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Drei Schritte zum Siemens-Industriepark

© Nikolai Schmidt

Trotz Stellenabbaus gibt es eine Perspektive für Görlitz: Neue Technologien und Unternehmen könnten neue Jobs bringen.

Von Sebastian Beutler

Görlitz. Am Tag danach ist es wie im Auge des Orkans: Ruhe. Vor dem Siemens-Tor an der Görlitzer Lutherstraße geht alles seinen gewohnten Gang, nichts deutet darauf hin, dass sich Gesamtbetriebsrat und Siemens-Spitze am Montag auf den Abbau von 170 Stellen für das Görlitzer Werk verständigt haben. Im Betrieb selbst ist die „Interessenausgleich“ genannte Einigung vom Montag das beherrschende Thema. Die Görlitzer Werksleitung erläutert die Inhalte, Betriebsrat und IG Metall bereiten sich auf eine außerordentliche Mitarbeiterversammlung an diesem Mittwoch vor. Ostsachsens IG-Metall-Chef Jan Otto gibt die Strategie vor: „Wir sind froh, dass der Standort erhalten bleibt. Und wollen nun weiter dafür kämpfen, dass die von dem Stellenabbau betroffenen Kollegen Alternativen erhalten – am besten bei Siemens und in Görlitz.“ Was den Gewerkschafter trotz des Stellenabbaus so zuversichtlich macht, sind die Zusagen von Siemens, die seit Anfang Mai auf dem Tisch liegen, bislang aber nur zum Teil öffentlich wurden. Es sind praktisch drei Säulen, die damals vereinbart wurden und an deren Ende ein Industriepark im Siemens-Werk entstehen könnte.

Erster Schritt: Umstrukturierung zur Welt-Zentrale, aber Jobabbau

Die erste ist der Erhalt des Turbinenwerks und der Ausbau zur weltweiten Siemens-Zentrale für Industriedampfturbinen. Verbunden mit einer Umstrukturierung, zu der auch ein Stellenabbau gehört. Dafür gibt es nun seit Montag konkrete Zahlen. Es sollen 170 Stellen gestrichen werden. Unklar ist noch, von welcher Basis aus. Laut Siemens gibt es 720 Vollzeitstellen in Görlitz, wegen Teilzeitlösungen arbeiten aber 960 Beschäftigte am Standort. Innerhalb der nächsten zwei Jahre, so kündigte Personalvorstand Janina Kugel vor Journalisten am Montag an, solle der Stellenabbau über die Bühne gehen. Der IG-Metaller Jan Otto sagt, die ersten Stellenstreichungen sollen Mitte/Ende 2019 spruchreif sein. Ursprünglich hatte Siemens im November vergangenen Jahres angekündigt, den Görlitzer Standort bis 2023 zu schließen. Otto sieht Verhandlungsspielraum, zumal es Aufträge für Industriedampfturbinen gibt. Zuletzt informierte Siemens über eine Order aus Japan. Otto hat das Beispiel Bombardier in Görlitz vor Augen. Da plant das Unternehmen auch einen viel stärkeren Personalabbau als im Moment möglich, weil die vorhandenen Aufträge erst noch abgearbeitet werden müssen.

Zweiter Schritt: Siemens siedelt neue Technologien in Görlitz an

Die zweite Säule der Einigung vom Mai sieht die Ansiedlung neuer Technologien von Siemens in Görlitz vor. Da rückt die Wasserstoff-Technologie für den Antrieb von Autos in den Blickpunkt, an der Siemens arbeitet. Die Gewerkschaften hoffen, dass es gelingt, sowohl Forschung und Entwicklung als auch die Produktion in Görlitz anzusiedeln. Personal-Vorstand Janina Kugel jedenfalls sprach auch von neuen Chancen für die Siemens-Standorte durch den Interessenausgleich und die Umstrukturierungen in der Kraftwerkssparte. Es wäre auch der Erhalt von Kompetenzen für die Energiewirtschaft in der Region, die derzeit von konventionellen Kraftwerken und Kohle-Tagebauen geprägt ist. Deren Ende, den sogenannten Kohleausstieg, verhandeln derzeit die Interessengruppen in einer Bund-Länder-Kommission. Ende des Jahres sollen Details vorliegen. Dann könnte auch feststehen, ob eine deutsch-polnische Batteriefabrik für E-Autos in der Lausitz angesiedelt wird. Das Projekt wird derzeit von Wirtschaftsminister Peter Altmaier vorangetrieben, Polen ist daran interessiert.

Dritter Schritt: Neue Unternehmen wie Euroimmun schaffen neue Jobs

Die dritte Säule der Einigung vom Mai lautet: Ansiedlung externer Firmen. Da laufen vor allem Gespräche mit der Euroimmun AG von Winfried Stöcker. Sie hat schon zwei Produktionsstätten in der Nähe von Görlitz, in Bernstadt und Rennersdorf. Lieferte Euroimmun lange Jahre vor allem Diagnosematerialien für medizinische Labors, so geht das Lübecker Unternehmen zunehmend dazu über, ganze Diagnoseautomaten herzustellen. Dazu aber muss Stöcker seine Kapazitäten im Spritzguss und auch in der Bearbeitung von Metallteilen, beispielsweise durch Fräsen, erhöhen. So bestätigte Stöcker am Dienstag gegenüber der SZ laufende Gespräche mit Siemens und hofft auf Einigung noch in diesem Jahr, um möglichst Anfang 2019 mit der Produktion zu starten. „Mein Wunsch ist es, dass wir einem großen Teil derjenigen von Siemens eine Arbeit anbieten können, die jetzt vom Stellenabbau bedroht sind“, erklärte Stöcker. Von rund 150 Mitarbeitern spricht Stöcker. „Und wir haben bei Siemens nachgefragt, ob sie uns eine Halle in Görlitz vermieten.“

So gibt es vorsichtigen Optimismus an der Görlitzer Lutherstraße, dass trotz Stellenabbau am Ende alle Beschäftigten eine Perspektive haben werden. Und vielleicht noch ein paar zusätzliche Jobs entstehen. Vize-Betriebsratsvorsitzender Christoph Scholze, im Betrieb als Innovationsmanager tätig, war just am Montag in Berlin. Und traf Arbeitsminister Hubertus Heil von der SPD. Scholze, der zu der Radstafette von Görlitz nach München Anfang des Jahres gehörte, lud Heil nach Görlitz ein. Um mit ihm vor Ort über Rahmenbedingungen für den Strukturwandel zu sprechen. Heil nahm die Einladung an.