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Im Reich der Reifen

Die meisten Autofahrer lassen sich jetzt ihre Sommerreifen aufziehen. Aber wo kommen die eigentlich her?

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© Lutz Weidler

Von Christoph Scharf

Riesa. Oktober bis Ostern: Die Faustformel mit den zwei O sagt an, wie lange man Winterreifen am Auto haben sollte. Nun ist die Zeit ran, die Sommerreifen aufzuziehen. Der eine packt selber zum Wagenheber, der andere lässt das lieber die Werkstatt machen. In beiden Fällen kommen Produkte ans Auto, in denen sich viel mehr Technologie verbirgt, als der Laie ahnt.

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Gebacken: 180Grad heiß wird es im Heizer, wo das Profil eingepresst wird. Backdauer: 10 bis 14Minuten.
Gebacken: 180Grad heiß wird es im Heizer, wo das Profil eingepresst wird. Backdauer: 10 bis 14Minuten. © Lutz Weidler
Gelagert: Aus solchen Mischungen werden in Riesa Autoreifen hergestellt, dieses Jahr rund 5,5Millionen Stück.
Gelagert: Aus solchen Mischungen werden in Riesa Autoreifen hergestellt, dieses Jahr rund 5,5Millionen Stück. © Lutz Weidler
Geschäftig: Bruno Kihm leitet das Riesaer Reifenwerk, in dem derzeit 640Mitarbeiter im Schichtbetrieb arbeiten.
Geschäftig: Bruno Kihm leitet das Riesaer Reifenwerk, in dem derzeit 640Mitarbeiter im Schichtbetrieb arbeiten. © Lutz Weidler

„In einem handelsüblichen Autoreifen werden 13 verschiedene Materialmischungen verarbeitet“, sagt Bruno Kihm, Chef des Riesaer Reifenwerks. Allein die Lauffläche, die den Kontakt zur Fahrbahn sicherstellt, birgt mehrere verschiedene Mischungen in den verschiedenen Ebenen. Warum? Ganz einfach: Ohne ordentliche Reifen würde der sportlichste Motor, das beste Antiblockiersystem, die feinfühligste Lenkung nichts nutzen. Woraus sich die Mischung der Lauffläche zusammensetzt, daraus machen alle Hersteller ein Geheimnis – auch Goodyear Dunlop, zu dem das Riesaer Traditionswerk heute gehört.

Das Stahlwerk heizt mit

Die unterschiedlichen Gerüche in den Werkhallen an der Paul-Greifzu-Straße deuten jedenfalls an, dass Gummi nicht gleich Gummi ist. Auf Paletten gestapelt liegt eines der Ausgangsmaterialien – Mischungen aus dem sogenannten Kneter. Das Material sieht aus wie ein merkwürdiger Fußbodenbelag. Tatsächlich werden damit die Innenschichten des Reifen aufgebaut. Reifenwerker haben dafür eine eigene Sprache: Sie nennen sie Seele und Innerliner.

Das Reifenwerk Riesa

An 350Tagen wird im Riesaer Reifenwerk pro Jahr gearbeitet. Still steht es nur an wenigen Feiertagen wie Weihnachten oder Ostern.

640Mitarbeiter sollen dieses Jahr 5,5Millionen Reifen fertigen. Zum Vergleich: 1988 waren es 2000Mitarbeiter, die 4,3Millionen produzierten.

Täglich werden in Riesa 35verschiedene Sorten Rohlinge gefertigt. Im Monat sind es bereits 80unterschiedliche Sorten, im Jahr ganze 300.

Riesa liefert weltweit sogenannte Rollbälge für Reifenwerke aus – etwa nach Kolumbien oder die Türkei.

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Eine Halle weiter produziert der Quadruplex-Extruder, der vier Mischungen zu einer Lauffläche verarbeitet. Auf 120 Grad wird dabei das Material erhitzt. Der Energiebedarf dafür wird zum Teil durch eine Kooperation mit dem Feralpi-Stahlwerk gedeckt: Von dort kommt überschüssige Abwärme als Dampf ins Reifenwerk.

Gleich hinter dem Quadruplex-Extruder sorgt eine Kühlstrecke mit einer Wasser-Bestäubung dafür, dass das Material wieder abkühlt und aufgewickelt werden kann. Fußballfeldgroße Hallen sind dicht an dicht mit Maschinen bestellt. Mitarbeiter sieht man dort nur hin und wieder. Stattdessen vollführt ein computergesteuerter Roboterarm immer dieselben Arbeitsschritte: schneiden, rollen, schieben. Noch ist von Reifen nicht mal ansatzweise etwas zu entdecken. Überall laufen nur schwarze Bahnen durch die Maschinen.

Das ändert sich an der jüngsten Investition: einer RAM genannten Reifenaufbaumaschine. Die kann Reifen-Rohlinge mit einem Felgendurchmesser bis zu 24 Zoll herstellen. Dort wird zuerst vollautomatisch der Gummi für die Flanken des späteren Reifens aufgewickelt, dann die Schicht, die den Reifen abdichtet, dann die Karkassenlage. Schließlich werden die Wulste gesetzt, zuletzt kommt der Gürtel darüber, der aus Stahlkissen, Bandage, Protektor besteht. Fertig ist der Rohling.

Bunte Streifen – und ein Kürzel

Der wandert dann in die nächste Abteilung des Reifenwerks, die Heizerstraße. Dort wird der Rohling bei 180 Grad gebacken. „Das dauert, je nach Größe, 10 bis 14 Minuten“, sagt Bruno Kihm. Was dort gleich ins Auge fällt: Die Reifen tragen merkwürdige bunte Streifen auf der Lauffläche, grüne, rote, blaue, gelbe. „Damit kann man die Reifen später auf einen Blick identifizieren“, sagt der Werkleiter. Denn in Riesa werden pro Jahr 300 unterschiedliche Sorten hergestellt.

Reichte früher nur eine Mischung für Sommerreifen und eine für Winterreifen, gibt es heute unterschiedlichste Dimensionen, Geschwindigkeitsklassen, auf Nasshaftung oder Rollwiderstand optimierte Varianten. Sie landen etwa auf Neuwagen von VW, Audi, Opel, BMW, Renault, Alfa-Romeo oder Toyota. Genauso sind sie im Reifenhandel erhältlich. Die Produkte aus Riesa tragen die Marke Dunlop, Goodyear, Fulda oder Pneumant auf der Seite.

Dennoch ist es ganz einfach zu erkennen, ob der schwarze Rundling in Riesa hergestellt wurde: Alle Produkte, die das Werk an der Paul-Greifzu-Straße verlassen, haben die eingeprägte Kennung „N5“. Die ist vor der vierstelligen DOT-Nummer zu finden, die das Herstellungsdatum der Reifen angibt. Beim Wechsel auf die Sommerreifen lässt sich also leicht erkennen, ob das eigene Auto auf Riesa abfährt.