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Last-Minute-Rettung vor Abschiebung

Eine in Meißen bestens integrierte tunesische Asylbewerber-Familie saß bereits in der Maschine nach Afrika, als der Fall eine neue Wendung nahm.

Von Peter Anderson und Marcus Herrmann

Meißen. Dramatische Szenen haben sich am Donnerstagmorgen am Meißner Busbahnhof abgespielt. Die in der Stadt sehr gut vernetzte und bekannte Asylbewerber-Familie Oueslati war SZ-Informationen zufolge 6 Uhr von Meißner Polizisten aus ihrer Wohnung geholt und zu einem Bus am Busbahnhof gebracht worden.

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Das Ehepaar und seine drei Kinder sollten 14.30 Uhr den Flug in ihr Herkunftsland Tunesien antreten. Zahlreiche engagierte Meißner wie Pfarrer Gerold Heinke von der Trinitatiskirchgemeinde und Jeanette Mahlow versammelten sich, um gegen die Abschiebung zu protestieren.

Die Oueslatis waren bereits vor der Flüchtlingswelle 2013 ordnungsgemäß mit Pässen nach Deutschland eingereist. Dies dürfte ihnen nun geschadet haben, da aufgrund der klaren Identität eine Abschiebung deutlich einfacher möglich war als bei jenen Flüchtlingen, die ihre Papiere vernichteten.

Die Familie gilt in Meißen als Musterbeispiel für eine gelungene Integration. Alle fünf Familienmitglieder sprechen sehr gut bis fließend Deutsch. Der jüngste Sohn beherrscht kein Arabisch mehr, würde sich demnach in Tunesien nicht verständigen können. Tochter Molk zählt in ihrer Schulklasse an der Questenberg Grundschule zu den besten Schülerinnen. Ilhem Oueslati kümmerte sich selbst um die Finanzierung ihres Sprachkurses, da die Behörden entsprechende Mittel verweigerten. Sie arbeitet für die Meißner SPD-Bundestagsabgeordnete Susann Rüthrich. Ahmed Oueslati – der in Tunesien als Polizist tätig war – absolvierte erfolgreich einen Kurs für das Bewachungsgewerbe. In nächster Zukunft kann er eine Ausbildung im Hotel Burgkeller beginnen. Dort sind insbesondere die Französisch- und Arabisch-Kenntnisse Ahmed Oueslatis hochwillkommen. Beide Elternteile ließen sich am 15. Oktober 2015 in der Meißner Trinitatiskirche taufen.

Nur Quoten erfüllen?

„Mit dem Beginn der Ausbildung muss Ahmed Oueslati in Deutschland geduldet werden“, sagt Sören Skalicks vom Bündnis Buntes Meißen. Dies wolle das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vermutlich verhindern. „In diesem Fall geht es offenbar nur darum, Abschiebe-Quoten zu erfüllen. Der Integrationsstatus spielt keine Rolle“, so Skalicks. Erschüttert zeigte sich auch der umstrittene Meißner CDU-Stadtrat Jörg Schlechte. „Das mag rechtlich alles korrekt sein, trotzdem geht es nicht“, so Schlechte. Die Oueslatis hätten sich beispielhaft in die Stadt eingefügt. Streetworkerin Aliki Reyes schrieb auf Facebook: „Nein. Ich verstehe es nicht. So eine engagierte junge Frau.“

Der Einsatz vieler Meißner auf ganz verschiedenen Kanälen zeigte am Nachmittag Wirkung. Gegen etwa 14 Uhr erreichte die SZ die Nachricht, dass die Familie wieder aus dem Flugzeug aussteigen durfte. Wie zu erfahren war, soll die ins Innenministerium gefaxte Kopie eines Arbeitsvertrages für eine Wende in dem Fall gesorgt haben. Damit könnte es zu einer Duldung der Familie kommen. Weitere Details werden für Freitag erwartet.

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Den Oueslatis wurde zum Verhängnis, dass sie ordentliche Pässe haben und der Vater von drei Kindern bald eine Ausbildung begonnen hätte.

Nach Deutschland war die Familie 2013 gekommen, weil sie in Tunesien von Islamisten bedroht wurde. „Während der Revolution parkten jede Nacht Autos vor unserer Tür. Leute stiegen aus, füllten Kisten mit Pistolen und Maschinengewehren, tauschten sie untereinander aus. Manchmal fielen in der Nähe Schüsse“, so Ahmed Oueslati. Weil er die Vorgänge anzeigt, wird er kurz darauf bedroht. Radikale Islamisten unterwandern die Polizeibehörden, setzen Andersgläubige oder Atheisten unter Druck. Als auch die Kinder der Oueslatis öffentlich angefeindet werden, weil ihre Eltern nicht an Allah glauben, sieht die Familie keinen Ausweg mehr als die Flucht.