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Im Trainingsanzug nach China

© Sebastian Willnow.

Ein Leipziger Start-up hat den riesigen Alibaba-Konzern aus China zu Gast – und hofft nun auf den großen Sprung

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Wenn der Name Alibaba fällt, horcht die Wirtschaft auf: Der chinesische E-Commerce-Gigant betreibt den wohl größten Online-Marktplatz der Welt. Gründer Jack Ma hat in nicht mal 20 Jahren aus einer der ersten kommerziellen Webseiten in China ein Milliarden-Imperium mit
66 000 Mitarbeitern aufgebaut. Auf seinen Portalen werden Millionen Transaktionen zwischen Händlern sowie zwischen Händlern und Endkunden abgewickelt. Am Freitag hieß es nun: Goliath besucht David. Mit Gao Hongbing kam der Leiter der Alibaba-Forschungsabteilung zum erfolgreichen Leipziger Start-up Quapona mit gerade mal 20 Mitarbeitern.

Beim milliardenschweren Besuch aus China ging es diesmal aber nicht um Datenschutz, sondern um Fitness: Quapona hat einen so genannten EMS-Sportanzug entwickelt, der mit elektronischer Stimulation über Elektroden die Muskeln schon bei geringer Belastung anregt – und das kabellos, nur mit Akkus und per App-Steuerung am Smartphone. „Unser Trainingsanzug erreicht schon bei geringer Belastung beachtliche Ergebnisse bei der Fettverbrennung und beim Muskelaufbau“, sagt Quapona-Geschäftsführer Falk Lehmann. „Damit trifft er den Nerv vieler Menschen, die mit wenig Zeitaufwand viel für ihre Gesundheit tun wollen – auch in China.“ Der Anzug gelte als ein weltweit technologischer Marktführer im Fitnessmarkt, weil er anders als andere Sportanzüge komplett ohne Kabel auskommt.

Franzine Mischka weiß, was der hautenge Anzug kann: Die Studentin führte nicht nur für Manager Gao Hongbing den Anzug als Model vor. Die 20-Jährige hat ihre Kindheit mit Leistungssport in der Leichtathletik zugebracht, ist mit dem SC DHfK 400 Meter Hürden gelaufen und hat mit Cindy Roleder und anderen Größen trainiert. Ihr Körper ist athletisch und makellos. Und doch sagt sie: „Man kann mit dem Anzug Muskelregionen trainieren, die man sonst so nicht erreicht.“ Die Gesäßmuskeln zum Beispiel, und tiefere Muskelschichten.

Der Anzug, der eng anliegt wie ein Neopren-Anzug von Surfern, kann bei Fitness-Programmen, aber auch bei anderen Sportarten als zusätzliche Trainings-Unterstützung getragen werden. Oder auch in einer medizinischen Rehabilitation. Die persönlichen Bedürfnisse könne man auf einer App abstimmen und die Trainingserfolge aufzeichnen. „Das ist eine Supersache“, sagt Franzine. Die minimalen Ströme verursachen nur ein leichtes Kribbeln auf der Haut wie bei einem Elektrokardiogramm (EKG) beim Arzt. „Das ist nicht unangenehm, sondern schön“, sagt die Sportlerin. Und man bekommt sogar Muskelkater.

Vertriebspartner gesucht

Auch der chinesische Spitzenmanager Gao Hongbing hat so einen Anzug zuhause. Er trainiere damit 20 Minuten am Tag nach Anweisungen, erzählt der 53-Jährige. „Ich interessiere mich sehr für die Technik.“ Nun sei er am Rande eines Vortrags in Berlin auch nach Leipzig gekommen, um sich das Forschungs-Unternehmen genauer anzusehen. Er habe dem Quapona-Team zudem Tipps für Anpassungen des Produkts für den chinesischen Markt gegeben – weitere Applikationen zum Beispiel.

„Viele Chinesen sind zu Reichtum gekommen“, sagt Gao Hongbing. „Sie legen heute großen Wert auf Gesundheit und Fitness.“ Doch das ist nicht die ganze Geschichte. Der EMS Trainingsanzug aus Leipzig wird bereits auf der Verkaufsplattform von Alibaba vom chinesischen Fertigungsbetrieb verkauft. Alibaba und Quapona führen nun Gespräche über einen Ausbau des Vertriebs und die Vermarktung. „Wir haben bisher etwa 4 000 Nutzer in China“, sagt Quapona-Chef Lehmann. „In Zukunft wollen wir aber Millionen erreichen.“ Aufgrund der Größe und Entwicklung sei China einer der attraktivsten Märkte für das Produkt. „Wir freuen uns, dass wir das Interesse des größten IT-Players gewinnen konnten.“

China ist dabei nicht der einzige Markt. Der EMS-Anzug sei seit Anfang des Jahres bereits in verschiedenen Ländern wie Frankreich, der Schweiz, Tschechien und der Slowakei auf dem Markt, Nord- und Südamerika sollen nächstes Jahr folgen, so Lehmann. In Deutschland ist das Produkt allerdings noch nicht zu bekommen. „Wir haben noch keinen Vertriebspartner gefunden, der zu uns passt“, sagt Lehmann. Die Kunden zahlen 189 Euro für den persönlichen Anzug, die Steuerung obliegt bisher allerdings professionellen Trainern. Entwickelt wurde der Anzug in Leipzig, ein Teil der Technologie wird nun bei Unternehmen in Sachsen produziert, der Anzug selbst in China gefertigt.

Der IT-Spezialist „Quapona technologies“ war vor fünf Jahren aus der Leipziger Universität heraus gegründet worden. In einem Forschungsprojekt der Bundesregierung wird zurzeit auch an Lösungen für sichere IT-Systeme gearbeitet. So werden mit forensischen Methoden Angriffsszenarien untersucht und neue Möglichkeiten geschaffen, solche Angriffe im Vorfeld und in Echtzeit abzuwehren – made in germany. Einer der Anlässe für den Vier-Millionen-Euro-Auftrag war der Hackerangriff auf die IT-Systeme des Deutschen Bundestages. „Bisher kommen in Rechnern ausschließlich ausländische Produkte zum Einsatz, die für nationale Unternehmen eine Sicherheitslücke darstellen“, sagt Lehmann. „Wir forschen deshalb an der zukünftigen Sicherheitstechnologie für Deutschland.“