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In Asien entstehen 43 neue Atomkraftwerke

Die Katastrophe von Fukushima hat kaum Angst verbreitet. China, Indien und Südkorea haben große Ziele.

Von John Grafilo, Kuala Lumpur

Kein öffentlicher Aufschrei, keine Energiewende: Die Reaktor-Katastrophe in Fukushima hat in Asien wenig aufgeregte Reaktionen ausgelöst. Die meisten Länder setzen weiter auf Atomkraft. Die Stimmung bei der Nuclear-Power-Asia-Konferenz Anfang des Jahres in Kuala Lumpur war entsprechend positiv.

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Weltweit sind nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) 68 Atomreaktoren im Bau. 43 davon entstehen in Asien: 29 in China, sieben in Indien, vier in Südkorea. Dutzende weitere sind geplant, vor allem in Asien. Vietnam will bis 2030 acht Reaktoren bauen. Der erste soll 2020 ans Netz gehen. Indonesien plant vier Reaktoren bis 2025, Malaysia mindestens zwei in den nächsten 20 Jahren. „Weltweit wird die Atomkraftkapazität von 393 Gigawatt 2009 auf 630 Gigawatt 2035 steigen“, schreibt der Industrieverband World Nuclear Association (WNA) – hauptsächlich in Asien. Auch Japan will drei neue Atomkraftwerke bauen. Die neue Regierung unter Ministerpräsident Shinzo Abe hatte kurz nach ihrem Amtsantritt angekündigt, die von der Vorgängerregierung vom Netz genommenen Kraftwerke bald wieder zu aktivieren.

„Viele asiatische Länder wollen Atomenergie, weil ihr Energiebedarf mit der Industrialisierung rasant steigt“, sagt Akira Maru, der im japanischen Konzern Hitachi Ltd. die Sparte Reaktorbau verantwortet. „Eigene Ressourcen zur Energieerzeugung, Gas- und Ölvorkommen gehen zur Neige.“

Malaysia fördert zwar Öl und Gas, doch will das Land den Energiemix ausweiten, sagt der Chef der malaysischen Atomkraftfirma Malaysia Nuclear Power Corp, Mohamad ZamZam Jaafar. Der Reaktorunfall in Fukushima, wo wegen Verstrahlung 160 000 Menschen ihre Heimat verlassen mussten, habe die Pläne verzögert, sagt er, aber nur kurz. „Fukushima passierte kurze Zeit, nachdem wir gegründet worden waren“, sagt Jaafar. Die Machbarkeitsstudie für die malaysischen Reaktoren habe dadurch sechs Monate länger gedauert als geplant.

„Das Fukushima-Desaster hat das Interesse der asiatischen Regierungen an einer Fortsetzung ihrer Atomprogramme nicht gemindert“, sagt Arif Fiyanto, Sprecher der Umweltorganisation „Greenpeace“ in Südostasien. Dabei hätten die Länder jede Menge Alternativen, um ihren Bedarf aus nachhaltigen Energiequellen zu decken, sagt er: Geothermie, Wasserkraft, Solar- und Windparks. Korruption sei in Asien ein zusätzlicher Gefahrenfaktor: wenn Sicherheitsauflagen mit Schmiergeldzahlungen umgangen würden, drohe ein noch größerer Unfall als in Fukushima, warnt Fiyanto.

Keine Gefahr sieht dagegen die Sprecherin des französischen Instituts für Reaktorsicherheit IRSN, Ilma Choffel de Witte. „Verglichen mit der chemischen Industrie ist die Atomindustrie sehr viel stärker reguliert“, sagte sie. Nicht nur die eigenen Regierungen, sondern auch internationale Organisationen wie die IAEA überwachten die Sicherheit.

Unterdessen gibt es neue Vorwürfe gegen den Betreiber des havarierten Atomkraftwerks Fukushima: „Tepco“ habe im vergangenen Jahr durch eine Lüge verhindert, dass ein vom Parlament bestimmtes Expertenteam im Inneren des Gebäudes von Reaktor Nummer 1 beschädigte Sicherheitsausrüstungen untersucht, sagte gestern ein Mitglied des Gremiums. Das Team wollte im Februar vergangenen Jahres herausfinden, ob bereits das Erdbeben vom 11. März 2011 wichtige Geräte zur Sicherung des Reaktorgebäudes beschädigt hatte, noch bevor der Tsunami das Atomkraftwerk verwüstete. Doch die Untersuchungen seien von „Tepco“ mit falschen Erklärungen „blockiert“ worden, sagte Tanaka. Das Unternehmen wies den Vorwurf der Lüge zurück. Es behauptet, nicht das Erdbeben, sondern allein der Tsunami habe zu der Katastrophe geführt. Dem Atombetreiber war schon früher vorgeworfen worden, nur unzureichend über die Lage in der Atomruine informiert zu haben. Nach Angaben der Regierung ist die Atomruine inzwischen unter Kontrolle. Es muss aber weiter Wasser zur Kühlung der Reaktoren eingepumpt werden. (dpa)

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