Merken

Im Mantel der Geschichte

Zu Dresden hatte Helmut Kohl eine enge emotionale Beziehung. An der Ruine der Frauenkirche hielt er die wichtigste politische Rede seines Lebens.

Teilen
Folgen
© imago/Sven Simon

Von Peter Heimann

Helmut Kohl hatte immer ein außergewöhnlich inniges Verhältnis zu Dresden. Seine Zuneigung zu den Sachsen war beinahe sprichwörtlich. Über seine erste Ehefrau Hannelore sei er „im guten Sinne sächsisch indoktriniert“ gewesen, sagte er mal mit breitem Lächeln der SZ. „Als ich sie in der Tanzstunde kennenlernte, sprach sie noch mit sächsischem Akzent. Zu Dresden habe ich eine sehr emotionale Beziehung.“

Schon vor der Bundestagswahl 1976 reiste Kohl das erste Mal in die DDR – ganz in Familie mit Frau und zwei Söhnen. Damals war er ein aufstrebender, als modern geltender Politiker – Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz, CDU-Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat. Erstes Ziel war Leipzig. Dort hatte seine Frau vor der Flucht gewohnt. Für sie war es ein sehr aufrüttelndes Erlebnis, als sie vor ihrer alten Schule stand. „Und dann waren wir auch in Dresden und haben uns die Stadt angeschaut. Damals hat man die entsetzlichen Folgen des Krieges und des Fliegerangriffes noch sehr stark gesehen, aber auch den Aufbau. Wir haben noch private Fotos, auf denen meine Kinder mit mir auf der Balustrade der Brühlschen Terrasse zu sehen sind“, erzählte er der SZ später.

Beim Honecker-Besuch 1987 in Bonn hatte Kohl ausgehandelt, als Kanzler privat ohne jeden offiziellen Besuchscharakter in die DDR fahren zu können. „Ich wollte mir auf diese Weise ein eigenes Bild von der Stimmung in der DDR verschaffen und ein Gefühl für die Lebenswirklichkeit unserer Landsleute in der DDR bekommen.“ 1988 war es so weit. „Während manches bereits im Vorfeld geplant wurde, wie der Besuch der Semperoper in Dresden am 28. Mai abends, bemühte ich mich erst kurzfristig vor Ort um Karten für das Fußballspiel. Einmal in Dresden, wollte ich als Fußballfan auf keinen Fall auf das Oberliga-Spiel von Dynamo Dresden gegen Carl Zeiss Jena verzichten.“ Der Gastgeber gewann 3:1, erinnerte sich Kohl noch 25 Jahre später.

Anzeige
Sein Revier: „Alles, was Schuppen hat“
Sein Revier: „Alles, was Schuppen hat“

Vom Falschen Chamäleon bis zum Sunda-Gavial: Die vielfältigen Schützlinge von Michael Hoffmann sind im Zoo verteilt.

In seiner Erinnerung waren es interessante, aber auch bedrückende Tage. Bedrückend war, dass der repressive Überwachungsstaat DDR stets überall präsent war. Kohl sagte, er habe die Aufgeregtheit und Angst der Menschen gespürt, die ihn ansprachen, ihm Ausreisewünsche zusteckten oder die einfach um ein Autogramm baten. „Prägend war für mich vor allem anderen die natürliche Verbundenheit, die unsere Landsleute in der DDR mit uns, die wir aus dem Westen Deutschlands kamen, zeigten, sofern sie sich trauten, mit uns in Kontakt zu treten“, so Helmut Kohl. Sein Besuch habe ihn damals auch sehr darin bestärkt, am Ziel der deutschen Einheit festzuhalten. Nur wenig später trat das seinerzeit noch Undenkbare ein – und wieder spielte Dresden eine wichtige Rolle.

Sein Besuch in der späteren sächsischen Landeshauptstadt am 19. Dezember 1989 war für Kohl das „Schlüsselerlebnis im Prozess der deutschen Wiedervereinigung“, die „Bestätigung, was die Leute wirklich denken und wollen“. Er kam damals, um DDR-Regierungschef Hans Modrow zu treffen. Schon bei der Landung auf der holprigen Betonpiste des Flughafens Dresden-Klotzsche habe er eine unglaubliche Menschenmenge mit Fahnen – auch sächsischen – gesehen und noch auf der Gangway seinem Kanzleramtsminister gesagt: „Seiters, die Sache ist gelaufen.“

Dresden, sagte Kohl später der SZ, sei für ihn der Rückenwind auf dem Weg zur Einheit gewesen. Dabei vergaß er bei aller Euphorie die große Linie nicht. Statt eine staatsmännisch-patriotische Rede zu halten, die viele im Ausland hätten missverstehen können, schickte Kohl seine Leute nach einem Kantor. Der sollte am Ende der Kundgebung an der Frauenkirchenruine „Nun danket alle Gott“ anstimmen. Kohl fürchtete, die Menschen könnten sonst die Hymne mit der Zeile „Deutschland, Deutschland über alles“ singen.

Auf dem Platz vor der Ruine der Frauenkirche hatten sich wohl 100 000 Menschen eingefunden. „Ein wogendes Meer schwarz-rot-goldener Fahnen umgab mich. Es war eine unglaubliche, emotionsgeladene, aber überhaupt nicht fanatische Stimmung“, beschrieb Kohl viele Jahre danach die Situation. „Vor der kleinen, provisorisch zusammengezimmerten Bühne traf ich den herbeigerufenen Kantor Konrad Wagner, der in der kurzen Zeit vergeblich versucht hatte, einen Posaunenchor zu organisieren, und nun ganz verzweifelt war, weil er meinte, es würde ihm sicher nicht gelingen, diese unübersehbar große Menschenmenge dazu zu bewegen, mit ihm ein Kirchenlied anzustimmen.“

Als Kohl die Treppe zur Holztribüne hinaufstieg, meinte er die Erwartungen zu spüren, die die Menschen in ihn setzten. Die der meisten hat er wohl nicht enttäuscht, als er sagte: „Mein Ziel bleibt – wenn die geschichtliche Stunde es zulässt – die Einheit unserer Nation.“ Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich meinte später: „Ohne die Friedliche Revolution hätte es die Rede Helmut Kohls in Dresden an diesem Tag nicht gegeben. Und ohne diese Rede hätte es vermutlich die Deutsche Einheit nicht gegeben.“

Auch bei der europäischen Einigung hat Kohl den Mantel der Geschichte gesehen – und angelegt. Der Euro war so etwas wie die zweite große intuitive Entscheidung des Machtmenschen Kohl. Vorrang hatte für ihn, die Einheit Europas durch den Euro unumkehrbar zu machen. So kam es mit dem Vertrag von Maastricht zu jener Kombination aus Ungeduld, Webfehlern, falschen Annahmen und auch der Ignoranz von Risiken. Mit den Folgen hat seine Nachfolgerin bis heute zu tun.

Am 1. Oktober 1982 übernahm Helmut Kohl in der alten Bundesrepublik Deutschland die Regierungsgeschäfte. Er blieb 16 Jahre im Amt, viermal wurde er zum Kanzler gewählt, das ist immer noch ein Rekord. Die CDU feierte inzwischen wieder den Mann, der nach dem Ende seine Kanzlerschaft 1998 wegen geheimer illegaler Spenden zum Verfemten geworden war. Seine Rückkehr in den Schoß der politischen Familie – eine Art Wiedereingliederung – genoss Kohl sichtbar.

Aus dem einstigen 160-Kilo-Mann, der allein durch seine körperliche Wucht einschüchtern konnte, war nach mehreren Krankheiten ein älterer Herr mit weitem Hemdkragen und scheinbar versteinerter Mimik geworden. Und doch: Wer wollte, konnte bei den seltenen öffentlichen Auftritten immer mal ein Lächeln in seinem Gesicht entdecken. Etwa 2012, als er sich bei seiner Rückkehr in die Unionsfraktion nach zehn Jahren für den freundlichen Empfang bedankte, der seiner zweiten, jungen Ehefrau Maike zuteil wurde. Nach einem Sturz 2008 konnte Kohl nur noch mühsam sprechen.

Seither änderte sich ganz offenkundig einiges in der Betrachtung über Helmut Kohl. Sie wurde wieder differenzierter, nachdem davor die Spendenaffäre beinahe das ganze politische Wirken Kohls überlagert hatte. Der Partei hat Kohl die Kosten erstattet, die ihr wegen der schwarzen Kassen entstanden waren. Juristisch war die Sache ausgestanden. Den höchsten Preis für den Rechtsbruch – Kohl hat die Namen der angeblichen Parteispender nie offenbart – hat er selbst bezahlt: Er verlor den CDU-Ehrenvorsitz, die Freundschaft mit vielen Christdemokraten wie Wolfgang Schäuble, er wurde gemieden und war nicht wie sein Altkanzlerkollege Helmut Schmidt als „Elder Statesman“ gefragt. Kohl war vieles: Reformer und Aussitzer, Kanzler der Einheit und als „Birne“ verspotteter, bräsiger Provinzpolitiker, Herzenseuropäer und Strippenzieher, Gorbatschow-Beschimpfer und Gorbatschow-Freund, Meister des „Systems Kohl“ und Herr heimlicher Kassen.

Helmut Kohl hat die Geschichte Deutschlands und Europas lange Zeit vielleicht mehr beeinflusst als viele, denen das heute nachgesagt wird. Lange galt er als CDU-Reformer, was spätere Generationen überraschen mag. Die Beamten im Kanzleramt nannten die schwarze Führungsmannschaft um Kohl wegen ihrer Gemütlichkeit „Abteilung Essen und Trinken“. Statt der versprochenen „geistig-moralischen Wende“ gab es viele politische Pannen.

Ohne die DDR-Deutschen hätte Kohl womöglich seine zweite Wahlperiode als Kanzler nicht überlebt. Immer verließ er sich mehr auf sein Bauchgefühl als auf feingeistige Lagebeschreibungen, ließ sich in seinen Entscheidungen mehr von seiner Menschenkenntnis leiten als von „den Pressebengels“. Und so vertraute er auch bei der Wiedervereinigung darauf, dass die Mehrheit der Deutschen seine Haltung teilte – und behielt recht. Immer wieder genoss er das Bad in der ostdeutschen Menge, wie etwa Ende September 1994 in den Olefinwerken Böhlen. „Helmut, mein Gudster“, sächselte ihm ein Mann in Arbeitskluft entgegen. Sonst keine Fragen bei Kohls Rundgang, da und dort ein Autogrammwunsch, der Ruf eines Bauarbeiters: „Helmut, denk ans Schlechtwettergeld!“

Kohl lobte die Ostler: „Hier gibt es tüchtige Leute, hoch qualifizierte Menschen, die etwas können und zuverlässig sind.“ Auf dem Weg nach Suhl, dem ersten Kundgebungsort des Tages, gab es einen Zwischenstopp in Oberhof im Hotel „Panorama“. Kohl musste sich stärken: „Bringt mir mal ’ne Schüssel Nudeln.“ Einige Touristen staunten über den Überraschungsgast. Dann ging es weiter zur CDU-Kandidatin Claudia Nolte, später die jüngste Jugendministerin und noch später „Kohls Mädchen“. Ihr hinterließ er ein schwieriges Erbe.