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Inferno im Waggonbau

Im September 1941 brannten mehrere Gebäude nieder. 17 Wumag-Mitarbeiter kamen in den Flammen um.

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© Sammlung Schermann

Von Ralph Schermann

Görlitz. Merkwürdiges geschah im September 1941 in Görlitz. Nur kurz meldete die Presse: „Am Mittwoch brach in einer hiesigen Fabrik ein Brand aus, der infolge leicht brennbarer Stoffe eine größere Ausdehnung annahm. Den Feuerwehren gelang es, das Feuer auf seinen Herd zu beschränken. Die Aufrechterhaltung des Betriebes wird durch den Brand in keiner Weise berührt. Es wurden eine Anzahl Personen verletzt, vier Frauen und zwei Männer sind ihren Verletzungen mittlerweile erlegen.“

Die Flammen schlugen aus den Hallendächern.
Die Flammen schlugen aus den Hallendächern. © Sammlung Schermann

So eine drastische Untertreibung ist selten, auch wenn etwas später dann doch noch ein paar Informationen mehr publiziert wurden. Denn an jenem 17. September 1941 tobte ein Großbrand im Waggonbau an der Brunnenstraße. Die mehr als dürftige Meldung war ebenso ungewöhnlich wie das Ergebnis der späteren Untersuchung. Obwohl die Gutachten des Kriminaltechnischen Institutes Breslau nicht von einer Brandstiftung ausgingen, wurde die Schuld schnell einem Lackierer zugeschoben. Rudolf Hartmann hieß er, wurde zum Tode verurteilt und am 21. Oktober 1942 hingerichtet. Ob nicht eher die Aktionäre der Wumag, wie der Betrieb damals hieß, von Sicherheitsmängeln ablenken und die Versicherungszahlung nicht gefährden wollten, wird sich nie mehr feststellen lassen, denn die Prozessakten sind ebenso verschwunden wie mittlerweile auch eine Gedenktafel für Rudolf Hartmann, die bis zum Abbruch des Karl-Marx-Klubhauses an den eigenwilligen Vorfall erinnerte. Erhalten blieb dagegen beim Umbau zur Polizeidirektion jene Fassade, die nach dem Brand an der Teichstraße 1942 erneuert wurde.

Jener Septembertag vor 70 Jahren brachte viel Leid über Görlitzer Familien. Als die Berufsfeuerwehr, um 6.50 Uhr alarmiert, mit Motorspritze und Leiter eintraf, schlugen schon meterhohe Flammen und Rauchwolken aus den Waggonbau-Gebäuden. In einem Haus kamen 33 Personen nicht mehr heraus, riefen um Hilfe, teils mit bereits brennenden Kleidern. Schreiend hielten sich einige an Fenstersimsen fest, sprangen in die Tiefe. Auch die Sprungtücher der Feuerwehr trugen wenig zur Rettung bei, weil zu viele der Menschen in ihrer Panik gleichzeitig hineinsprangen. Es kamen neun Frauen und vier Männer in den Flammen oder durch den Sturz auf das Pflaster ums Leben. Mit drei Sanitätsautos und einem Militärlaster wurden 27 schwer verletzte Wumag-Arbeiter ins Krankenhaus gebracht, zwei von ihnen starben kurz darauf. Über die Zahl der auf dem Rasen des Ponteplatzes (heute Hildegard-Burjan-Platz) betreuten leicht verletzten Personen gibt es keine Statistik. Bei den späteren Brandschuttberäumungen wurden zudem noch die fast vollständig verbrannten Leichen zweier Männer gefunden – das düstere Bild des Schreckens zeigte letztlich insgesamt 17 Tote.

Die Berufs- und Freiwilligen Wehren sowie die Feuerwehren der Wumag und des FGörlitzer lugplatzes gaben Wasser aus allen Rohren. Doch Sattlerei, Polsterei und die Lackierhalle brannten bis auf die Grundmauern nieder. Spätere Vermutungen sprachen von einem schleifenden Lüfterrad, dessen Funkenflug Farbnebel entzündet haben könnte. Bewiesen ist nichts, doch fest steht, dass dieser Großbrand einer der schwersten in der Görlitzer Brandgeschichte überhaupt war.

Die Toten wurden in einer Nachbarhalle aufgebahrt. Am 20. September 1941 gab es eine Betriebstrauerfeier im Werk. Nicht alle der rund 4 000 Arbeiter und Angestellten nahmen daran teil, immerhin waren von ihnen etwa 1 100 Kriegsgefangene, die aus dem 1939 eröffneten Lager Stalag VIIIA kamen. Vielleicht ist auch dadurch die Zurückhaltung in der damaligen Berichterstattung erklärlich. Denn schon ab Anfang der 1930er Jahre wurden in der Wumag Militärfahrzeuge hergestellt. Der Betrieb war dem Kriegsprogramm untergeordnet und Rüstungsschwerpunkt. Aus den Betrieben Brunnen- und Lüdersstraße rollten Schallmess-, Funk-, Schützenpanzer-, Maschinengewehr- und Geländewagen, es wurden Panzeraufbauten, Sanitätsschlitten und Überladebrücken gefertigt. In den Werkstätten Brunnenstraße entstanden zudem diverse Klein- und Ersatzteile für verschiedene Kriegsgeräte.

Der Großbrand war das zweite Feuer in der Fabrik, aber längst nicht das letzte. An fast gleicher Stelle brannte es auch 1946 und 1982. Auch an das Jahr 2011 wird sich die Feuerwehr noch erinnern, als in dem da schon nicht mehr zum Waggonbau gehörenden Gebäude eingelagerte Theaterrequisiten in Brand gerieten. Das besondere am Septembertag von 1941 aber war, dass es seit den großen frühen Stadtbränden in Görlitz noch nie so viele Tote und Verletzte bei einem Feuer gegeben hatte wie bei dieser Katastrophe im Waggonbau.