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Im Rausch der eisigen Wellen

Sie wollen keine Wettkämpfe mehr, sondern Abenteuer: Aline Bock und Lena Stoffel lieben Skifahren und Surfen.

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© Nick Pumphrey

Von Michaela Widder

Es sind nicht die Bedingungen, die ein Hawaii-Surfer suchen würde. Eisiger Wind weht übers Land. Es regnet. Es ist kalt. Es wird nicht hell. Wieder einer dieser Tage, an denen sie die Gardine im aufgeheizten Wohnmobil lieber wieder zuziehen und den zweiten Kaffee aufbrühen würden. Doch ein Sturm hat Wellen an die Küste gebracht, und das bedeutet für Aline Bock, 33, und Lena Stoffel, 31, grandiose Voraussetzungen. Auf der Insel Senja, die zu den Lofoten nördlich des Polarkreises gehört, haben sie ihr Camp aufgeschlagen an diesem noch jungfräulichen Surf-Spot.

Skifahren mit Meerblick. Das ist jetzt die Herausforderung, die die beiden früheren Skiprofis suchen. Die Erfolge und den Druck haben sie hinter sich gelassen.
Skifahren mit Meerblick. Das ist jetzt die Herausforderung, die die beiden früheren Skiprofis suchen. Die Erfolge und den Druck haben sie hinter sich gelassen.

Der Atlantik hat fünf Grad, die Luft ist auch nicht wärmer. In dicken Neoprenanzügen, mit Haube, Handschuhen und Boots an den Füßen geht es raus aufs Wasser zum Lieblingsort der Surfer, dorthin, wo sie auf ihren Brettern ausharren und auf die hereinrollenden Wellen warten. Das Line-Up für Wellenreiter ist wie die unberührte Powderpiste für den Snowboarder oder der Strafraum für den Stürmer. Der Grat zwischen Frust und Glück ist schmal. „Wir hatten die Welle für uns“, erzählt Aline Bock vom Surferglück im hohen Norden.

Nach 40 Minuten sind Hände und Füße vor Eiseskälte taub, die beiden wärmen sich im Wohnmobil auf. Am selben Nachmittag schultern sie Abfahrtsski und Snowboard, und spätestens beim Aufstieg wird ihnen wieder richtig warm. Bis auf zwei klapprige Tellerlifte gibt es auf den Lofoten keine Skilifte, und die norwegischen Berge ragen immerhin bis zu 1 200 Meter aus der arktischen See heraus. Nach einem zweistündigen Aufstieg belohnt eine Abfahrt mit Meerblick und jenseits des Massentourismus. „Wir wollten gern unsere Leidenschaft für Berge und Meer verbinden und unbedingt mal an einem Tag Surfen und Freeriden“, sagt Aline Bock.

Über ihr außergewöhnliches Abenteuer im hohen Norden wurde sogar ein kleiner Film gedreht. „Draußen in der Natur sein, das ist es, was wir beide wollen.“ Sie verstehen sich als moderne Abenteurerinnen, die dazu das Glück haben, davon leben zu können. Jedenfalls für den Moment, und darum geht es doch, findet Aline Bock. „Wir wollen noch nicht ins Büro und haben uns mit unseren Abenteuertrips eine gute Lebensgrundlage geschaffen“, sagt sie.

Ihr halbes Leben haben die beiden im Schnee verbracht, Aline auf dem Snowboard, Lena auf Skiern. „Meine Eltern sind Skilehrer. Mit zwölf bekam ich mein erstes Snowboards und seitdem stehen die Skier im Keller“, meint Aline Bock. Sie begann einst mit Freestyle, doch mit Mitte 20 fühlte sie sich ein bisschen zu alt für die Partyszene und hatte keine Lust mehr, fast nur noch gegen Teenies anzutreten. Das Freeriden, das Skifahren in unberührter Natur abseits der kontrollierten Skipisten, war mehr ihr Ding. Mit Hubschraubern werden die Teilnehmer auf dem höchsten Gipfel abgesetzt und ziehen ihre eigenen Linien in den Schnee. Was zählt, ist nicht die Zeit, sondern der Gesamteindruck bei den Punktrichtern. Wie kreativ und wagemutig, andererseits flüssig und fehlerfrei fährt jemand den Berg hinunter? Aline Bock mischt die kleine Szene schnell auf, wurde 2010 Weltmeisterin. Wer Erfolg haben will, bei dem verschwimmt die Grenze zwischen Mut und Übermut. Die Big-Mountain-Fahrerin aus Überlingen im Allgäu kennt die Risiken, auch, weil ihr Vater Skiführer ist und sie schon früh mit ihm im hochalpinen Gebirge unterwegs war.

Aline Bock war selbst nah dran an einer Querschnittslähmung, auch wenn sie selbst nicht mehr groß darüber sprechen möchte. Bei einem schweren Sturz 2011 verletzte sie sich an der Bandscheibe, im ersten Moment konnte sie weder Arme noch Beine bewegen. Die knapp zweijährige Verletzungspause hat sie gelehrt, noch mehr auf ihren Körper zu hören, wenn der zum Beispiel Ruhe einfordert.

Fast in dieselbe Zeit fallen zwei schwere Knieverletzungen von Lena Stoffel, mit der sie sich beim Studium in Innsbruck angefreundet hatte. Die Leutkirchnerin war damals eine der besten Spezialisten im Slopestyle und auf dem Sprung, sich für die Olympischen Spiele in Sotschi zu qualifizieren. „Ich hatte mich zurückgekämpft und fühlte mich stärker als vor der Verletzung. Dann passierte wieder ein kleiner dummer Fehler“, sagt Lena Stoffel. Die Zeit bis Sotschi war zu knapp, um konkurrenzfähig zu sein. Es war auch das Ende der Karriere im Leistungssport, und sie empfand es sogar als Befreiung. „Ich bin froh, nicht mehr den Wettkampfdruck zu haben“, sagt sie heute.

Auch Aline Bock vermisst den Wettkampf-Zirkus nicht, im Gegenteil. „Jetzt Filme drehen zu dürfen, ist für uns die Königsklasse, das Nonplusultra.“ Sie durfte schon für ein Skiprojekt nach Alaska, das ist noch ein Traum von Lena Stoffel und vielen Skifahrern. Die Frauen planen an einem neuen Abenteuer. Zu viel dürfen sie noch nicht verraten. Die Mischung aus Sommer- und Wintersport lieben sie beide – bei Aline Bock geht die Tendenz sogar mehr zum Surfen. „Das ist meine große Leidenschaft, weil ich da kein Profi bin, keinen Druck empfinde, einfach die Seele baumeln lassen kann.“

Nur ein schlimmer Moment

Wie gut die Frauen auf engstem Raum miteinander können, hat die Reise nach Norwegen im Wohnmobil gezeigt. Es gibt nur einen „schlimmen Moment“, sagt Aline Bock, „und der ist, wenn wir beide Hunger haben.“ Sie könnten kaum unterschiedlicher sein, die ruhige Lena, die zierlich wirkt, aber die mutigere ist – dagegen die energiegeladene Aline, die von morgens bis abends redet. „Wir gleichen uns da gut aus“, findet Lena Stoffel, die noch als Skilehrerin arbeitet und Mädels-Camps im Freeski organisiert. Im Moment können sich beide keinen besseren Job vorstellen. „Wir werden nicht reich, aber wir sind extrem glücklich“, sagt Aline Bock, die ein Lebensmotto ihrer Mutter verinnerlicht hat. „Create a life, you don‘t need vacation.“ Übersetzt meint das: Schaffe dir ein Leben, in dem du keinen Urlaub brauchst.