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Feuilleton

In welcher Verfassung leben wir eigentlich?

Das „Forum Frauenkirche“ lädt ein zur Diskussion über das Thema „70 Jahre Grundgesetz – Ist Demokratie out?“

Wolfgang Thierse war von 1998 bis 2005 Bundestagspräsident. Er ist einer der Podiumsgäste beim „Forum Frauenkirche“. © imago/epd

Ein großer Vorteil des Grundgesetzes besteht darin, dass es so klein ist. Nur 144 Seiten hat die Taschenbuchausgabe, die es gratis bei der Bundeszentrale für politische Bildung gibt. „Es passt in jede Tasche, auch in Damenhandtaschen nimmt es kaum mehr Platz ein als ein kleines Gebetbuch oder ein Make-up-Etui.“ So hat es der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll einmal gesagt. Er empfahl, jeden Tag darin zu lesen, so leicht verständlich sei es geschrieben. Böll fügte hinzu: „Leichtes Gepäck und doch schwerwiegend, entscheidend für viele von uns, auch für Ausländer und Asylbewerber, die unter uns leben.“

Diese Worte Bölls sind aus dem Jahr 1985. Damals war das Grundgesetz gerade mal 36 Jahre alt. Schon erwachsen, aber immer noch jung. In diesem Jahr feiert die Bundesrepublik 70 Jahre Grundgesetz. Im historischen und internationalen Vergleich gilt es immer noch als eine der besten und vorbildlichsten demokratischen Verfassungen, die man sich denken kann. Aber wie sieht es in der Realität aus? Werden die Grundrechte, von denen die Rede ist, wirklich gelebt? Haben die Bürger noch Vertrauen in die Demokratie? Respektiert die Politik, dass alle Staatsgewalt „vom Volke“ ausgeht, wie es in Artikel 20 heißt?

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Eine Portion Streitkultur gehört zum Grundgesetz, deshalb lässt sich über solche Fragen auch zum Jubiläum gut diskutieren. Das „Forum Frauenkirche“ lädt am Donnerstag, dem 28. März, zu einer Podiumsdiskussion unter dem Motto „70 Jahre Grundgesetz – Ist Demokratie out?“ Zu Gast sind der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), die Politikwissenschaftlerin Astrid Lorenz, der Schriftsteller Lukas Rietzschel sowie Miriam Tscholl, die Leiterin der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden. In Kooperation mit der Sächsischen Zeitung, dem MDR und Deutschlandfunk Kultur lädt die Stiftung Frauenkirche ein zur öffentlichen Debatte in Dresdens weltberühmter Kirche. Moderiert wird das Gespräch von Alexandra Gerlach von Deutschlandfunk Kultur.

Die Runde auf dem Podium spiegelt die verschiedensten Facetten unserer Demokratie wider: Der frühere DDR-Bürgerrechtler Thierse hat es bis zu einem der höchsten Staatsämter der Bundesrepublik gebracht und ist bis heute ein unermüdlicher Mahner für Bürgerrechte geblieben. Die Politologin Lorenz hat Bücher unter anderem über das Thema Verfassungsänderungen sowie zur Demokratisierung in Ostdeutschland geschrieben. Lukas Rietzschel aus Räckelwitz machte voriges Jahr mit seinem Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ Furore im Feuilleton. Darin erzählt er die Geschichte zweier Brüder in der Oberlausitz, in der viele Kritiker einen gelungenen Schlüssel zum Verständnis von Demokratiefrust in der ostdeutschen Provinz sahen. Miriam Tscholls Bürgerbühne gilt längst bundes- und europaweit als Vorbild für partizipatives Theater. Und ohne Bürger, die mitmachen, wäre wohl die beste Verfassung der Welt nichts wert.

„Forum Frauenkirche“, Donnerstag, 28. März, 19 Uhr, Hauptraum der Dresdner Frauenkirche. Der Eintritt ist frei.

Der MDR überträgt einen Online-Livestream, der Deutschlandfunk sendet eine Aufzeichnung am 29. März um 18:05 Uhr (danach in der Mediathek).