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„In Städten wird schneller Chaos herrschen“

Das Hochwasser 2002 in Meißen brachte Hendrik Schirmer zum Umdenken. Jetzt verkauft der Überlebens-Zubehör.

© Claudia Hübschmann

Von Jens Eumann

Meißen. 14 Jahre ist es her. Doch haben sich bei Hendrik Schirmer die Bilder jener Woche eingebrannt, die er im August 2002 in Meißen verbrachte. „Erst die Szenen von der Springflut der Weißeritz, die wir sahen. Dann warteten wir selbst auf die zweite Welle an der Elbe“, entsinnt sich der 45-jährige Dessauer. „Ich war damals nach einer Operation dort zu Besuch, brauchte Bettruhe. Daraus wurde eine Woche auf einem Balkon, wo wir uns mit ein paar Keksen über Wasser hielten.“ Buchstäblich - eingeschlossen von der die Stadt überflutende Elbe. Über Leiter und Boot rausbringen können habe man ihn nicht, berichtet Schirmer, wegen der Gefahr einer Verschmutzung seiner Wunde. Damals schwor er sich: „So unvorbereitet, das passiert mir nie mehr.“

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Hendrik Schirmer, Überlebens-Experte
Hendrik Schirmer, Überlebens-Experte © FB-Profil Schirmer

Danach sattelte Schirmer um. Vom Kommunikationselektroniker wurde er zum Versandhändler für Dinge, die das Überleben sicherstellen sollen. Sonst stammt seine Kundschaft aus dem Kreis der Jünger von Survival-Ikone Rüdiger Nehberg. Doch derzeit bricht eine regelrechte Welle über ihn herein, sagt er. „Unser Weihnachtsgeschäft ist schon losgegangen, aber die Nachfrage nach Notfall-Rucksäcken kam brachial dazu.“ Die ersten Zulieferer hätten Engpässe. Über seine Internet-Plattform „Fluchtrucksack.de“ vertreibt er ja nicht nur Einzel-Artikel, die Urwald-Fans das Herz höher schlagen lassen: GPS-Armbanduhr, Multifunktionstaschenmesser, Wasserfilter, Moskitonetz-Hängematte. Angesichts der von der Bundesregierung entfachten Zivilschutz-Debatte haben derzeit vor allem zusammengestellte Sets Hochkonjunktur.

Das Bevorraten, zu dem Katastrophenschützer raten, sei schließlich nur für zu Hause sinnvoll. „Was nützen die ganzen Vorräte, wenn die Feuerwehr vor der Tür steht und sagt, Sie haben 20 Minuten, das Wichtigste einzupacken.“ Für solche Fälle sei der gerade besonders gefragte „Notfallrucksack“ gedacht. Dessen Basis-Variante wiegt samt Inhalt fünf Kilogramm „und steht in der Ecke, in der Hoffnung, dass man ihn nie brauchen wird“, sagt Schirmer. Gefüllt ist der 65 Liter fassende Bundeswehr-Rucksack mit Morse-Taschenlampe, Notkocher, Blechtasse, Signalpfeife, Bundeswehr-Notration, Benzinfeuerzeug, wasserdichter Dokumentenhülle, einem Angel-, einem Erste-Hilfe-Set, einer 1-Liter-Trinkflasche, fünf versiegelten Beuteln mit je 100 Millilitern Trinkwasser, Pfefferspray, Leuchtstäben, einem Dosenöffner und einer Liste mit Vorsorge-Tipps. Selbst einpacken muss man dann noch passende Kleidung, Medikamente und Dokumente.

Stromausfall am wahrscheinlichsten

„Konsequente Notfallvorsorge beginnt im Kopf – mit der Bereitschaft, eventuelle Szenarien durchzuspielen. Viele sehen gar nicht die Notwendigkeit, sich auf Eventualitäten vorzubereiten“, sagt Schirmer. Das hält er für falsch. Doch tritt er zugleich auf die Bremse, da er die öffentliche Debatte derzeit von Vorsorge in Richtung Panikmache abdriften sieht.

„Das wahrscheinlichste Szenario einer Katastrophe ist ein Stromausfall“, glaubt er. Genau dieses hat der Bundestag bereits 2010 beleuchten lassen. In der 264 Seiten langen Studie „Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften am Beispiel eines großräumigen Ausfalls der Stromversorgung“ zeigt das Büro für Technikfolgenabschätzung, was passieren würde, wenn der Strom flächendeckend ausfiele – und das über mehrere Wochen.

Zu Beginn sei das „allenfalls lästig, unbequem, für manche vielleicht beunruhigend, für andere unterhaltsam und wohltuend irritierend“, hält die Studie fest. „Dann aber beginnt die öffentliche Ordnung zusammenzubrechen ... Trinkwassermangel, Nahrungsknappheit, aggressive Auseinandersetzungen, gehäufte Todesfälle in Krankenhäusern und Altenheimen sind Zeichen der scheiternden Bemühungen um Bewältigung.“ Das Ganze wirke „wie ein Strudel“ und könne nach Ausfall des elektronischen Zahlungsverkehrs und Versagen von Geldautomaten durch die entstehende Bargeldknappheit zu Vandalismus führen. „Plünderungen und Unruhen“ seien „Folge einer ungeordneten und unsicheren Situation“ wenn das „Korsett der Kultivierung nicht mehr hält“, konstatiert das Bundestags-Papier.

Der sechs Jahre alte Bericht liest sich wie die Vorlage zum 2012 erschienenen Thriller „Blackout“ des österreichischen Autors Marc Elsberg. Der bekam selbst von Experten Lob. Dass sich Cyber-Terroristen, wie von Elsberg beschrieben, in die Software der Stromversorger hacken und alles lahmlegen, bezeichnete Gunter Scheibner gegenüber der „Freien Presse“ schon vor zwei Jahren als „gut recherchiertes“ und „realitätsnahes“ Szenario. Scheibner ist beim Netzbetreiber 50 Hertz für die Überwachung eines Teils des deutschen Stromnetzes zuständig. An diesem Teil hängen rund 18 Millionen Menschen.

„Auf dem Land wird es länger dauern, bis die öffentliche Ordnung zusammenbricht. In Ballungsräumen geht es schneller“, ist sich Survival-Versender Hendrik Schirmer sicher. „In Städten würde es keine Woche dauern, bis sich Leute einfach nehmen, was sie brauchen, inklusive Einbruch und potenzieller Waffengewalt“, glaubt er. Einfach die Polizei zu rufen, würde ja nicht funktionieren – kein Telefon! Und selbst wenn der Akku noch Saft hat – kein Netz! „Außerdem haben Polizisten selbst Familien, um die sie sich kümmern müssten“, sagt Schirmer. „Wer in so einer Situation Vorräte hat, muss nicht da hinaus. Zum Survival gehört eben auch, sich Gefahren gar nicht erst auszusetzen.“