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Immer mehr Mütter arbeiten in Teilzeit

Viele Frauen kehren ein Jahr nach der Geburt in den Beruf zurück. Nicht jede verzichtet freiwillig auf Arbeitsstunden.

© Sven Ellger

Von Nora Domschke

Änne Stange kennt das schlechte Gewissen, das Mütter so oft plagt. Besonders erdrückend sei es in der Eingewöhnungszeit gewesen, erinnert sich die 36-Jährige, als sie ihre Töchter Lotta und Lisbeth im Alter von einem Jahr morgens in der Kinderkrippe abgeben musste. Eine andere Wahl hatte die Mutter nicht – der Geldbeutel ließ es nicht zu, dass sie länger als ein Jahr in Elternzeit bleibt. Wie ihr Mann Alexander arbeitet Änne Stange seit vielen Jahren in der Gastronomie. Ende Februar hat sie nun den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und in Pieschen ein eigenes Café eröffnet.

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Die Idee dazu entstand, als Änne Stange mit Lisbeth in Elternzeit zu Hause war. „Ich hatte vorher von Montag bis Freitag einen geregelten 30-Stunden-Job in einem Dresdner Restaurant“, sagt die Mutter. „Und war total unglücklich dabei.“ Sie entschied sich gegen die sichere Teilzeitstelle. Anders als viele andere Dresdner Mütter. Denn immer mehr von ihnen gehen mittlerweile verkürzt arbeiten. Waren es 2010 etwa 40 Prozent, arbeiteten 2015 schon fast 50 Prozent der erwerbstätigen Mütter mit Kindern in Teilzeit. Rund die Hälfte von ihnen leistet dabei weniger als 30 Arbeitsstunden pro Woche. Das geht aus einer Erhebung des Statistischen Landesamtes hervor.

Das Teilzeitmodell bleibt vor allem Frauen vorbehalten. Zum Vergleich: Sowohl 2010 als auch 2015 arbeiteten mehr als 90 Prozent der Väter Vollzeit. Das hat mehrere Gründe, sagt Heidi Becherer vom Deutschen Gewerkschaftsbund Sachsen. „Zum einen entscheiden sich Frauen bewusst dazu, verkürzt zu arbeiten, weil sie sich mehr Zeit für ihre Kinder nehmen wollen“, erklärt die Expertin für Gleichstellungspolitik. Anderen Eltern fehle die Unterstützung etwa von Großeltern, dann seien meist die Mütter dafür zuständig, die Kinder aus der Kita abzuholen. Nicht selten werden Frauen aber auch in Teilzeitarbeit gedrängt, so Becherer. Stichwort Mindestlohn. „Das Problem: Derzeit gibt es keine gesetzliche Grundlage, die Arbeitgeber dazu verpflichtet, ihren Angestellten die Rückkehr in eine Vollzeitbeschäftigung zu ermöglichen.“

Wenn Mütter Rat brauchen

Im Elterncafé des Vereins Malwina finden Frauen Ansprechpartner und Beratung. 2016 nutzten 853 (werdende) Mütter das Neustädter Angebot in der Louisenstraße 41.

In der Facebookgruppe „Mompreneurs Dresden“ tauschen sich Jungunternehmerinnen über die Herausforderungen aus, die die Selbstständigkeit für den Familienalltag mit sich bringt.

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Nicht immer ist die Entscheidung der Mütter für den Teilzeitjob also freiwillig. Dennoch sind Familien im Osten aus finanziellen Gründen darauf angewiesen, dass beide Elternteile verdienen. Immerhin fast 80 Prozent der Mütter in Dresden sind erwerbstätig. Die Zahlen des städtischen Kita-Eigenbetriebs lassen darauf schließen, dass viele Frauen ein Jahr nach der Geburt wieder arbeiten gehen: Mehr als 50 Prozent der Dresdner Eltern geben ihren Nachwuchs rund um den ersten Geburtstag in die Kinderkrippe. 3,5 Prozent tun das mit zwei Jahren, ähnlich viele geben ihr Kind im Alter von drei Jahren in fremde Obhut.

Dabei brauchen Frauen durchaus kein schlechtes Gewissen zu haben. Dass die zeitige Fremdbetreuung durch Krippenerzieher oder Tageseltern für die Kinder sogar von Vorteil ist, hat Veit Rößner in einer Studie untersucht. Dabei hat sich der Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik mit 4 000 Dresdner Eltern befasst, deren Kinder 2013/14 eingeschult wurden. Mit dem Ergebnis: Je früher ein Kind die Kita besucht, desto weniger Verhaltensauffälligkeiten zeigt es später. „Die Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen ist für die emotionale Entwicklung enorm wichtig.“

Sabine Alschner rät Eltern, ihr Kind im Alter zwischen eineinhalb und zwei Jahren in die Krippe zu geben. Die 51-jährige Sozialpädagogin kümmert sich seit 25 Jahren im Verein Malwina um Dresdner Familien. „Mit einem Jahr ist die Bindung an die Mutter oft noch sehr eng“, sagt Alschner aus ihrer langjährigen Erfahrung. Mütter wie Väter sollten die Elternzeit mit ihrem Nachwuchs nutzen, denn Stress lasse sich später im Berufsalltag kaum vermeiden. Aus Beratungsgesprächen weiß Alschner, dass eine der größten Sorgen von Familien die Vereinbarkeit von Kinder- und Arbeitszeit ist.

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Familie Stange hat ihren eigenen Weg gefunden, um den schwierigen Spagat zwischen Job und Familie zu meistern. Änne Stanges Tipp: „In der Zeit mit den Kindern sollten Eltern auch einfach mal die Aufgaben im Haushalt liegen lassen.“ Mittlerweile geht die siebenjährige Lotta zur Schule, Lisbeth besucht den Kindergarten. Erstaunlicherweise habe sie nun mehr Zeit mit ihrer Familie, als bei ihrem Teilzeitjob in Festanstellung, berichtet Änne Stange. Ohne Hilfe von den Großeltern, die sich um die Mädchen kümmern, wäre der Traum vom Café aber wohl ein Traum geblieben.

Arbeiten in Ihrer Familie beide Elternteile und tun sie das in Voll- oder Teilzeit? Nehmen Sie an der Umfrage teil: www.sz-link.de/umfrage-kinderleicht