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Immer mehr Waschbären in der Stadt

Der eingeschleppte Räuber vermehrt sich stark. Daran trägt nicht zuletzt der Mensch Mitschuld, sagt ein Jäger.

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© Claudia Hübschmann

Von Peter Redlich und Stefan Lehmann

Riesa/Radebeul. Wieder ein Anruf. Jagdpächter Bodo Pietsch wird in den letzten Wochen beinahe täglich um Hilfe gebeten. Diesmal kommt das Telefonat aus den Radebeuler Weinbergen, vom Hang direkt neben dem Wasserturm. Gerade einmal vier Tage lang stand die Klapptürfalle hier, schon hat sie zugeschnappt: In der Ecke haben sich zwei junge Waschbären zusammengeduckt. Ein Hühnerbein als Köder hat sie angelockt. Auch Fischreste und Nutella-Brötchen seien geeignet, sagt Pietsch. Er wird die beiden töten müssen. Pietsch: „Waschbären, aber auch andere Wildtiere haben sich durch die milden Winter und reichlich Nahrungsangebot beinahe explosionsartig vermehrt. Da müssen wir regulierend eingreifen.“

Bodo Pietsch ist nicht der einzige Jäger im Landkreis, der bemerkt, dass sich Wildtiere auch in der Stadt zunehmend wohlfühlen. „Die Tiere versuchen immer mehr, in die Stadt zu gelangen“, sagt Gerhard Herrmann. Der Tierpark-Chef teilt sich mit einem weiteren Jäger das Jagdrevier Riesa. Bisher hat diese Pächtergemeinschaft in diesem Jahr in Riesa 14 Waschbären gefangen. „Es werden voraussichtlich mehr als 20“, schätzt Herrmann. Die Fangzahlen seien in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen: 2010 waren es noch sieben, 2013 schon 15 Tiere. Im vergangenen Jahr gingen den Jägern insgesamt 20 Waschbären in die Falle.

Waschbär verdrängt Fuchs

Einem anderen tierischen Stadtbewohner begegnen die Jäger dagegen seltener: „Die Zahl der Füchse war zuletzt rückläufig.“ Nur acht Tiere seien in diesem Jahr bisher gefangen worden. Wie groß die Population tatsächlich sei, könne er aber auch nicht einschätzen, betont Gerhard Herrmann. Darüber sagen auch Fangzahlen streng genommen nichts aus. Er vermute aber, dass eine Art Verdrängungswettbewerb zwischen beiden Arten stattfindet, weil beide einen ähnlichen Lebensraum beanspruchten. Dass Wildtiere generell nach Riesa drängen, hat laut Herrmann einen einfachen Grund. „Die Landschaft draußen ist ausgeräumt, es gibt kaum noch Fressbares.“ Wie so oft sei das Problem menschgemacht. Monotone Fruchtfolgen, aufgeräumte Landschaften, all das trage dazu bei, dass sich viele Arten einen neuen Lebensraum suchen. Reh und Wildschwein sind in Riesa dagegen eher selten – anders als etwa in Radebeul. „Diesen Tieren fehlen hier die Rückzugsmöglichkeiten“, sagt Gerhard Herrmann. Selbst der Stadtpark sei noch zu klein, um dauerhaft als Lebensraum zu dienen. Rehe sehe man nur in den Randgebieten der Stadt regelmäßig.

Anpassungsfähige Arten wie der Waschbär dagegen finden auch in leerstehenden Gebäuden Unterschlupf. In der Stadt haben sie es leicht, Fressbares zu finden – sei es der Futternapf von Katze und Hund, Obstbäume oder Essensreste im Müll. In Merzdorf hatte sich eins der Tiere erst im Frühjahr an einem Kaninchenstall zu schaffen gemacht. Besonders Vogelfreunde haben ihre Probleme mit dem Waschbär: Wo er auftaucht, nimmt die Zahl der Singvögel und Enten deutlich ab.

Ideale Vermehrungsplätze sind laut Bodo Pietsch vermüllte, unaufgeräumte Gärten und Grundstücke. Deshalb, so der Jäger, seien sie auch schon in Altkötzschenbroda zu Hilfe gerufen worden, wo nun die beiden jungen Waschbären in der Falle gelandet sind. Im Gepäck hat der Jäger ein Kleinkalibergewehr. „Die Tiere sollen nicht leiden. Das Töten muss schnell und geübt passieren“, sagt er. Deshalb ist es auch nur mit Zulassung erlaubt – eben für Jäger, für Tierärzte oder Schlachter. Die beiden Waschbären haben es schnell hinter sich. Die toten Körper werden zur Tierkörperbeseitigung nach Lenz gebracht. Auch ein Falkner nutzt das Fleisch. Sogar nach Bayern hat Bodo Pietsch schon fünf Waschbären geschickt. Die werden dort präpariert, als Anschauungsstücke für die Jäger – weil die Tiere in Bayern noch nicht so häufig seien, wie in Sachsen.