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Randale im Ramadan

Immer wieder kommt es in Dresden zu Ärger und Gewaltausbrüchen im Asylheim an der Hamburger Straße. Laut Polizei hat das mit dem muslimischen Fastenmonat zu tun. Aber ist das wirklich so?

© Jürgen-M. Schulter

Von Sandro Rahrisch und Julia Vollmer

Kaum eine Woche vergeht, in der die Polizei nicht im Asylheim an der Hamburger Straße anrücken muss. Mal geht es um Brandstiftung, dann prügeln Dutzende Bewohner aufeinander ein. Zuletzt sind es sogar Polizisten gewesen, gegen die sich die Gewalt im alten Technischen Rathaus richtete. Am vergangenen Freitag sind Beamte mit glühenden Zigaretten beworfen und einer Eisenstange angegriffen worden. Was ist los in der Erstaufnahmeeinrichtung?

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Polizeipräsident Horst Kretzschmar sucht am Montag nach Antworten. Zu den genauen Hintergründen der Attacken könne er noch keine abschließenden Aussagen treffen. „Allerdings scheint die Situation um den Ramadan maßgeblich für die Häufung zu sein.“ Die Tat am Freitag reihe sich in mehrere ähnliche Einsätze in den Erstaufnahmelagern an der Hamburger und der Bremer Straße ein. Dabei sei eine Häufung im Mai erkennbar, an dem sich allein elf der bisher 31 Einsätze im Zusammenhang mit Gewaltdelikten ereigneten, so Kretschmar weiter.

Die letzten großen Einsätze liegen gerade einmal eine Woche zurück. In mindestens einem Fall soll sich der Streit an der Essensausgabe entzündet haben. Auslöser war ersten Angaben des Heimbetreibers European Homecare zufolge die Hausordnung, nach der ausgegebenes Essen zwingend im Speiseraum verzehrt werden muss. Offenbar wollten die Asylbewerber ihr Essen sowohl in ihren Zimmern zubereiten als auch dort zu sich nehmen. Aus hygienischen Gründen sei das allerdings verboten, so ein Sprecher des Betreibers.

Eine gewisse Gereiztheit unter muslimischen Asylbewerbern hatte die Polizei schon früher festgestellt. Mit Hunger und Durst würde es jedem Menschen so gehen, egal welcher Herkunft und welchen Glaubens, sagte ein Berliner Polizeisprecher im vergangenen Jahr. Kollegen wurde geraten, sich auf den Fastenmonat einzustellen, wenn sie mit Muslimen zu tun haben. Beim Ramadan ist es den Gläubigen nur nach Sonnenuntergang erlaubt zu essen.

An der Hamburger Straße sind derzeit etwa 446 Menschen untergebracht – Asylbewerber aus sehr verschiedenen Ländern. Nicht alle, die auffällig werden, begehen den Ramadan. Auch der Vorfall am Freitag passt nicht zur Theorie der Polizei. Denn ersten Ermittlungen zufolge nötigten zwei Georgier gegen 21.15 Uhr einen 14-jährigen Jungen, ihnen Essen zu bringen. Doch der syrische Teenager lehnte das ab, da um diese Zeit nur noch Speisen an Bewohner ausgegeben werden, die den Ramadan begehen. Die beiden Männer spuckten daraufhin auf seinen Teller und wurden handgreiflich. Möglich, dass sie sich wegen anderer Essenszeiten ungleich behandelt fühlten.

Der Wachdienst informierte eine Gruppe von zehn Polizisten über eine drohende Auseinandersetzung. Die Beamten befanden sich gerade für eine richterliche Durchsuchung im Zusammenhang mit einem Diebstahl im Haus. Sie alarmierten weitere 52 Kollegen. Im Hof sprachen die Einsatzkräfte die Georgier an. Doch plötzlich sammelten sich etwa 50 Sympathisanten der Männer. Sie beleidigten die Beamten, bewarfen sie mit Zigaretten und zerrten an deren Ausrüstung. Sie versuchten, die Polizeikette zu durchbrechen. Zwei Uniformierte erlitten leichte Verletzungen. Schließlich gelang es, die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Vier Georgier wurden festgenommen.

Flüchtlingsrat kritisiert Zustände

Der Ausländerrat sieht den Ramadan nicht als einzige Ursache für die Gewalttaten der letzten Wochen. Die Umstände in der Einrichtung und insbesondere die Lebensumstände seien wichtige Gründe, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Henriette Hanig. „In der besonderen Zeit des Ramadans kochen dann die Gemüter schneller hoch als sonst.“ In dem Essensbereich würden teilweise bis zu 35 Grad herrschen, ein Fenster ließe sich dort nicht öffnen. „Und das Essen reicht nicht für alle“, behauptet Hanig. Auch Mark Gärtner vom Flüchtlingsrat kritisiert die Zustände. „Die Leute dort haben keinerlei Privatsphäre, können sich nicht zurückziehen und die Zimmer und Duschen nicht abschließen.“

Vorwürfe, wonach die Bewohner nach 21 Uhr keine Essenversorgung mehr bekommen, will die zuständige Landesdirektion Sachsen so nicht stehen lassen. Während des Ramadans gebe es zusätzliche Essenszeiten von 20.30 bis 22 Uhr sowie von 1 bis 3 Uhr, heißt es. Auch der Betreiber widerspricht. European Homecare betreue Asylbewerber, die am Ramadan teilnehmen, seit Jahren in sehr großer Zahl und fast allen Einrichtungen quer durch Deutschland, und zwar durchgängig beschwerdefrei, so ein Sprecher.

David Eckardt ist Geschäftsführer des Landesverbandes Arbeiterwohlfahrt (AWO) und sieht die Traumatisierung vom Krieg und die langen Wartezeiten auf Asylbescheide als weitere Ursachen. Der Ramadan sei eine wichtige Zeit, darauf müssten die Betreiber bei der Planung Rücksicht nehmen. Dass das möglich sei, zeigten die beiden Unterkünfte, die von den Johannitern an der Strehlener Straße und der Gustav-Hartmann-Straße betrieben werden. Der Ramadan endet dieses Jahr am 14. Juni.

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Zumindest für einen der mutmaßlichen Täter soll die Aktion vom Freitag Konsequenzen haben. Ein 42-jähriger Georgier wurde wegen eines schon bestehenden Haftbefehls ins Gefängnis gebracht worden und soll abgeschoben werden. Die drei anderen Männer wurden wieder auf freien Fuß gesetzt.