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Im Schatten der Vergangenheit

Wochenendbetrachtung

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Von Erich Böhme

Die Vergangenheit ist nicht vergangen. Sie holt uns ein. In der Vorwoche des 60-jährigen Staatsjubiläums der Bundesrepublik verknotete sich, vom Zufall dirigiert, deutsches Schicksal augenfällig und makaber zugleich.

In Jerusalem senkte der einstige Hitlerjunge Joseph Ratzinger, heute Papst Benedikt XVI., sein Haupt vor den sechs Millionen jüdischen Opfern der Hitler-Tyrannei. Mit scheuen Blicken nach links und rechts las er in der bedrückenden Gedenkstätte Yad Vaschem sein Bekenntnis gegen jede Form von Antisemitismus vom Blatt. Und beinahe schüchtern schob er seinen Fürbitt-Zettel in die Spalten der Klagemauer. Israel verharrte kühl. Nichts ist vergessen, nichts vergeben.

Beinahe zur selben Stunde landete in München ein Jet mit einer peinlichen Last. Per Krankentransporter wurde John Iwan Demjanjuk der Haftanstalt Stadelheim und seiner Anklage wegen Beteiligung am Mord von mindestens 29000 Juden im Nazi-Vernichtungslager Sobibor zugeführt. Nach jahrzehntelanger Jagd soll der 89-jährige Ukrainer nun geradestehen für Hilfsdienste bei der deutschen Juden-Vernichtung. Einer der letzten großen NS-Prozesse steht bevor.

Die Schatten des mörderischen Hitler-Reiches reichen in die Zukunft. Und so reichten auch die eher diplomatischen Papst-Worte auf israelischem Boden gegen Antisemitismus und für brüderlichen Dialog der drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam nicht hin, alte Wunden zu heilen. Seine israelischen Zuhörer vermissten eine deutliche Schuldzuweisung der Nazi-Gräuel und die Bitte um Vergebung, wie sie einst Johannes Paul ausgesprochen und damit Israel tief beeindruckt hatte. Zu sehr litt der Moral-Theologe Ratzinger noch unter den Vorwürfen, die Exkommunikation der Pius-Brüder und ihres Bischofs, des Holocaust-Leugners Williamson, zurückgenommen zu haben, ohne die Verurteilung dieses Geredes einzufordern. Benedikts späte, von der Kanzlerin angemahnte Rüge und Williamsons dreiste Antwort lagen düster über der Szene. Kein Papst-Wort auch zum Schweigen des Benedikt-Vorläufers Pius XII. zu den Nazi-Verbrechen während des Hitler-Reiches – Pius soll demnächst seliggesprochen werden.

Wenn der Papst von seiner heiklen Israel-Mission nach Rom zurückgekehrt ist, wird in München die Anklage gegen den mutmaßlichen Hitler-Schergen Demjanjuk vorbereitet. Schon einmal war der wegen einer Verwechslung vom demokratischen Schafott gesprungen. Der neue Prozess gestaltet sich umso schwieriger, als 64 Jahre nach Kriegsende lebende Zeugen kaum zu finden sind, die das Wüten Demjanjuks aus eigenem Erleben schildern können.

Zeugen sterben – die Vergangenheit lebt weiter.