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Im KKW Rheinsberg fließt noch Strom

Wie verschwindet ein Kernkraftwerk? In Rheinsberg läuft das bereits seit 25 Jahren. Anderswo steht das noch bevor. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima soll der letzte deutsche Meiler 2022 vom Netz gehen.

© dpa

Von Gudrun Janicke

Rheinsberg. Deutschlands ältester Atommeiler in Rheinsberg wird seit 25 Jahren „zurückgebaut“, wie es im Fachjargon heißt. Am 9. Mai 1966 ging das DDR-Kernkraftwerk (KKW) mitten im Wald ans Netz. Vor gut 25 Jahren wurde es abgeschaltet. Bis dahin war der Reaktor russischer Bauart etwa 130 000 Stunden am Netz und lieferte rund 9 000 Gigawattstunden Strom.

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Bundesweit ist die Abschaltung der noch verbliebenen acht aktiven Atomkraftwerke (AKW) bis 2022 beschlossene Sache. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 wurden acht sofort abgeschaltet. Ursprünglich sollten frühestens 2036 die letzten Meiler den Betrieb einstellen. Experten rechnen, dass der Rückbau Jahre dauert und Milliarden kostet.

In Rheinsberg soll in zehn Jahren nichts mehr an das KKW erinnern. „Alle Betriebsgebäude werden abgebaut“, sagt Jörg Möller, der bei der bundeseigenen Energiewerke Nord (EWN) die Öffentlichkeitsarbeit für Rheinsberg verantwortet. EWN ist für den Abriss der beiden DDR-Kernkraftwerke Rheinsberg und Lubmin bei Greifswald zuständig. Die Finanzen dafür in Höhe von bislang rund 4,2 Milliarden Euro stellt der Bund bereit. Jetzt gibt es bei EWN aber eine neue Strategie: statt verwahren und auf natürlichen Abbau der Radioaktivität zu warten, wird alles demontiert. Ob das teurer wird, muss ermittelt werden.

Die Kostenfrage beschäftigt auch die Energiekonzerne, die den Rückbau noch vor sich haben. Sie pochen auf Entschädigung und Schadenersatz für entgangene Milliarden durch die Abschaltung früher als geplant.

Eine Regierungskommission hat gerade Vorschläge für die Finanzierung des Atomausstieg vorgelegt, ohne dass sich Verursacher aus der Verantwortung stehlen können. Nach Expertenschätzung werden für Abriss und Lagerung knapp 48 Milliarden Euro veranschlagt. Der Staat sichert danach finanziell Betrieb und Suche der nuklearen Endlager ab. Die Atomkonzerne haben zudem Rückstellungen gebildet.

Die vier Castoren aus Rheinsberg sind bereits 2001 nach Lubmin gegangen, wo es ein Zwischenlager für die beiden DDR-Kraftwerke gibt. „Damit haben wir etwa 99,9 Prozent des Radioaktivitäts-Potenzials entsorgt“, sagt Möller. Etwa 60 bis 80 Prozent des Restes seien mit den aktivierten Bauteilen bis 2007 entsorgt worden.

Was geschah seit der Wende? Rein äußerlich sind auf dem Gelände im Vergleich vor der Stilllegung kaum Veränderungen sichtbar. „Ein paar Baracken aus DDR-Zeiten sind verschwunden“, erzählt Möller, der seit 1976 in dem Kraftwerk arbeitet. „Die Bauten sind innen aber hohl.“ Die restlichen Kontaminationen sind in den Bauwerken zu finden.

Die Blockwarte, ein vor Messgeräten strotzender Raum, ist heute noch Herz des einstigen KKW. Kontrolliert werden Systeme wie Elektroversorgung, Trinkwasser, Heizung und Lüftung. Über nicht mehr aktive Messegeräte wird ein weißes Stück Papier geklebt: es werden mehr.

Bis 2020 sollen die Rheinsberger Betriebsgebäude endgültig abgerissen werden. „Das sind 110 000 Tonnen Beton“, sagt Möller. Auch der 120 Meter hohe Schornstein als Wahrzeichen. Damit hätte der Rückbau 30 Jahre gedauert: ein Zeitraum mit dem AKW-Betreiber rechnen müssen.

Das öffentliche Interesse an Rheinsberg ist nach wie vor da: Im Vorjahr schauten sich etwa 1 000 Besucher um. Wie die Zukunft des Areals aussieht, ist völlig unklar. Auf jeden Fall bleibt das Verwaltungsgebäude, das seit 2005 auf der Denkmalliste des Landes steht.

Unternehmen und Forschungsinstitute interessieren sich zunehmend für das einsame Areal mitten im Wald. „Ideen gibt es viele“, sagt Möller. Noch sei aber nichts spruchreif. Der Rheinsberger Verein Energie und Technologiestandort etwa koordiniert Aktivitäten zur Nachnutzung. Derzeit wird ein Informationszentrum geplant. Mittelpunkt soll die Blockwarte sei, die es zu DDR-Zeiten auf den Zehn-Mark-Schein schaffte. Sie soll eins zu eins wieder aufgebaut werden. (dpa)