für Aufträge und Ausschreibungen sowie verantwortlich für die Geschäftseinheiten der Infopro Digital Gruppe im deutschsprachigen Raum.

Seit Monaten nimmt Corona starken Einfluss auf die deutsche Wirtschaft. Unternehmen sehen sich nach wie vor mit diversen Einschränkungen konfrontiert. Herr Hohmann, welche Auswirkungen beobachten Sie derzeit in ihrer Branche?

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Eine Frage, die sich nicht pauschal beantworten lässt. Unter anderem, weil die Bauindustrie Mitwirkende mit unterschiedlichen Schwerpunkten aufweist. Grobe Sektoren sind Auftraggeber und ausführende Betriebe, Planer und Architekten sowie Handel und Industrie. Hinzu kommt, dass die Folgen je nach Bauphase individuell ausfallen.

Im Vergleich zu Tourismus und ähnlich stark betroffenen Branchen könnte die Baubranche mit weniger markanten Blessuren davonkommen. Entwarnung kann es dennoch nicht geben, da sich wirtschaftliche Folgen meistens mit zeitlichem Verzug auswirken.

Was können Sie zur aktuellen Stimmungslage und der möglichen Entwicklung sagen?

Tendenzen lassen sich erkennen. Anhand unserer tagesaktuellen Informationen zum Ausschreibungsgeschäft und unseren Kontakten zu Bauträgern, Generalunternehmern, Investoren, Architekten und Vergabestellen zeichnet sich ab, dass Auftraggeber mit den deutlichsten Folgen zu kämpfen haben. Zwar wird der Großteil der Aufträge (61 %) nach Plan realisiert, Zurückhaltungstendenzen bezüglich neuer Bauvorhaben lassen sich aber nicht leugnen. Die Zahl neu geplanter Projekte nimmt stetig ab, was auf die momentane Planungsunsicherheit zurückzuführen ist.

Die Tatsache, dass auf den Baustellen in Deutschland weitergearbeitet werden darf, trägt zur aktuellen Auslastung der ausführenden Unternehmen bei. Eine zurückhaltend optimistische Stimmung in der Baubranche in Hinblick auf die kommenden Monate ist daher nachvollziehbar. Erste ernstzunehmende Folgen werden allerdings erst jetzt in Form von verzögerten Realisierungen, fehlendem Baumaterial und Ausfällen von Gewerken erkennbar. Das von der Bundesregierung angekündigte Konjunkturprogramm in Milliardenhöhe könnte Abhilfe schaffen. Doch dies gilt es abzuwarten.

Als Informationslieferant möchten wir Transparenz vermitteln und die Verantwortlichen der Branche sowie Betriebe unterstützten. Unsere aufbereiteten Daten sind deshalb kostenlos verfügbar. Auf unserer Website (ibau) präsentieren wir derzeit die Sentiment Analyse April. Diese Stimmungsanalyse gewährt Einblicke in die aktuelle Lage der Bauwirtschaft und lässt Rückschlüsse auf die Entwicklung der kommenden Monate zu. Die Analyse basiert auf 30 Schwerpunktinterviews und über 1.000 Gesprächen mit Partnern.

Können Sie ergänzend auf die von Ihnen erwähnten, unterschiedlichen Auswirkungen der Pandemie innerhalb der Bauphasen eingehen?

Bei Bauprojekten, die inzwischen gestartet sind oder kurz vor Baubeginn stehen, treten kaum Probleme auf. Der Großteil verläuft nach Plan. Erste Engpässe fallen bei der Materiallieferung auf, was sich insbesondere bei technischen Gewerken und dem Ausbau zeigt. Die Globalisierung spielt hierbei eine zentrale Rolle. Während der deutsche Binnenmarkt bei Rohbauprodukten für die Versorgung verantwortlich ist, sind Ausbau und haustechnische Gewerke vom globalen Markt abhängig. Schwierigkeiten gibt es beispielsweise bei Keramik und Elektronikbauteilen.

Stagnierende Zahlen zeichnen sich bei Projekten ab, die innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre fertiggestellt werden sollen. Eine zögerliche Haltung ist vor allem bei privaten Bauherren zu beobachten. Sie warten die unsichere Lage ab. Welche langfristigen Folgen die Pandemie hervorrufen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt schwer zu sagen.

Wie entwickeln sich die Sektoren der Bauwirtschaft?

Nach wie vor nachgefragt, werden gewerbliche Immobilien, Wohnraum und kommunale Einrichtungen. Der gewerbliche Wohnungsbau und im Bereich öffentlicher Projekte wird von einer stabilen Auftragslage profitiert. Beim privaten Wohnungsbau sind die Einbrüche enorm. Gleiches trifft auf die Sektoren Industrie und Produktion sowie Hotellerie und Gastronomie zu. Weitere Rückgänge dürften uns wegen der Auswirkungen auf die Finanzen bevorstehen.

Was lernt die Baubranche Ihrer Meinung nach aus der Krise?

Welch großen Einfluss Flexibilität und Anpassungsvermögen auf die Wettbewerbsfähigkeit nehmen. Nie zuvor mussten Betriebe so rasant auf eine völlig neue Situation reagieren und sich anpassen. Hinsichtlich der Digitalisierung sehe ich an dieser Stelle eine erhebliche Chance für alle Branchenbeteiligte.

Was bedeutet Digitalisierung diesbezüglich?

Vorsichtig ausgedrückt, ist die Baubranche eher traditionell ausgerichtet. Auf persönlichen Kontakt wird großen Wert gelegt. Unter anderem, weil es um kostenintensive Projekte geht, die eine vertrauensvolle Kommunikation zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer voraussetzen. Während der Corona-Pandemie finden viele Besprechungen und Abstimmungen mit Hilfe von Videotelefonaten statt. Der Mangel an persönlichem Kontakt wird von vielen unserer Ansprechpartner negativ empfunden. Bei Vorhaben in Millionenhöhe ist dies nachvollziehbar, obwohl die Kommunikation über digitale Medien gut klappt. Um das Umsatzpotenzial auch in Zukunft auszuschöpfen, ist die digitale Auftragsakquise eine attraktive Option.

Welche Vorgehensweise raten Sie Betrieben zum Schutz vor wirtschaftlichen Folgen?

Unternehmen müssen in erster Linie schnell reagieren. Die Veränderungen im Ausschreibungsverhalten öffentlicher Auftraggeber sind deutlich und erfordern mehr Tempo. Erhöhte Schwellenwerte und verkürzte Bewerbungs- sowie Vergabefristen sorgen für Beschleunigung. Aktuelle Informationen über neue Bauprojekte sind umso wertvoller. Je früher Betriebe mit den Projektverantwortlichen Kontakt aufnehmen, desto besser stehen die Chancen auf Erfolg. Es gibt diverse Anbieter, welche die notwendigen Informationen liefern. Darunter auch wir. Mit dem browserbasierten System ibau Xplorer haben Nutzer Zugriff auf alle wichtigen Bauvorhaben und öffentlich ausgeschriebenen Projekte in Deutschland. Einen besonderen Service bieten wir durch die Ergänzung der aktuellen Kontaktdaten zu verantwortlichen Ansprechpartnern, was Unternehmen wertvolle Zeit spart. Ein Grund für die erhöhte Nachfrage, die wir gerade verzeichnen.

Worauf basiert Ihr Wissen?

Als erfahrener Informationsdienst, recherchieren wir seit 1957 deutschlandweit nach geplanten Bauvorhaben und öffentlichen Aufträgen. Die Daten erhalten wir sowohl durch exklusive Kontakte aus unserem Partnernetzwerk als auch durch innovative Technologien und künstliche Intelligenz. Auf Basis unserer Datenbank und Expertise des Partnernetzwerks können wir die Stimmungslage der Branche und wirtschaftliche Entwicklungstendenzen abbilden.

Dieses Interview entstand in Zusammenarbeit mit dem externen Redakteur Andy R. im Gespräch mit S. Hohmann.

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