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Immer ein bisschen böse

Tino Chrupalla ist seit einem Jahr im Bundestag und macht große Politik. Die Politiker im Kreis sehen davon wenig.

© nikolaischmidt.de

Von Frank Seibel

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Bei Angela Merkel sind die Mundwinkel nach unten gezogen. Bei Tino Chrupalla nach oben. Das ist halt so, könnte man meinen. Aber Mundwinkel sind nicht einfach so da, sie werden auch geformt: durch Lebenslage und Befinden.

Tino Chrupalla hatte die Mundwinkel schon oben, als er noch unbekannt war. In den Wochen vor dem 24. September 2017. Da war er ein recht erfolgreicher und vermögender Malermeister aus Gablenz und hatte es innerhalb weniger Monate schon zur Nummer eins seiner jungen Partei im Landkreis Görlitz gebracht.

Seit dem 24. September 2017 sind Chrupallas Mundwinkel immer leicht nach oben gezogen. Es ist mehr ein siegesgewisses Grinsen als ein Lächeln, das von Herzen kommt. Es ist das Grinsen eines Mannes, der an jenem Abend des 24. September 2017 zu so etwas wie einem Helden geworden ist: Er hat dem langjährigen Mandatsträger von der CDU, Michael Kretschmer, den Wahlkreis 157 abgeluchst – den Landkreis Görlitz. Das war eine Sensation. Und weil es das war, ist der 43 Jahre alte Malermeister aus Gablenz, der früher in der Jungen Union war und Kurt Biedenkopf verehrt hat, heute einer der bekanntesten Politiker in Deutschland.

Tino Chrupalla ist mittendrin in dem großen Zirkus, den die AfD abfällig als „Establishment“ bezeichnet. Er sitzt ganz vorn im Bundestag, denn nach seinem großartigen Erfolg ist er natürlich zum stellvertretenden Vorsitzenden seiner Fraktion gewählt worden. Und er war in den großen Talkshows zu Gast, neben den Dinosauriern des Establishments wie dem allgegenwärtigen Wolfgang Bosbach. Keine Frage: Tino Chrupalla ist ein erfolgreicher Politiker – wenn man das an seiner Medienpräsenz und an seiner Stellung in der Hierarchie seiner Partei bemisst. Und er ist auch nicht so bescheiden, dass er das verschweigen würde. Der Abgeordnete ist immer auf Tour durch seinen Wahlkreis. Etwa einmal pro Monat lädt er seine Wähler und solche, die es sein könnten, in eine Gaststätte im Landkreis ein. Und da ist er wirklich von Nord nach Süd überall gewesen. Tino Chrupalla zieht dann Bilanz, erst nach den ersten 100 Tagen, dann nach einem Jahr. Als er Ende September zu einer Jahresbilanz in die Blumenhalle des Löbauer Messegeländes einlädt, folgen etwa 350 Menschen seiner Einladung; die Stühle reichen nicht. Es sind viele Handwerker unter ihnen; das wird durch mehrere Bemerkungen an diesem Abend deutlich. Es sind Männer über 50, einige mit Partnerin, vor allem aus dem Süden des Landkreises. Kein städtisches Publikum. Aber etwa eine Schulklassenstärke von Jugendlichen – auch an den Infoständen sind einige ganz junge Leute zu finden, die mit Schlips und Sakko eine gutbürgerliche Erscheinung abgeben.

Tino Chrupalla hat sich zwei eloquente Kollegen aus der AfD-Bundestagsfraktion dazugeholt. Ein guter Redner ist er selbst nicht, spricht schnell, oft impulsiv, verhaspelt sich häufig und wirkt weniger klar und strukturiert als seine Partner an diesem Abend. Und wenn er in der Fernseh-Talkshow sagt: „Betreutes Denken halte ich für sehr vakant“ – dann wird er von seinen Anhängern auf Facebook für den Begriff „Betreutes Denken“ gefeiert; auch wenn der Satz sprachlich keinen Sinn ergibt. Bei öffentlichen Auftritten liebt Chrupalla verbale Attacken auf das Establishment – auch wenn der Stolz, zu genau diesem Establishment zu gehören, häufig unüberhörbar ist.

Aber Chrupalla besetzt Themen, die in diesen Landstrich und zu den Menschen passen, die er hier vor sich hat. Die Abschaffung der Meister-Pflicht in der EU prangert er an. Die Ausbildung junger Handwerker werde dadurch nicht erleichtert, sondern erschwert. „Denn es sind doch gerade unsere Handwerksmeister, die junge Leute ausbilden.“ Interessant: Um Flüchtlinge und Zuwanderung im Allgemeinen geht es bei dieser Bilanz-Veranstaltung gar nicht. Aber es geht auch um kein einziges spezifisch regionales Thema. Bezogen auf das gesamte erste Jahr, widerspricht Tino Chrupalla diesem Eindruck: „Meine erste Rede im Bundestag hielt ich zu Siemens in Görlitz, wir waren sehr aktiv in dieser Angelegenheit. Alle Themen, mit denen ich mich in Berlin befasse, sei es der Global Compact oder das EEG, betreffen auch den Wahlkreis.“ Global Compact ist eine UN-Initiative, die Globalisierung gerechter zu gestalten. EEG steht für die Energiewende.

Häme kann sich Tino Chrupalla selten verkneifen. Sein Lieblingsopfer für böse Sprüche ist Michael Kretschmer, dem er im September 2017 den Wahlkreis Görlitz „weggenommen“ hat. Er habe, sagte Chrupalla im Sommer in Freital, fast ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil er Kretschmer gewissermaßen zum Ministerpräsidenten gemacht habe. „Aber das werden wir nächstes Jahr wieder ändern.“ Schon in der Stunde des Triumphs, am Abend des 24. September 2017, hatte er keine Silbe des Respekts gegenüber dem Besiegten übrig, der 15 Jahre lang den Wahlkreis im Bundestag vertreten hatte. Kretschmer habe nichts getan, sei deshalb zu unbekannt gewesen, um zu gewinnen.

Vor diesem Hintergrund hat die SZ die Bürgermeister aller 53 Städte und Gemeinden im Landkreis Görlitz gefragt, wie präsent Tino Chrupalla in seinem ersten Jahr als Bundestagsabgeordneter war. 19 Bürgermeister(innen) haben geantwortet und überwiegend festgestellt, dass es keinerlei Kontakt zu Chrupalla gab. Allerdings räumten die meisten auch ein, dem AfD-Politiker nicht zur Wahl gratuliert zu haben.

In den Jahren zuvor, sagten mehrere Bürgermeister unterschiedlicher Parteizugehörigkeit, habe es immer wieder Unterstützung vom damaligen Bundestagsabgeordneten Michael Kretschmer gegeben, sei es für die Sanierung eines alten Schlosses, Kita-Modernisierung, den Ausbau der Bundesstraße 115 oder die Organisation von Sicherheitskonferenzen in der Oberlausitz. Aus Schönbach bei Löbau kommt allerdings auch die Aussage eines CDU-Bürgermeisters, dass er bis zur Wahl Chrupallas nie Besuch von einem Bundestagsabgeordneten hatte. „Ich wurde von Herrn Chrupalla frühzeitig angeschrieben, ob ich Hilfe benötige. Das hat keiner seiner Vorgänger bisher getan“, schreibt Uwe Petruttis.

Tino Chrupalla selbst verweist durchaus auf zahlreiche Aktivitäten im Landkreis: „Es gab zirka 30 Bürgersprechstunden mit etwa 50 konkreten Sachverhalten.“ Zum Teil seien das Aufgaben für seine Bundestagsfraktion gewesen, zum Teil Anliegen, die an andere Behörden weitergeleitet worden seien. „Außerdem habe ich zirka 15 Unternehmen besucht, darunter LEAG, Siemens, Bombardier, Waggonbau Niesky, Keulahütte, und bin ständig im Gespräch mit Handwerkskollegen und Handwerksbetrieben aus der Region.“

Nach einem Jahr im Bundestag sieht der Politik-Aufsteiger ausreichend Gründe, um die Mundwinkel nach oben zu ziehen.