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Im Osten wird‘s einsam

Die Folgen von Abwanderung und Kindermangel sind 25 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht zu übersehen: Der Osten Deutschlands hat 2,3 Millionen Menschen verloren. Ein weiteres Problem in manchen Regionen ist ein signifikanter Männerüberschuss.

© dpa

Simone Rothe

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Erfurt/Wiesbaden. Sie skypen, mailen und telefonieren mit ihren Töchtern und Söhnen, die jetzt in Berlin, Frankfurt, München, Hamburg oder Wien leben. In Ostdeutschland, so scheint es, pflegt eine Elterngeneration intensive Fernbeziehungen zu ihren Kindern. In Scharen haben vor allem die Jungen in den 1990er Jahren und in einer zweiten Welle um die Jahrtausendwende die fünf neuen Länder verlassen - auf der Suche nach Ausbildungs- und Arbeitsplätzen, nach Zukunft und einem guten Einkommen. Weil in den Wendewirren ohnehin wenige Kinder geboren wurden, sprechen Bevölkerungsforscher nun von der halbierten Generation. Und sie verweisen auf ein Phänomen: den Männerüberschuss.

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„Die ländlichen Räume Ostdeutschlands weisen ein großes Defizit an jungen Frauen auf, das selbst auf europäischer Ebene beispiellos ist“, heißt es in einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden zu Ursachen und Folgen der Abwanderung aus den fünf neuen Bundesländern. „Not am Mann“ überschrieb das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung eine Untersuchung, die vor einigen Jahren erstmals auf das Problem und die schlechten Karten gering qualifizierter junger Männer auf dem ländlichen Heiratsmarkt aufmerksam machte.

„Das ist immer noch so. Das ist eine Folge der Wanderungsbewegungen - erst zwischen Ost und West und jetzt zwischen Land und Stadt“, sagt Manuel Slupina vom Berlin-Institut. Auch in ländlichen Regionen im Westen gebe es weniger Frauen. „Aber längst nicht in diesem Ausmaß.“

Wachstumsinseln inmitten von Schrumpfregionen

Ostdeutsche Kreise mit Männerüberschuss

In Ostdeutschland gibt es in vielen ländlichen Regionen durch die Abwanderung junger Frauen einen Männerüberschuss. In allen fünf ostdeutschen Ländern leben weniger Frauen als Männer in der betrachteten Altersgruppe zwischen 18 und unter 40 Jahren. Eine Auswahl einiger Kreise mit einem hohen Defizit junger Frauen:

Sachsen

Mittelsachsen: 831 Frauen pro 1000 Männer

Freistaat Sachsen insgesamt: 902 Frauen pro 1000 Männer

Brandenburg

Elbe-Elster: 809 Frauen pro 1000 Männer
Oberspreewald-Lausitz: 825 Frauen pro 1000 Männer
Prignitz: 817 Frauen pro 1000 Männer

Land Brandenburg insgesamt: 919 Frauen pro 1000 Männer

Mecklenburg-Vorpommern

Ludwigslust-Parchim: 836 Frauen auf 1000 Männer

Land Mecklenburg-Vorpommern insgesamt: 890 Frauen pro 1000 Männer

Sachsen-Anhalt

Altmarkkreis Salzwedel: 834 Frauen pro 1000 Männer
Anhalt-Bitterfeld: 834 Frauen pro 1000 Männer
Jerichower Land 845 Frauen pro 1000 Männer

Land Sachsen-Anhalt insgesamt: 884 Frauen pro 1000 Männer

Thüringen

Schmalkalden-Meiningen: 818 Frauen pro 1000 Männer
Ilm-Kreis 775 Frauen pro 1000 Männer
Altenburger Land 827 Frauen pro 1000 Männer

Freistaat Thüringen insgesamt: 883 Frauen pro 1000 Männer

Quelle: Statistisches Landesamt, Stand 31.12.2013. Bei dieser Berechnung wurden bereits die Ergebnisse des Zensus 2011 berücksichtigt.

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Im Gegensatz zur Not der Dörfer und Kleinstädte entwickeln sich einige Städte inzwischen wieder zu „Wachstumsinseln“ inmitten der „Schrumpfregion“ Ost, die seit der Wiedervereinigung 2,3 Millionen Menschen verloren hat. Zu den Inseln zählen die Hochschulstädte Jena, Greifswald oder Weimar, aber auch das Umland von Berlin sowie die Großstädte Leipzig, Dresden, Erfurt und neuerdings auch Magdeburg. Greifswald, das in einer eher strukturschwachen Region Mecklenburg-Vorpommerns liegt, habe heute den höchsten Frauenanteil an der Bevölkerung der 18- bis 24-Jährigen, hat das Bundesinstitut errechnet.

Der Männerüberschuss hat seine Ursache in den besonders mobilen ostdeutschen Frauen im Alter von 18 bis 24 Jahren. Und in ihren im Vergleich zu Jungen tendenziell besseren Schulabschlüssen - darin sind sich alle Wissenschaftler einig. Die jungen Frauen packten vor allem in den Regionen die Koffer, die abseits der größeren Städte und der Pendlerregionen entlang der Landesgrenzen zu Bayern, Hessen oder Niedersachsen liegen.

Eine Trendwende ist nicht erkennbar

In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen gebe es viele Kreise mit bis zu 25 Prozent mehr Männern als Frauen, konstatiert das Bundesinstitut in Wiesbaden. „Das gilt vor allem für strukturschwache Regionen.“ Die Herausforderungen dort durch die schrumpfende und älter werdende Bevölkerung sind groß: für den Arbeitsmarkt durch Fachkräftemangel, für Sozialsysteme, Infrastruktur, öffentliche Kassen bis hin zu rechtsextremen Tendenzen in von Männern geprägten Regionen.

Der Gegensatz zwischen Frauendefiziten in ländlichen Räumen und Frauenüberschüssen in Städten nehme noch zu. „Eine Trendwende ist nicht zu erkennen“, sagen die Bevölkerungsforscher. Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Reint E. Gropp, rät dazu, aus der Not eine Tugend zu machen: „Man muss sich auf die Städte konzentrieren, gerade in Ostdeutschland. Sie müssen attraktiver werden für die Zielgruppe der gut ausgebildeten, möglichst kinderreichen jungen Familien.“

Als Gegenden mit Frauenmangel in der Altersgruppe bis 39 Jahren gelten beispielsweise die Region Parchim in Mecklenburg-Vorpommern, das Jerichower Land in Sachsen-Anhalt, die brandenburgische Prignitz, Mittelsachsen oder der Kreis Schmalkalden-Meiningen im Süden Thüringens.

Allerdings spielt dieser statistische Effekt im Leben der Menschen gar keine so große Rolle: „Es fehlen die Jungen“, sagen Kommunalpolitiker wie der Bürgermeister der ostthüringischen Kleinstadt Schkölen, Matthias Darnstädt. Dass es vor allem die jungen Frauen sind, sei vielen im Alltag gar nicht so bewusst. „Wer eine Frau sucht, findet sie auch. Wir haben nicht mehr Junggesellen als in anderen Zeiten auch.“ (dpa)

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›› Einwohnerentwicklung der Bundesländer
›› Untersuchung Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung
›› Studie „So geht Einheit“ des Berlin-Instituts