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Im rechten Fadenkreuz

Eric Hattke ist das Gesicht des Netzwerks „Dresden für Alle“. Er wird bedroht und zu Unrecht einer Gewalttat verdächtigt. Nicht zum ersten Mal.

© André Wirsig

Von Tobias Wolf

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Eric Hattke hat schwere Tage hinter sich. Am Wochenende wurde die Familie des 24-Jährigen telefonisch wüst beschimpft und massiv bedroht. Mutmaßlich wegen seiner Tätigkeit als Sprecher des Netzwerks „Dresden für Alle“ und seines Engagements für Flüchtlinge ist er zum Ziel von Kriminellen geworden. Die Anrufer behaupteten, den Aufenthaltsort der Familie und die Privatadresse Hattkes genau zu kennen. Er solle aufhören „sich für Ausländer einzusetzen“, sonst würde er nächste Woche „platt gemacht“.

Aktionen wie das Verteilen von Waschbeuteln an Flüchtlinge haben Eric Hattke (r.) zur Zielscheibe von Kriminellen werden lassen.
Aktionen wie das Verteilen von Waschbeuteln an Flüchtlinge haben Eric Hattke (r.) zur Zielscheibe von Kriminellen werden lassen. © Christian Juppe

Es fielen Aussagen wie „wir schießen durch die Fenster“ oder „wir haben auch hier Kameraden“ (am Wohnort der Familie). Die Anrufer wollen den Netzwerksprecher offenbar einschüchtern und seine Familie verängstigen. Die örtliche Polizeidirektion bestätigt die Telefondrohungen. Nach einer Strafanzeige ermittelt nun die Kriminalpolizei, sagt eine Sprecherin. Ob der Anruf zurückverfolgt werden kann, um den Täter zu identifizieren, ließ die Polizeidirektion offen. Es war nicht der einzige Einschüchterungsversuch gegenüber Hattke. „Wir ermitteln derzeit wegen Vortäuschens einer Straftat“, sagt Thomas Geithner von der Polizeidirektion Dresden.

Am Mittwochnachmittag hatte ein Anrufer den Notruf gewählt, sich als Eric Hattke ausgegeben und anschließend mitgeteilt, er habe jemanden getötet und beabsichtige nun, sich selbst umzubringen. Laut Hattke soll der Anrufer der Polizei gesagt haben, dass er seine Frau umgebracht hätte. Dabei ist der 24-Jährige Single und lebt allein. Zum Zeitpunkt des Anrufs war er bei einemTreffen mehrerer Verbände im Hygienemuseum. Dort erreichte ihn die Polizei. „Wir haben uns mit Herrn Hattke an seiner Wohnung getroffen“, sagt Polizeisprecher Thomas Geithner. „Er hat uns hereingelassen, damit wir nachsehen können.“ Wenn Kapitalverbrechen im Raum stehen, muss die Polizei ermitteln. Es sei eher unüblich, dass Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, auf diese Weise in Verdacht gebracht werden, so Geithner weiter.

Der Netzwerksprecher ist schon früher im Internet bedroht worden. Er bezieht die Angriffe indes nicht nur auf sich. „Ich glaube, dass Ängste im Zusammenhang mit der weltweiten Fluchtproblematik und auch Fremdenhass momentan sehr stark auf einzelne Personen projiziert werden und deren Engagement damit angegriffen werden soll, um ein Exempel zu statuieren“, sagt er. Mit Blick auf die jüngsten Anschläge auf Büros und Autos von Politikern fügt er hinzu: „Ich fühle mich weder als Held noch als etwas Besonderes, ich bin nur ein Beispiel dafür, was gerade passiert, und zwar ganz vielen Menschen an ganz vielen Orten.“ Er verspüre eine Mischung aus Angst und einem Gefühl, sich unberechtigt schuldig zu fühlen.

Das Netzwerk „Dresden für Alle“ stellt sich hinter seinen Sprecher. Gesellschaftliche Debatten müssten kontrovers, aber frei von Gewalt und Drohungen geführt werden. Alles andere stehe außerhalb des demokratischen Konsens. „Ein Angriff gegen seine Familie ist ein Angriff gegen uns alle.“ Auch aus der Politik kommt parteiübergreifend Rückendeckung für Hattke. Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) verurteilt die Anrufe als feige und widerwärtig. „Wer Angst sät und bereit ist, Gewalt auszuüben, der glaubt wohl selbst nicht an die Kraft seiner Argumente.“ Für Köpping reihten sich die Drohungen in den rechtsextremistischen Hass ein, dem sich Politiker, Verwaltungsmitarbeiter, Helfer, Polizisten, Journalisten und Wachleute ausgesetzt sehen. „Wir brauchen eine starke und laute Gesellschaft, die ganz klar macht: Diese Grenzüberschreitung nehmen wir nicht hin.“

Mit Eric Hattke werde ein verdienter Akteur massiv bedroht und versucht einzuschüchtern, sagt Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD). „Es ist unerträglich zu erleben, wie rassistische und rechtsextremistische Gruppierungen in Sachsen versuchen, Angst und Schrecken zu verbreiten und selbst vor der Bedrohung der Familie von Andersdenkenden nicht mehr zurückschrecken.“ Dulig erwarte von jedermann Respekt gegenüber seinen Mitmenschen.

Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) stellt klar: „Seine Familie und ihn zu bedrohen ist nicht nur eine Sache der Strafverfolgung, sondern der feige Versuch jemanden in seiner freien Meinungsäußerung zu behindern. Das dürfen wir in unserer Demokratie nicht hinnehmen.“ Er hoffe, dass Hattke sich nicht von seinem Engagement abbringen lasse. „Dabei hat er meine Unterstützung.“