merken

Teure Eingriffe ins Stromnetz

In Deutschland müssen Netzmanager immer häufiger jonglieren, weil Leitungen fehlen oder zu viel Strom ins System drängt. Zahlen muss das der Stromkunde.

© dpa

Rolf Schraa

Anzeige

Smarter Leben mit diesen Technik-Trends 

Erfahren Sie als Erster von den neuesten Trends, Tipps und Produkten in der Technikwelt und lernen Sie Innovationen kennen, die Ihr Leben garantiert leichter machen.

Bonn/Berlin. Das deutsche Stromnetz ist durch die Energiewende massiv unter Druck geraten. Weil der Leitungsbau mit dem Ausbautempo der erneuerbaren Energie nicht mithalten kann, müssen immer wieder ganze Kraftwerke abgeschaltet und Reserveanlagen oft im Süden oder in Österreich hochgefahren werden. Um Schwankungen im Netz auszugleichen, mussten Netzmanager im vergangenen Jahr fast täglich in den Netzfluss eingreifen, heißt es im aktuellen Monitoringbericht von Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Häufig wurden auch erneuerbare Kraftwerke - meist Windkraftanlagen - gegen Kostenerstattung gedrosselt oder ganz in den Wind gedreht.

Dabei geht es nicht um Mini-Korrekturen, sondern um erhebliche Eingriffe in den Stromfluss. Die Dauer der sogenannten Redispatchmaßnahmen verdoppelte sich annähernd auf knapp 16 000 Stunden 2015. Die betroffenen Strommengen hätten sich in etwa verdreifacht, heißt es in dem Bericht. Die Kosten für die Netz- und Systemsicherheit stiegen laut Bericht 2015 auf 1,13 Milliarden Euro. Im Vorjahr waren es noch 436 Millionen Euro. Zahlen müssen das die Verbraucher über den Strompreis.

„Die Netzbetreiber müssen immer öfter eingreifen. Damit steigen sowohl die Kosten zur Systemstabilisierung als auch die operativen Risiken für einen sicheren Netzbetrieb“, sagt der Präsident der Bundesnetzagentur Jochen Homann auf dpa-Anfrage.

„Das ist als ob Sie bei Tempo 200 auf der Autobahn dichter auffahren“, sagt der Sprecher des Übertragungsnetzbetreibers Amprion, Thomas Wiede. „Davon gibts noch keinen Unfall, wir sind ja auch gute Fahrer, aber die Herausforderungen sind nicht kleiner geworden.“

Die Netzeingriffe seien „mit immensen Kosten verbunden, die im Endeffekt die Stromkunden schultern. Damit steigt der Druck für einen zügigen Netzausbau“, erklärte der Branchenverband BDEW. Eine Blackout-Gefahr sieht der Verband aber nicht: „Das System ist weiterhin robust, selbst wenn ein harter Winter kommen sollte.“

Hinter den Kulissen wächst dennoch die Sorge der Fachleute. Vor allem im windreichen Winter ist der Druck auf die Netze enorm: Dann erzeugen die Windparks im Norden überdurchschnittlich viel Strom, während die Photovoltaikanlagen im Süden kaum noch liefern - der Transportbedarf von Nord nach Süd wächst, und die Leitungen kommen oft nicht mit. Im vergangenen Winter 2015/2016 wurden die Reservekraftwerke im In- und Ausland - vor allem in Österreich - laut Bericht bereits deutlich häufiger angefordert als im Vorjahr: an 93 Tagen, ein Jahr zuvor waren es nur 7 Tage.

Ein wirkliche Lösung bringt nur ein erheblicher Stromnetzausbau vor allem in Nord-Süd-Richtung - doch dabei gibt es nur sehr langsame Fortschritte. Der Netzausbau laufe weiter „verspätet“, kritisiert der Bericht. Von den rund 1 800 Kilometern des 2009 verabschiedeten ersten Netzausbaugesetzes sind gerade erst rund ein Drittel realisiert, bis 2017 rechnet die Netzagentur immerhin mit 45 Prozent. „Es bleibt zentrale Aufgabe, dass wir mit dem Netzausbau vorankommen, damit die Energiewende gelingen kann“, appelliert Homann.

Für zwei der drei geplanten Nord-Süd-Stromautobahnen gibt es immerhin erste Vorschläge für einen Leitungskorridor, bei der dritten von Emden durch NRW nach Baden-Württemberg hat die Suche begonnen. Auch hier sind Verspätungen aber zu erwarten. So brachte der Ende 2015 beschlossene Vorrang von Erdkabeln vor Überlandleitungen zunächst mal Verzögerungen, weil weit gediehene Planungen neu aufgesetzt werden mussten. Die rechtlichen Auseinandersetzungen mit betroffenen Bürgern sind zudem erst zu erwarten, wenn konkrete Trassen feststehen.

Nach jetzigem Stand sollen die drei Stromautobahnen, die „Schlagadern“ der Energiewende, 2025 ans Netz gehen - zwei bis drei Jahre nach dem endgültigen deutschen Atomausstieg Ende 2022 und damit schon nach jetziger Planung eigentlich zu spät: Für einen jahrelangen Übergangszeitraum fällt der Atomstrom bereits weg, die Netze für den Transport von Ersatz stehen aber noch nicht komplett. (dpa)