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In welchem Alter hast du das erlebt?

Als die Mauer fiel war Dominique drei und Claudia zwölf. Über den Umgang mit Umbrüchen. 

©  dpa

Liebe Dominique,

du warst drei, als die Mauer fiel? Und darf man das hier in Sachsen überhaupt sagen: die Mauer fiel? Ich merke gelegentlich, dass Formulierungen wie Mauerfall und Wende nicht sooo gut ankommen. Sie klingen zu passiv, habe ich gelernt. Damit würde die Leistung der Menschen unter den Tisch gekehrt, die Mauer sei ja nicht einfach umgekippt. 

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Ich kann die Menschen allmählich verstehen. Jedenfalls die, die sich damals mehr oder minder positioniert oder still gehofft haben. Und auch die anderen, die mit den Folgen fertig werden mussten.

Heute in der Johanneskirche habe ich Claudia kennengelernt. Claudia war zwölf, im November 1989. „Mein Vater“, sagt sie, „hat mit uns Kindern nie darüber reden können.“ Er sei nicht arbeitslos geworden damals, auch weil er drei Kinder zu ernähren hatte, aber viele andere in seinem Betrieb hätten ihren Job verloren. Und nicht verstanden, warum so viele Unternehmen in Ostdeutschland dichtmachen mussten. 

Man ahnt, was es für ein Mädchen in diesem Alter bedeutet, wenn so ein Umbruch alle Sicherheiten in Frage stellt und alle Erwachsenen mit sich selbst beschäftigt sind. Die Eltern – nicht wirklich Gesprächspartner, die Lehrerin – die war in der SED, „und das hatte auch seine Geschichte, die mit dem Krieg zusammenhängt“, weiß Claudia. Ein paar Mitschüler waren plötzlich nicht mehr da – ihre Familien stillschweigend gen Westen verschwunden, von manchen hat man nie wieder gehört. Da gab es Vertrauensbrüche...

„Unsere neuen Freiheiten waren uns auch bewusst“, sagt Claudia. Die Familie hat einen Ausflug nach München gemacht, den Onkel in Frankfurt am Main besucht. Sie hatten damals in Freital gelebt, da gab es kein Westfernsehen, und als sie bei einem FDGB-Urlaub in den Harz – vor der Wende – zum ersten Mal „Denver Clan“ gesehen hatte, war sie nicht begeistert, sondern entsetzt: so viel Bosheit!

Später, von 1997 an, hat Claudia neun Jahre im Westen gelebt, in Fürstenfeldbruck bei der Post gearbeitet. Sie ist nicht hingegangen, weil es so toll war, sondern weil es Arbeit gab. Aber dort habe man sie eher mit Misstrauen empfangen, mit Desinteresse oder Unmut: „Als nähmen wir ihnen ihre Arbeit weg. 

„Man versuchte, sich drüben was aufzubauen, aber es waren immer zwei Welten.“ Wenn sie für ein verlängertes Wochenende nach Hause kam, hat sie Verwandte und Freunde abgeklappert. Und sich die Taschen vollgepackt mit Selbstgekochtem, mit Knusperflocken, Bautzener Senf, Schlagcreme und Puddingpulver von Komet.

„Unsere Generation ist rübergangen“, sagt sie. Aber das ändere sich jetzt gerade. Die nächste Generation hat kein so gespanntes Verhältnis zum Ost-West-Thema. Und für sie selbst sei es eigentlich auch gut gelaufen. „Wenn es anders gekommen wäre, hätte ich meinen Mann nicht in Kanada kennenlernen können.“ Jetzt lebt Claudia schon lange wieder in Sachsen, mit Mann und Kindern, sie arbeitet als Ergotherapeutin in einem Altenheim. Da hört sie bestimmt viele Geschichten, viele Schicksale...

Später telefonieren wir noch einmal. Eigentlich haben wir gar nicht über das Positive gesprochen, sagt sie. Natürlich habe sie Freunde gefunden. Freunde, die ihr bis heute geblieben sind. Gesprächspartner, Menschen, mit denen sie sich austauschen konnte, durchaus neugierige, interessierte Leute.

Menschen, die wollen, dass es funktioniert, die wissen wollen, wie es ist. Wie ich sie jetzt auch in Meißen treffe. Schön hier!