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Im Namen der Dose

„Kein Scherz“ twitterte Salzburg nach der Europa-League-Auslosung. Für viele sind die Spiele gegen Leipzig aber genau das.

© Eibner-Pressefoto

Von Daniel Klein

Offiziell freuen sich alle Seiten. Natürlich. Ralf Rangnick vergleicht die beiden Spiele sogar mit Derbys. Doch RB Leipzig gegen RB Salzburg – das sind keine normalen Duelle in der Europa League. Vor allem für den Bundesligisten ist es ein gewaltiger PR-Unfall, ein Image-Desaster. Mit der Auslosung in eine gemeinsame Gruppe wurde genau die Seite des Vereins wieder hochgespült, die nach dem rasanten Aufstieg in den vergangenen Jahren immer mehr verblasst war.

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Torwart Peter Gulacsi, Stefan Ilsanker und Dayot Upamecano (von links) sind diesen Weg bereits gegangen. Am Donnerstag spielen sie erst mal gegeneinander beim Sister Act in der Red-Bull-Arena.
Torwart Peter Gulacsi, Stefan Ilsanker und Dayot Upamecano (von links) sind diesen Weg bereits gegangen. Am Donnerstag spielen sie erst mal gegeneinander beim Sister Act in der Red-Bull-Arena. © PICTURE POINT

Doch nun sind sie wieder da, die Synonyme wie Dosenklub oder Retortenverein. Und mit ihnen die Entstehungsgeschichte von RB, die mehr an eine Firmengründung erinnert als an einen Zusammenschluss von Fußball-Enthusiasten. Weil Leipzig und Salzburg mit Red Bull den gleichen Geldgeber haben, wittern nicht wenige vor dem ersten Aufeinandertreffen am Donnerstagabend Mauscheleien. Völliger Unsinn, kontert Oliver Mintzlaff. „Allein der Gedanke an Absprachen zwischen zwei Vereinen ist nicht mit unseren Werten vereinbar“, erklärt Leipzigs Geschäftsführer. „Wir sind im Sport, da gilt Fairplay. Und das wird bei uns großgeschrieben.“ Selbst Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz, der sich nur sehr selten öffentlich äußert, sieht sich genötigt, zwei Sätze zu verbreiten. „Eine super Auslosung, ich freue mich total. Der Bessere soll bei den beiden Spielen gewinnen“, erklärte er in der Sport-Bild. Von wegen Mauscheleien.

Dabei ist die Paarung nicht nur ein Fall für Verschwörungstheoretiker, sondern auch für die Juristen des europäischen Fußballverbandes Uefa. Im Mai 2017 hatte Chefermittler José Cunha Rodrigues empfohlen, Leipzig und Salzburg nicht gemeinsam in einem Wettbewerb antreten zu lassen. Er verwies auf den Paragrafen 5 der
Uefa-Regularien. Darin heißt es: „Keine natürliche oder juristische Person darf Kontrolle über oder Einfluss auf mehr als einen an einem Uefa-Klubwettbewerb teilnehmenden Verein haben.“ Gemeint sei damit, dass die Person „in der Lage ist, auf irgendeine Art und Weise einen entscheidenden Einfluss auf die Entscheidungsfindung des Vereins auszuüben“. Das Fußballimperium von Red Bull, zu dem noch Standorte in New York und Brasilien gehören, funktioniert genau so. Oder eher: funktionierte?

Indizien für eine Entflechtung

So jedenfalls argumentierten Leipzig und Salzburg bei den Anhörungen des von der Uefa-Finanzkontrollkammer eröffneten Verfahrens. Das Wort „Entflechtung“ fiel dabei häufig. Beide Vereine seien inzwischen eigenständig. Dafür gibt es zumindest einige Indizien. So konzentriert sich Rangnick seit 2015 auf die Arbeit in Leipzig, bis dahin war er als Sportdirektor auch für die Filiale in Österreich zuständig. Mintzlaff hat sein Büro in Salzburg ebenfalls längst geräumt. Als Head of Global Soccer von Red Bull war er für sämtliche Fußballaktivitäten des Brauseunternehmens verantwortlich gewesen.

Entscheidend aber war wohl, dass Red Bull in Salzburg nur noch als Hauptsponsor agiert. In Leipzig dagegen ist die Firma zusätzlich Gesellschafter, hält 99 Prozent der Anteile an der RasenBallsport GmbH. Wie groß die Abhängigkeit tatsächlich ist, zeigt die Tatsache, dass die sächsische Fußballtochter Ende 2016 beim Mutterkonzern 83,2 Millionen Euro Schulden hatte.

Die Regelhüter der Uefa überzeugten jedoch die „strukturellen Veränderungen“ in den Klubs und erteilten im Sommer 2017 die Starterlaubnis. Daran erinnerte Wettbewerbsdirektor Giorgio Marchetti nochmals Ende August bei der Auslosung in Monaco: „Alle Kriterien wurden erfüllt.“ Auch Rangnick wischt sämtliche Bedenken beiseite. „Um den Wettbewerb braucht sich keiner Sorgen zu machen. Da wird so viel Brisanz und Feuer drin sein wie in keinem anderen Spiel. Jeder will beweisen, dass er der Bessere ist“, erklärte er.

Die Brisanz entstand, als sich die Rollenverteilung zwischen den Schwesterklubs radikal änderte. Rangnick erzählte mal, dass der Trainer von Salzburg seinen Spielern früher gedroht habe: Wenn ihr nicht macht, was ich sage, werdet ihr nach Leipzig abgeschoben. Nun ist es genau andersherum. Red Bull Salzburg, das international als FC und mit verändertem Logo auftreten muss, weil die Uefa Sponsorennamen untersagt, mutierte zum Leipziger Selbstbedienungsladen. Im aktuellen Kader der Rasenballer stehen sechs Profis mit Salzburger Vergangenheit, seit 2012 zogen 14 Spieler von der Salzach an die Pleiße.

Die große Schwester nutzte die kleine als Ausbildungsstelle, in der Formel 1 würde man es Stallorder nennen. Geändert wurde die Strategie auch deshalb, weil sich deutsche Vereine direkt für die große Vermarktungsbühne Champions League qualifizieren, Salzburg scheiterte indes Anfang August zum zehnten Mal in Folge an der Hürde. Die Hierarchie-Neuordnung sorgte beim älteren Red-Bull-Klub für – höflich formuliert – Verdruss, die Fans protestierten gegen den kontinuierlichen Aderlass.

Harte, komplizierte Verhandlungen

Inzwischen ist die Quelle nahezu versiegt. Ein Indiz dafür war der gescheiterte Transfer von Amadou Haidara, der in Leipzig in dieser Saison Nachfolger von Naby Keita werden sollte. Die Verhandlungen waren langwierig und kompliziert, nun wird er wohl in der Winterpause kommen, mit Verspätung – vor zwei, drei Jahren ein undenkbares Szenario. Da verkündete Rangnick einen Transfer schon mal mit dem Nachsatz, dass über die Ablösesumme noch verhandelt werden müsse. Im Normalfall ist die Reihenfolge eine andere.

Red Bull ist aber nicht der einzige Fall im Europapokal, bei dem es ein Geschmäckle gibt. So ist der russische Erdgaslieferant Gazprom nicht nur Trikotsponsor bei Champions-League-Starter Schalke 04, sondern auch bei Roter Stern Belgrad. Die Serben warfen Salzburg aus der Quali.

TV-Tipp: RTL Nitro überträgt das RB-Duell am Donnerstag ab 21 Uhr.